Im Schnitt hat etwa jeder siebte Berliner die Mitgliedskarte eines Fitnessclubs. 
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BerlinFür Fitnessstudio-Betreiber ist jetzt die beste Zeit des Jahres. „In den ersten sechs Wochen nach Neujahr melden sich in den Studios rund 30 Prozent aller Neukunden eines Jahres an“, sagt Alexander Wulf vom Arbeitgeberverband deutscher Fitness- und Gesundheits-Anlagen. Frühling im Geräteraum. 

Nachdem in der kalorienreichen Weihnachtszeit der Vorsatz formuliert wurde, im neuen Jahr mehr Sport zu treiben, spült die gute Absicht den Studios nun die Kundschaft in Scharen auf die Laufbänder und Crosstrainer, und beiderseits hofft man, dass der Vorsatz die Laufzeit des Schnupperkurses überdauert.

Achtmal so viel Studios wie McDonald's-Filialen

Die Chancen dafür stehen jedoch bestenfalls fifty-fifty. Statistisch hängen etwa sechs von zehn Studio-Neulingen ihren Fitness-Dress schon nach wenigen Wochen wieder an den Nagel. In Berlin sind die Voraussetzungen für sich kollektiv schindende Einzelkämpfer nahezu ideal. Immerhin gibt es in der Stadt achtmal so viele Fitnessstudios wie McDonald’s-Filialen. 450 sind es insgesamt. Über eine halbe Million Mitglieder waren 2018 dort registriert, 110.000 Fitnessclubgänger mehr als noch sechs Jahre zuvor. Ein Zuwachs um 26 Prozent. Im Schnitt hat etwa jeder siebte Berliner die Mitgliedskarte eines Fitnessclubs. Damit liegt Berlin über dem Bundesdurchschnitt.

In Berlin hat etwa jeder Siebte eine Mitgliedschaft im Fitnesstudio.
Grafik: Berliner Zeitung/Sabine Hecher

Längst ist Fitness weit vor Fußball, Turnen oder Tennis die Volkssportart Nummer eins. Mehr als elf Millionen Menschen waren 2018 in Deutschland in zusammen 9.300 Studios registriert. Die Umsätze steigen seit Jahren, zuletzt um 4,5 Prozent auf gut 5,3 Milliarden Euro.

Spiegel der Gesellschaft

Dass sich hier ein florierender Wirtschaftszweig entwickelt hat, ist für Lars Donath von der Deutschen Sporthochschule in Köln die logische Folge einer gesellschaftlichen Entwicklung. Der Fitness-Hype entspreche dem Leistungs-, Selbstoptimierungs- und Wettbewerbsmodell unserer Gesellschaft, sagt der Professor am Institut für Trainingswissenschaft und Sportinformatik. „Wer fitter und vitaler wirkt, hat möglicherweise die größeren Erfolgschancen im Beruf und auch auf dem Partnermarkt“, so Donath. Der Zeitgeist bevorzugt die Schönen und Starken.

Somit sieht der Sportwissenschaftler die Fitnessstudios vor allem als „sehr gut funktionierendes Geschäftsmodell“, das zudem oft „nicht sonderlich nachhaltig konzipiert“ sei. Es gebe viele Studios mit Einsteiger-Ausstattung und unzureichend ausgebildeten Trainern, lautet Donaths Kritik am Business der Selbstoptimierung. „Erstaunlich, dass in den Mucki-Buden so wenig passiert.“

Harter Konkurrenzkampf

Tatsächlich ist der Konkurrenzdruck im Geschäft groß. Man erinnert sich noch an die Pleite der Berliner Jopp AG und das Aus für Madonnas „Hard Candy“-Studios vor vier Jahren. Inzwischen haben sich der Markt und die Klientel verändert. Der moderne Fitness-Sportler ist mobil, ständig auf der Suche nach Neuem und wenig loyal. In den Studios werden zwar noch immer vor allem Jahresverträge angeboten, doch gewinnen Monatsverträge an Bedeutung. Studios müssen auf Trends immer schneller reagieren, Nischen entdecken und rasch besetzen.

