Schatten von Bahnreisenden vor einem Zug der Deutschen Bahn.  
Foto: Getty Images/ Michele Tantussi

LeipzigDreiviertel aller Züge sind pünktlich, wertete die Bahn ihre Statstik für 2018 aus. Und 2019 sollte alles besser werden, eine Pünktlichkeit von 76,5 Prozent wurde ausgegeben. Als pünktlich gilt übrigens ein Zug, der weniger als sechs Minuten zu spät am Zielbahnhof eintrifft. Dies hat David Kriesel, der selber häufig Bahn fährt, in seiner persönlichen Wahrnehmung ziemlich gestört und er beschloss, sich die Daten genauer anzusehen. Er konzentrierte sich dabei auf den Fernverkehr, da der Nahverkehr zu 99 Prozent pünktlich sei.

Kriesel begann am 8. Januar über öffentliche Schnittstellen „die Bahn zu vorratsdatenspeichern“ wie er in seinem Vortrag erläutert. Sicherheitshalber fragte er sogar um Erlaubnis, die ihm erteilt worden sei. Da die Datenmenge immens ist, rief der Informatiker „nur“ stündlich die Daten der 350 Fernbahnhöfe ab nach Plan und Pünktlichkeit. Die größten Bahnhöfe sind Köln Hauptbahnhof mit 380.000 Stopps im Jahr, gefolgt von München Ost und Düsseldorf. Auf Platz 10 rangiert Frankfurt/Main Hauptbahnhof.

Der Osten ist blau

Um die Ergebnisse zu visualisieren, wurden die Bahnhöfe nach Pünktlichkeit eingefärbt, rot für starke Verspätungen, blau für pünktlich. Auffällig: Die Bahnhöfe in Ostdeutschland sind ausnahmslos blau, dort sind die Fernzüge (ICE, IC und EC) bis zu 90 Prozent pünktlich, während die Bahnhöfe in Nordrhein-Westfalen und Hamburg zum Großteil tiefrot sind.

Welche Bahnhöfe generieren nun die meisten Verspätungsminuten? Auf den unrühmlichen vorderen Plätzen liegen Hamburg, Köln, Frankfurt/Main Flughafen, Mannheim und der Spitzenreiter ist Frankfurt/Main Hauptbahnhof mit 93.000 Verspätungsminuten. Aber es gibt auch Bahnhofe, wo es reibungslos läuft, die sogar Verspätungen rausholen. Hier liegen Bremen, Berlin Hauptbahnhof und Spandau ganz vorn. „Es gibt doch etwas in Berlin, das funktioniert“, resümiert Kriesel. Und seine nicht ganz ernstzunehmende Zusammenfassung lautet: Die Züge sind nicht unpünktlich, ich wohne nur schlecht. Weitere Erkenntnis der gigantischen Datenmenge: Die ECs sind mit Abstand die unpünktlichsten (Quote unter 70 Prozent), während ICs (75 Prozent) und ICEs (76 Prozent) fast gleichauf liegen.

Ist ein ausgefallener Zug unpünktlich?l 

Als Datenanalyst sollte man jedoch genau dort hinschauen, worüber sich die Bahn ausschweigt, gibt Kriesel zu bedenken. Und dies hat er auch schnell gefunden: die Ausfälle. Als er überprüfen wollte, ob ein ausgefallener Zug als pünktlich oder als unpünktlich gewertet wird, stieß er darauf, dass diese Züge komplett aus der Wertung fallen. Also wertete Kriesel die Zugausfalldaten aus. Ergebnis: Die Ausfallquoten bei ECs betragen zwei Prozent, bei ICs gut drei Prozent und bei den Flaggschiffen der Bahn, den ICEs bei fünf Prozent. Praxistipp von Kriesel: „Vorsicht bei ICEs. Jeder 20. kommt erst gar nicht.“

Und im Sommer sehen die Zahlen noch schlimmer aus, da fallen bis zu acht Prozent der ICEs aus, häufig wegen der bekannten Klimaanlagenproblematik. Fasst man diese ganzen Ergebnisse zusammen, so ist das ursprünglich von der Bahn proklamierte Ziel, eine Pünktlichkeit von 76,5 Prozent zu erreichen, das später auf 75 Prozent herabgestuft wurde, in Wahrheit noch viel schlechter. „Bezieht man die ausgefallen Züge mit ein, liegt die Pünktlichkeit für 2019 nämlich nur bei 72 Prozent“, sagt Kriesel.

Die "Pofallawende" der Bahn

Nach Bahn—Mathematik sei es nun natürlich sinnvoll, stark verspätete Züge besser ausfallen zu lassen beziehungsweise sogar wenden zu lassen, um aus einem unpünktlichen wieder einen pünktlichen Zug zu machen. Für diese These spreche, dass vor allem beim ICE meist die Anfangs- oder Endbahnhöfe ausfallen. Laut Kriesel spreche man intern bei der Bahn von der „Scheuerwende“ oder „Pofallawende“. Dass letzten Endes der Bahnkunde dabei auf der Strecke bleibt, ist dabei nur zweitrangig, Hauptsache die Statistik stimmt wieder.