Urlaub nur auf dem Balkon? Fernreisen scheinen zumindest für das Jahr 2020 durch die Corona-Krise plötzlich in weite Ferne gerückt.
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BerlinMit Tourismus und Freizeitverhalten beschäftigt sich der Soziologe und Psychologe Horst Opaschowski, früher Professor der Universität Hamburg,  seit den 60er-Jahren. Er erklärt, warum der Mensch nicht aufs Reisen verzichten kann.

Herr Opaschowski, warum verreisen wir eigentlich so gerne?

Ganz einfach – die Menschen waren mobil, ehe sie sesshaft wurden. „Travel“ und „Travail“ – reisen und arbeiten – haben die gleiche Wortwurzel und deuten auf das gleiche Phänomen hin: Der Mensch kann auf Dauer nicht untätig in den eigenen vier Wänden verweilen. Die Gier nach Neuem, innere Unruhe, Angst vor Monotonie und Langeweile sind die Antriebe für die Lust am Reisen. Sie können in Berlin noch so schön wohnen, Sie müssen nach einiger Zeit raus. Das Raus-und-Weg-Bedürfnis ist im Menschen angelegt. Wenn Sie ihm das Reisen dauerhaft nehmen, entsteht so etwas wie ein Amputationsgefühl mit psychischen Folgen.

Wir müssen aber derzeit gezwungenermaßen zu Hause bleiben, bestenfalls erholt man sich auf dem Balkon.

Der Urlaub auf dem Balkon kann eine echte Reise nicht ersetzen. Da bräuchte man schon viel Fantasie. Zur Urlaubsreise gehören  Weite – Meer, Berge – sowie der Ortswechsel. Zum Urlaubsgefühl gehört der Rollenwechsel. Man ist anders gekleidet, gibt sich anders. Menschen im Urlaub sind oft sympathischer und kontaktfreudiger.

Grafik: Sabine Hecher

Diesen Sommer werden, wenn überhaupt, wohl nur Ferien in Deutschland möglich sein. Dabei gehörten die Deutschen bei Auslandsreisen bisher zu den Weltmeistern, gleich hinter Amerikanern und Chinesen. Verändert der erzwungene Heimaturlaub unsere Wahrnehmung?

Nein. Deutschland war immer schon Urlaubsland Nummer eins der Deutschen. Sie sind nicht am liebsten nach Spanien, Italien oder Österreich gereist. Das verstärkt sich jetzt, Nord- und Ostsee, Schwarzwald, Bayern werden noch beliebter. Erreichbarkeit und Sicherheit spielen plötzlich eine Hauptrolle. Fern- und Auslandsreisen können beides nicht mehr garantieren. Die Paradiese, nach denen wir uns sehnen, werden in Corona-Zeiten zwangsläufig bescheidener. Wenn man Menschen nach ihrem Idealurlaub fragt, nennen sie immer Sommer, Sonne, Strand, Palmen und Inseln, weil das ganz Andere, Exotische fasziniert. Aber das muss dieses Jahr statt Kuba und Karibik eben auch mal eine tropische Badelandschaft in Deutschland sein können.

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Zur Person

Horst Opaschowski, Direktor des Hamburger Instituts für Zukunftsfragen O.I.Z., gründete die Stiftung für Zukunftsfragen, die jährlich die Tourismusanalyse herausgibt. Er berät Wirtschaft und Politik.

Auf Auslandsreisen lernt man andere Kulturen und Lebensgewohnheiten kennen, hinterfragt vielleicht Vorurteile. Verengt sich nicht unser Horizont, wenn wir künftig darauf verzichten müssen?

Nein, wir holen das nach und werden pragmatisch vorübergehend zu Intervall-Reisenden. Wir setzen einfach mal ein Jahr aus. Die Deutschen werden 2020 beim Konsumieren und Reisen zurückhaltender sein. Das hat es zu Krisenzeiten immer gegeben – wie zuletzt in der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09.

Flugtickets kosten aber auf unabsehbare Zeit deutlich mehr, weil die Airlines wegen Ansteckungsgefahr Plätze frei lassen müssen. Wird Fliegen wieder zum Privileg Besserverdienender?

Es wird natürlich weiterhin Billigflüge geben, auch wenn sie mehr kosten als bisher. Wir sollten nicht glauben, künftig würden nur noch Wohlhabende verreisen. Der so genannte Teutonengrill in den 60er-Jahren an der Adria wurde bevölkert von Deutschen, die eher wenig Geld hatten. Massentourismus ist Urlaub für jede Klasse und jede Kasse. Das wird sich nicht ändern. Exotische Fernziele werden aber einige Jahre für viele von der Landkarte verschwinden, weil man sie sich nicht mehr leisten kann. Den Zwei-Klassen-Tourismus gab es und wird es weiter geben – die einen im exklusiven Fünf-Sterne-Resort, die anderen in preiswerten Unterkünften. Schwere wirtschaftliche Folgen wird die Corona-Krise für ärmere Zielländer haben, die Türkei etwa, Tunesien Ägypten, die Dominikanische Republik, wo viele vom Tourismus leben.

Für das Klima und für andere Ziele, die unter dem Massenandrang unterzugehen drohten, könnte es positiv sein.

Das biblische Gesetz, wonach ein Acker alle sieben Jahre brach liegen muss, um sich zu erholen, gilt auch für den Massentourismus. Jetzt passiert das allerdings nicht freiwillig und schon gar nicht aus einer Einsicht heraus.

Sie glauben also nicht, dass sich unsere Urlaubs- und Reisegewohnheiten dauerhaft verändern?

Nein. Ich habe schon viele Krisen im Tourismus erlebt, von Tschernobyl 1986 bis zum 11. September 2001. Sie hatten keine dauerhaften Auswirkungen, Touristen haben ein chronisches Kurzzeitgedächtnis. Sobald es gelingen sollte, einen Corona-Impfstoff zu finden, werden die Deutschen wieder an den Flugschaltern Schlange stehen, es wird überfüllte Züge und Autoschlangen geben. Der Reisehunger ist einfach zu groß. Da spielt unsere geografische Lage  eine Rolle. Es gibt kaum ein Land mit so vielen Nachbarländern. Wir wollen Grenzen überwinden, manchmal auch Klimagrenzen.

Also keinerlei Wende zum Besseren?

Sicher wird durch diese Krise kein neuer Mensch mit einem neuen Urlaubsbewusstsein entstehen. Aber manche Tourismusbereiche werden sich grundlegend umorientieren müssen, vor allem die zuletzt ungeheuer boomende Kreuzfahrtbranche. Nach den Infektionsfällen an Bord ist klar: Die riesigen Kreuzfahrtschiffe sind keine Inseln des Glücks, sie können sogar zum Gefängnis werden. Trotzdem: Generell wird es eine Wiederauferstehung des Tourismus geben, Reisen bleibt die populärste Form von Glück.

Mit welchem Zeitraum rechnen Sie?

Alle hoffen, dass spätestens Ende 2021 der Impfstoff da ist. Dann werden die Deutschen  die Reset-Taste drücken: Alles auf Anfang! Aber bis der Massentourismus wieder den Zenit von 2019 erreicht, werden Jahre vergehen.