Mrs. Sporty hatte die meisten Filialen in Berlin.
Grafik: Berliner Zeitung/Sabine Hecher

Zugleich liefern sich die Studios einen harten Preiswettbewerb, in dessen Folge die Monatsbeiträge seit Jahren zurückgehen. 2018 lagen sie bundesweit im Schnitt bei 43,35 Euro, in sogenannten Kettenbetrieben wie etwa Mcfit oder FitX bei 32,78 Euro. Auch die Umsätze pro Mitglied sind im Sinkflug, während auf der anderen Seite Gewerberäume insbesondere in Innenstadtbereichen so teuer sind wie nie zuvor und die Nebenkosten in Studios hoch sind.

Mcfit plant Neueröffnung in Berlin

Wenngleich der Deutsche Marktführer Mcfit in diesem Jahr in Berlin „die Neueröffnung eines ganz besonderen Studios“ feiern will, sind die Folgen steigender Kosten hier längst ablesbar. Die Studios werden kleiner und spezialisieren sich. Während der Anteil sogenannter Microstudios, die mit einer Fläche von weniger als 200 Quadratmetern auskommen, bundesweit bei 26 Prozent liegt, sind es in Berlin fast 200 der insgesamt 450 Fitnessstudios – fast jedes zweite.

Und in diesem Premium-Bereich der Selbstoptimierung erwartet die Branche auch weiteres Wachstum: Microstudios samt elektrischer Muskelstimulation, „intensiv betreutem Personal Training“ und Mitgliedschaftsbeiträgen von über 90 Euro pro Monat haben großes Potenzial, heißt es beim Verband. „Die Branche polarisiert sich wie die Gesellschaft“, sagt Sportwissenschaftler Donath.

Die Anzahl der Mitglieder ist gestiegen.
Grafik: Berliner Zeitung/Sabine Hecher

Training zu Hause

Allerdings sind kleinere Flächen bestenfalls Korrekturen in einer rasanten Entwicklung. Tatsächlich wird die Digitalisierung die Branche nachhaltig verändern. Dabei ist der virtuelle Personaltrainer in der Fitness-App, der sein Programm dank Künstlicher Intelligenz immer besser an die Bedürfnisse des Nutzers anpasst und ihm freilich bald auch das Neueste vom Bekleidungs- und Ernährungsmarkt empfehlen wird, erst der Anfang. „Fitness at home“ heißt der Trend, der Studiobetreibern zu Recht Sorgen bereitet.

Und auch hier wird einiges von Berlin aus bewegt. Die Berliner Informatikerin Valerie Bures-Bönström, die 2003 die Franchise-Fitness-Kette Mrs. Sporty mitgründete, ging 2019 mit der Firma Vaha an den Start. Darüber will die 39-Jährige einen mannshohen Spiegel vertreiben, der sich auf Knopfdruck in einen Bildschirm verwandelt und seinen Eigentümer zu Hause mit seinem persönlichen Fitnesstrainer verbindet.

Rocket Internet beteiligt

Namhafte Investoren wie Holtzbrinck Ventures und Rocket Internet halten die Idee für vielversprechend und haben das Start-up gerade erst mit einem zweistelligen Millionenbetrag ausgestattet. Seit dem Jahreswechsel können die Spiegel zum Preis von über 2.100 Euro plus Kurs-Abo geordert werden.

Ähnlich funktioniert das Geschäftsmodell des US-Unternehmens Peloton, das nun von Berlin aus Europas größten Fitness-Markt erobern will. Statt Spiegel verkauft Peloton Hometrainer, die mit einem großen Monitor ausgestattet sind. Für einen Gerätepreis von 2.300 Euro und einer Monatsgebühr von 39 Euro kann sich der Pelotonist dann zu Hause in Live-Kurse einloggen und unter Anleitung radeln. 48 Kurse sollen täglich angeboten werden.

In den USA, in Kanada und in Großbritannien hat Peloton bereits 1,6 Millionen Kunden, die kein Studio mehr brauchen. Steht damit also das Ende des kollektiven Schwitzens bevor? Lars Donath glaubt nicht daran. „Es wird immer Leute geben, die auf die Bühne eines Studios nicht verzichten wollen.