BerlinIn der Hauptstadt herrscht Gründerzeitstimmung. Ähnlich wie einst, als Mitte des 19. Jahrhunderts reihenweise Fabriken in Berlin entstanden, sogar auf Hinterhöfen Lokomotiven gebaut wurden. Jetzt sind es die privaten Corona-Schnelltestzentren, die in rasantem Tempo eröffnet worden sind. Man findet sie in Cafés, Galerien, im Theater, im Fetischclub Kitkat, sogar in Kirchen. Das freut die, die flott getestet werden wollen. Und besorgt andere: Berlins Amtsärzte und Politiker sprechen von „Wildwuchs“ und fordern eine strenge Regulierung. Keine Berliner Behörde weiß derzeit, wie viele Zentren es momentan tatsächlich gibt. Und Kontrollen dieser Einrichtungen durch die Bezirksämter seien unmöglich, heißt es.

Wer ins Internet schaut, findet etliche Zentren in Berlin, die Schnelltests anbieten. Diese Tests zeigen in bis zu 30 Minuten mit einer relativ hohen Wahrscheinlichkeit an, ob man sich infiziert hat oder nicht. Dass diese Zentren gerade in Berlin so boomen, liegt unter anderem am starken Anstieg der Neuinfektionen in der Stadt. Immer mehr Menschen wollen mit einem Schnelltest auf Nummer sicher gehen. Die meisten Arztpraxen und die Gesundheitsämter führen Tests nur bei denen durch, die coronaähnliche Symptome aufweisen oder Kontakt mit Infizierten hatten, diese Tests werden dann von der gesetzlichen Krankenkasse bezahlt. Es dauert jedoch, bis die Ergebnisse des dabei verwendeten PCR-Tests vorliegen. Länger als bei einem Schnelltest auf jeden Fall.

Foto: Sabine Gudath
Unternehmer Benjamin Föckersperger ist eigentlich Computerspiele-Spezialist. Seit Dezember betreibt er zwei private Schnelltestzentren.

Antigen-Schnelltests, die eine etwas niedrigere Nachweissicherheit von (je nach Produkt) rund 97 Prozent haben, bieten die Möglichkeit, mehr Menschen zu testen und Infektionen schneller zu erkennen. Kein Wunder also, dass so viele Testzentren entstanden sind. Betreiber sind Ärzte und Laborfirmen, aber auch fachfremde Unternehmer. 

Benjamin Föckersperger, 33, hat ursprünglich sein Geld mit dem Entwickeln von Computerspielen und dem Aufbau von Start-up-Firmen verdient. Nun betreibt er mit der Föckersperger Ventures Unternehmensgesellschaft die Corona-Schnelltest-Stationen im Admiralspalast und in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. „Der Grund für die Gründung waren Corona-Fälle in der Familie, bei denen ich mitbekam, wie überlastet die Behörden bei der Durchführung der Tests waren“, sagt Föckersperger. Die aktuelle Lage zeige, dass viele und vor allem schnelle Testungen  notwendig seien, um rasch Infektionsketten durchbrechen zu können.

Ähnlich argumentiert der selbstständige Krankenpfleger Dirk Heckert, der im Strandbad Weißensee vor drei Wochen ein Schnelltestzentrum aufgemacht hat. „In diesem Stadtteil gab es noch kein Zentrum, obwohl die Nachfrage groß war.“ Heckert, Föckersperger und andere Betreiber berichten, dass sie maximal einen Monat bis zur Eröffnung ihrer Stationen gebraucht hätten. Das ist erstaunlich in einer Stadt wie Berlin, in der es Monate dauern kann, bis die Behörden die Eröffnung eines Imbissstandes genehmigen.

Eine Genehmigungspflicht gibt es nicht

Warum also geht bei den privaten Schnelltestzentren so schnell? „Es besteht derzeit keine Genehmigungspflicht“, sagt der Pankower Gesundheitsstadtrat Torsten Kühne (CDU). Da es solche Zentren noch nicht lange gibt, hat der Gesetzgeber für sie noch keine Regelungen getroffen. Sie werden daher, obwohl ihre Betreiber damit Geld verdienen, rechtlich wie beispielsweise Tageskliniken als ambulante medizinische Einrichtungen behandelt, die dem Wohle der Allgemeinheit dienen und daher von der Gewerbeordnung ausgeschlossen sind. Es gibt nicht mal eine Anzeige- oder Meldepflicht. „Insofern gibt es auch keinen Überblick, wo und wie viele private Testzentren existieren“, sagt Kühne. Teilweise bekomme man von ihnen nur ein Hygienekonzept zugesandt.

Das hat Dirk Heckert für sein Weißenseer Testzentrum gemacht. „Auch wenn ich es nicht musste, habe ich die Station beim Gesundheitsamt und beim Gewerbeamt angemeldet“, sagt er. „Und ich brauchte sogar eine Genehmigung von den Berliner Bäderbetrieben, um mich mit dem Zentrum im Strandbad Weißensee einmieten zu können.“ Auch der Unternehmer Föckersperger steht mit den zuständigen Gesundheitsämtern für seine Testzentren in Kontakt, hat sie bei den Gewerbeämtern angemeldet. „Transparenz ist von Anfang an wichtig. Denn das Corona-Testen ist ein hochsensibles Thema. Es geht um die Gesundheit der Menschen. Da sollte man auch offen mit den Behörden zusammenarbeiten“, sagt er.

