Berlin - Im Daimler-Werk in Marienfelde tobt seit Monaten ein Arbeitskampf. Im vorigen Herbst hatte der Autokonzern einen radikalen Umbau samt tiefgreifender Sparmaßnahmen angekündigt. Berlin sollte davon besonders betroffen sein. Bei der IG Metall befürchtete man den Abbau von bis zu 2000 Jobs und sogar die Werksschließung. Doch plötzlich hat das Werk wieder eine Zukunft. Mercedes-Benz, die Autosparte des gerade neu strukturierten Industrie-Konzerns, investiert dort einen zweistelligen Millionenbetrag. Auf dem Gelände des ältesten produzierenden Daimler-Werks soll ein Campus für die Entwicklung, Erprobung und Anpassung von Software-Lösungen für das globale Produktionsnetzwerk des Konzerns entstehen. Daten statt Diesel.

Darauf haben sich die Berliner Mercedes-Benz Geschäftsführung und der Betriebsrat geeinigt. Aus dem Werk, das aus Sicht der Mitarbeiter eben noch „rasiert“ werden sollte, soll nun ein Symbol für den Wandel in der Automobilindustrie werden. Berlin werde zu einem Kompetenzzentrum für Digitalisierung mit Produktionsvolumen im Bereich E-Mobilität transformiert, sagt Mercedes-Produktionsvorstand Jörg Burzer. „Damit sichern wir erfolgreich die Zukunft des Traditionsstandortes.“

Musterfertigung für weltweite Produktion

Wo also voraussichtlich bis Mitte des Jahrzehnts die Produktion von Dieselmotoren und einzelner Komponenten für die Mehrzylinder der Marke Mercedes-Benz verschwinden wird, soll ein „Kompetenzzentrum für künftige Produktionsprozesse“ wachsen. Geplant ist eine sogenannte digitale Anlauffabrik mit modernsten Pilotlinien und Testzellen samt vorausschauender Maschinenpark-Wartung mit Künstlicher Intelligenz. Eine Art Produktionslabor, in dem eine Big-Data-gesteuerte Musterfertigung als Blaupause für die konzernweite Produktion und ihre (noch) 80.000 Mitarbeiter geschaffen und permanent weiterentwickelt werden soll. „Der Mercedes-Benz Digital Factory Campus wird eine Schlüsselrolle beim schnellen und nahtlosen Rollout von Softwareapplikationen auf das globale Produktionsnetzwerk von Mercedes-Benz einnehmen“, sagt Burzer.

Ist die befürchtete „Rasur“ des Werks damit also vom Tisch? Fevzi Sikar, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender im Werk Marienfelde, will noch keine Entwarnung geben. Der Campus sei eine große Chance und ein Schritt in die richtige Richtung. „Aber wir brauchen auch Produktionsarbeitsplätze“, sagt Sikar.

In diesem Punkt sind allerdings noch viele Fragen offen. Zwar heißt es bei Mercedes-Benz, dass sich das Werk Berlin künftig auf Komponenten der E-Mobilität konzentrieren werde. So soll das Produktionsportfolio noch in diesem Jahr um die Endmontage elektrischer Komponenten für künftige kompakte vollelektrische Mercedes-EQ Modelle und um die Montage des sogenannten EE-Compartments zur intelligenten Integration der Leistungselektronik für Batteriesysteme unter anderem für den EQS ergänzt werden, doch Sikar reicht das nicht für eine Perspektive. Außerdem sei die Fertigung der genannten Komponenten schon vor einem Jahr vereinbart worden. Tatsächlich arbeiten in Marienfelde aktuell etwa 100 Beschäftigte in der Fertigung von Komponenten für die Elektromobilität. 100 von insgesamt 1500 Mitarbeitern in der Produktion.

Betriebsratschef: „Wir stehen erst am Anfang“

Vor allem dort ist die Sorge um den Arbeitsplatz somit nach wie vor groß. Überhaupt ist weiter unklar, wie viele Stellen in Marienfelde wegfallen sollen. Aus Stuttgart heißt es per Mitteilung, dass „die Reduzierung der Serienproduktionsumfänge konventioneller Antriebsprodukte am Standort Berlin jedoch auch zu personellen Anpassungen führen“ werde. Zugleich sichert man die „sozialverträgliche Gestaltung und Umsetzung personeller Maßnahmen“ zu. Tatsächlich könnten in den nächsten Jahren mehr als 1000 Arbeitsplätze im Werk verschwinden.

Co-Betriebsratschef Sikar will sich allerdings nicht auf eine konkrete Zahl festlegen. „Wir stehen erst am Anfang“, sagt er und verweist auf weitere Verhandlungen mit der Geschäftsführung. „Wir wollen nicht die Verbrenner zurück, aber Produktionsersatz in der Elektromobilität.“