Cookies nennt sich die Technik, mit der sich Nutzer im Netz hartnäckig verfolgen lassen. Datenschützer kämpfen seit langem gegen ihren exzessiven Einsatz und nun scheint ihre Zeit tatsächlich abzulaufen: Der mächtige Internet-Konzern Google hat nun Pläne durchsickern lassen, die Cookies abzuschaffen und erklärt, mehr Datenschutz im Internet etablieren zu wollen. Die Berliner Zeitung beantwortet die wichtigsten Fragen zu den Plänen, die die Online-Werbeindustrie in Aufruhr versetzen.

Was hat es mit diesen Cookies auf sich?

Cookies sind kleine Textdateien, die als Gedächtnis des Internets funktionieren. Beim Aufruf einer Website werden sie auf dem Rechner abgelegt, so dass sich die Website beim nächsten Laden an den Nutzer erinnert. Das kann es wesentlich angenehmer machen, sich im Netz zu bewegen. Ohne diese Informationen würde eine Website zum Beispiel nicht wissen können, dass man bereits eingeloggt ist.

Was hat das mit der Verfolgung von Nutzern zu tun?

Es gibt noch eine andere Art von Cookies, die von Drittanbietern auf dem Rechner abgeladen werden: sogenannte Third-Party-Cookies. Sie sind die Grundlage dafür, jemanden im Netz zu verfolgen, etwa um genau die Anzeige eines Schuhs einzublenden, den sich diese Person bereits angesehen hat – und zwar auch auf Websites, die sonst nicht im Entferntesten etwas mit Schuhen zu tun haben.

Wie funktioniert das?

Eine Website gibt beim Aufruf zahlreichen anderen Websites Bescheid. Hinter ihnen stehen Firmen, die sich auf die Verfolgung von Nutzern spezialisiert haben, das sogenannte Tracking. Sobald Sie eine bestimmte Website laden, werden nicht selten 50 Werbeanbieter und Datensammler gleichzeitig kontaktiert, die kleine Datenschnipsel bei Ihnen parken, um Sie beim Abruf einer anderen Website wiedererkennen zu können. Übertragen auf die reale Welt ist das so, als würden Sie in ein Geschäft gehen und nicht nur der Verkäufer Ihnen dabei zusehen, wie Sie sich einen Schuh aus dem Regal nehmen, sondern dutzende andere Personen eifrig mitnotieren, was Sie dort anstellen, damit sie Sie später, wenn Sie das Geschäft verlassen haben, noch einmal fragen können, ob Sie den Schuh doch kaufen wollen. Sie müssen also damit rechnen, durch die Drittanbieter-Cookies hartnäckig Werbung eingeblendet zu bekommen.

Und im schlimmsten Fall?

Werden die intimsten Informationen über Sie als Profile an andere zwielichtige Firmen weiterverkauft. Nicht nur Google, Facebook und Twitter verfolgen Sie im Netz, sondern eine ganze Armada an Firmen, von denen Sie noch nie gehört haben, die aber unter Umständen fast alles über Sie wissen. Deshalb machen Datenschützer seit Jahren Druck, die Verwendung von Drittanbieter-Cookies gesetzlich einzuschränken, den Nutzer über seine Verfolgung zu informieren und fordern von den Browser-Herstellern, Drittanbieter-Cookies standardgemäß zu deaktivieren. Passiert ist bisher aber wenig. Zwar blockieren Safari und der Internet Explorer solche Drittanbieter-Cookies, allerdings kann die Blockade leicht umgangen werden und eine effektive gesetzliche Regulierung gibt es nicht.

Woran liegt das?

Für die digitale Werbeindustrie geht es dabei um die Grundlage ihres Geschäfts – und es ist eine mächtige Industrie mit einem jährlichen Umsatz von rund 120 Milliarden US-Dollar. Mozillas Ankündigung, Drittanbieter-Cookies im Firefox-Browser standardgemäß zu deaktivieren, wird in der Branche offen als „atomarer Erstschlag“ gegen die Werbeindustrie bezeichnet. Mit entsprechend harten Bandagen wird gegen strengere Gesetze gekämpft.

Und nun will ausgerechnet Google mehr Datenschutz durchsetzen?

Google hat Pläne durchsickern lassen, die dies versprechen. Statt Cookies soll eine neue Technik eingesetzt werden, die sich AdID nennt. Die Datensammlung soll dabei anonymisiert werden und der Nutzer mehr Kontrolle darüber erhalten, wann und wie viele Daten über ihn gesammelt werden.

Was hat Google davon, Cookies zu verbannen?

Google würde damit seine Marktmacht stärken. Google kontrolliert bereits ein Drittel des Umsatzes mit digitaler Werbung. Mit dem neuen System würde der Internetkonzern noch den Datenpool kontrollieren, auf die andere Werbeanbieter angewiesen sind – und niemand hätte wohl so viele Daten wie Google. Deshalb lösen Googles Pläne auch in der Werbeindustrie enorme Aufregung aus, obwohl Apple ein ähnliches System bereits eingeführt hat. Anders als Google ist Apple nicht primär eine Online-Werbefirma und damit keine direkte Konkurrenz.

Bringt der neue Ansatz wirklich mehr Datenschutz?

Das ist fraglich. Das AdID-System könnte zwar die heftigsten Auswüchse der Datensammelei begrenzen, da Google kontrollieren würde, welche Daten gespeichert werden und abgerufen werden können. Doch andererseits könnte es Google ermöglichen, umfangreichere und akkuratere Personen-Profile aufzubauen als dies bislang der Fall war. Denn die gesammelten Daten würden zentral in einer Datei gesammelt und nicht über Hunderte Cookies verteilt, deren Speicherkapazität zudem stark begrenzt war. Auch könnte das neue System sogar noch mehr Verfolgung als bisher bedeuten: Cookies können nicht zum Tracking bei Apps auf Smartphones und Tablets eingesetzt werden. Das neue System wird dagegen wohl darauf ausgerichtet sein, den Nutzer auch dann zu verfolgen, wenn er unterschiedliche Geräte nutzt.

Kann Google einen solchen neuen Standard einfach durchsetzen?

Zumindest besser als jeder andere Konzern. Denn Google kontrolliert nicht nur ein großes Segment des Online-Werbemarktes, sondern verfügt mit Chrome auch über den meistverwendeten Browser. Andererseits experimentieren andere Firmen bereits mit neuen Verfolgungstechniken, die ohne Cookies auskommen: So kann der Nutzer auch anhand der Daten identifiziert werden, die sich über das System beim Browser auslesen lassen, um die Website optimal anzuzeigen – etwa Bildschirmgröße, installierte Schriftarten und Betriebssystem Alle Daten zusammen ergeben einen fast einzigartigen Fingerabdruck. Ohne gesetzliche Regulierung wird die Verfolgung im Internet durch dubiose Firmen daher wohl auch ohne Cookies weitergehen.