Foto: Sabine Gudath
Im Strandbad Weißensee von Pächter Alexander Schüller (r.) hat der Krankenpfleger Dirk Heckert sein Corona-Schnelltestzentrum eröffnet.

Der Neuköllner Gesundheitsstadtrat Falko Liecke (CDU) findet es problematisch, dass es keine Meldepflicht für die Schnelltestzentren gibt. „Da sind da gerade viele Glücksritter unterwegs“, sagt Liecke. Nur durch Zufall erfahre man, dass eine Gründung geplant sei. Als Beispiel nennt er einen Schönheitschirurgen aus Wien, der im Bezirksamt nachfragte, ob er in Neukölln ein Testzentrum eröffnen könne. Was abgelehnt wurde.

Benjamin Föckersperger findet, dass es unter der Konkurrenz „durchaus  schwarze Schafe“ gebe. „So manche Mitstreiter erhoffen sich, mit den Schnelltests einen schnellen Euro zu machen“, sagt er. Das sehe man schon an der gewaltigen Spanne der Preise, die quer durch Berlin für das Testen aufgerufen werden und die der Test-Kunde selber zahlen muss. Das geht bei 23 Euro los und endet bei über 80 Euro. Die Preise in den Zentren von Föckersberger und Heckert liegen mit 40 Euro beziehungsweise 44,90 Euro im Durchschnitt und in dem Bereich, den Ärzte laut Gebührenordnung für diesen Test verlangen dürfen. „Schließlich müssen wir ja auch Personal und Betriebskosten bezahlen“, sagt Föckersperger.

Er erklärt, dass manche Betreiber durch geschicktes Taktieren durchaus ein gutes Geschäft machen könnten. Schließlich bekomme man die Schnelltests, die im Internet und in Apotheken nur an Ärzte oder medizinisches Personal verkauft werden dürfen, zum Stückpreis zwischen drei und zehn Euro, abhängig von Hersteller und Kaufmenge. „Wer beim Betrieb seines Zentrums nicht alle Regeln einhält, pro Tag über 500 Personen zum Testen durchschleust, kann schon einen Tagesumsatz von bis zu 25.000 Euro machen“, sagt er. Die Masse macht es.

Berliner Amtsärzte fordern verpflichtende Regelungen

Niemand kontrolliere dabei das Einhalten von Testvorschriften. „In unserem Team arbeitet ein Arzt aus der Charité mit, der dies auch genehmigt bekam. Er hat unter anderem den medizinischen Mitarbeitern gezeigt, wie man richtig testet“, sagt Föckersperger. „Was nützt ein negatives Ergebnis, das durch eine fehlerhafte Testung zustande kam, wenn der Betroffene in Wahrheit positiv ist und andere ansteckt?“

Laut Medizinprodukte-Abgabeverordnung ist es Pflicht, dass Ärzte oder im Testen geschultes medizinisches Personal die Schnelltests in den Zentren durchführen. Geschulte Medizinstudenten dürfen ebenfalls mittun.

Die Gesundheitsverwaltung des Senats ordnet das Betreiben von privaten Schnelltestzentren bislang als „freies Wirtschaften“ ein. „Wir gehen davon aus, dass alle Voraussetzungen dafür eingehalten werden“, heißt es auf Anfrage dieser Zeitung. Nicoletta Wischnewski, Sprecherin der Berliner Amtsärzte, hat die Verwaltung jedoch dringend aufgefordert, verpflichtende Regelungen für die Schnelltestzentren aufzusetzen. In einer Mail, die der Berliner Zeitung vorliegt, bemängeln die Amtsärzte, dass Zentren „positiv getestete Menschen nur unzureichend über ihren neuen Status aufklären (Isolationspflicht), indem sie zum Beispiel nur eine kurze SMS versenden“. Außerdem würden die Betroffenen nicht darüber informiert, dass eine Nachtestung zur Bestätigung mit dem genaueren PCR-Test erfolgen muss. Ein weiteres Problem sei es, dass manche Zentren ihrer Meldepflicht von positiven Fällen gegenüber den Gesundheitsämtern nur „deutlich verzögert beziehungsweise unzureichend“ nachkämen.

Foto: dpa
Ein Schnelltest wird durchgeführt. Nach dem Abstrich im Nasen- und Rachenraum dauert es bis zu 30 Minuten, bis das Ergebnis da ist.

Der Neuköllner Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) schließt sich den Forderungen der Amtsärzte an. „Es ist oft nicht klar, ob die Preise für einen solchen Test angemessen sind und ob positive Tests auch an die zuständigen Behörden gemeldet werden. Wir brauchen einheitliche Regeln und Qualitätsstandards für die privaten Schnelltestzentren – und zwar schnell“, sagt er der Berliner Zeitung. „Denn was der Bund oder das Land nicht regulieren, kann im Bezirk auch niemand kontrollieren. Und bekanntlich verstärken Kontrollen das Vertrauen in Systeme.“

Mitarbeit: Antonia Groß