Das Schriftzug der Daimler-AG an der Konzernzentrale.
Foto: Marijan Murat/dpa

StuttgartInmitten der großen Krise gibt es immer noch Termine, die offensichtlich Spaß machen. Ola Källenius ist zu Gast im virtuellen Hang-out von „Supercar Blondie“, vulgo der Videobloggerin Alexandra Hirschi. Der Daimler-Boss spricht, wie könnte es anders sein, über Corona, über das Wiederanlaufen der Produktion nach wochenlangem Stillstand, über die Zukunft des Autos insgesamt. Routine für Källenius, er hat das x-fach erzählt in den vergangenen Wochen und Monaten. Aber dann wird Felgenraten gespielt – welche Felge gehört zu welchem Auto? Und siehe da, der Schwede läuft zur Höchstform auf. Hirschi gibt sich beeindruckt. „Du kannst deinen Job behalten“, witzelt sie am Ende.

Seit genau einem Jahr hat Källenius ihn nun, seinen Job, und außer Vorstandsvorsitzender und Chef von weltweit rund 300 000 Menschen ist der 50-Jährige nun auch so etwas wie Daimlers oberster Krisendiplomat. Die Kunden, die Aktionäre, die Experten, die Behörden und nicht zuletzt die eigenen Beschäftigten – alle wollen gehört, alle Befindlichkeiten sorgsam gegeneinander abgewogen werden. „Die Zeit, in der er das Ruder übernommen hat, könnte anspruchsvoller nicht sein“, sagt Gesamtbetriebsratschef Michael Brecht.

Denn es knirscht an allen Ecken und Enden beim Stuttgarter Autobauer, nicht erst seit dem Ausbruch der Coronavirus-Pandemie. Schon als Källenius im Mai 2019 von Vorgänger und Langzeit-CEO Dieter Zetsche übernahm, war klar, dass der damals bereits grassierende globale Abwärtstrend in der Autobranche auch Daimler mitziehen würde. Dazu kamen milliardenteure Altlasten aus der Dieselaffäre. Der Gewinn rauschte in den Keller, Investoren und Analysten murrten immer lauter. Als erste große Amtshandlung legte Källenius ein umfassendes Sparprogramm vor.

Strategie dank Corona schon Makulatur

Alles soll nun straffer werden. Die Kosten sollen runter und Tausende Stellen gestrichen werden, damit am Ende genug Geld für wichtige Zukunftsthemen, für Digitalisierung und vor allem auch für die Elektromobilität da ist. Allerdings lässt Corona die Strategie nun womöglich schon Makulatur werden, bevor sie überhaupt richtig ihre Wirkung entfalten konnte. Im ersten Quartal stürzte der Gewinn drastisch ab, im zweiten erwartet Daimler gar rote Zahlen. Das war so natürlich nicht eingeplant. Trotzdem: „Die Schlüsseltechnologien für die Zukunft stehen nicht zur Disposition“, betont Källenius.

Ola Källenius, Vorstandsvorsitzender der Daimler AG.
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Betriebsratschef Brecht hat mit Källenius nicht erst zu tun, seit der auf dem Platz des Vorstandsvorsitzenden sitzt. Der Schwede ist, wie Brecht selbst, ein Daimler-Mann durch und durch. Auch Källenius hat sein ganzes Berufsleben im Konzern verbracht. Im Vorstand war er auch schon für den Vertrieb, später dann für Entwicklung verantwortlich.

Es sei bemerkenswert, sagt Brecht, wie gut vorbereitet Källenius, obwohl vom Tagesgeschäft nun ja noch ein bisschen weiter abgeschottet, in Termine komme und wie breit sein Wissen sei. „Uns beide verbindet, dass wir die Erfolgsgeschichte von Daimler weiterschreiben wollen“, betont Brecht. Nur sei die Herangehensweise eben eine andere: „Er glaubt an die Stärke unserer Marke, an unsere Tradition und hat das starke Vertrauen darauf, dass auch kommende Produkte Maßstäbe in Sachen Mobilität setzen werden“, sagt Brecht. „Und ich vertraue darauf, dass diese Produkte von Menschen entwickelt, gebaut und verkauft werden, die sich für Daimler einsetzen.“

Dafür brauche es die Gewissheit bei der Belegschaft, einen zukunftsträchtigen, sicheren Arbeitsplatz mit fairer Bezahlung zu haben. „Bei der Ansprache dieser Themen muss auch der Vorstandsvorsitzende – um etwas Wasser in den Wein zu gießen – besser werden“, sagt Brecht.

Mit seinen Sparankündigungen hatte Källenius viel Unruhe bei den Beschäftigten ausgelöst. Trotz seiner stetigen Beteuerung, niemand müsse Daimler gegen seinen Willen verlassen.

Ausbau der Elektromobilität braucht mehr Speed

Källenius habe in seinem ersten Jahr viele richtige Entscheidungen getroffen, sagt Branchenfachmann Ferdinand Dudenhöffer. Er habe nicht nur das Sparprogramm aufgelegt, sondern auch Produktion und Entwicklung enger verzahnt, die kriselnde Transporter-Sparte zur Chefsache gemacht und in der Corona-Krise schnell die Liquidität des Konzerns gesichert. Auch der Ausbau der Elektromobilität mit eigenen E-Auto-Plattformen funktioniere, brauche aber noch mehr Speed. Zudem laufe der Mobilitäts- und Finanzdienstleistungsbereich noch zu holprig. Was Dudenhöffer aber vor allem fehlt, ist das große Ganze: „Gearbeitet werden muss noch an der Vision, dem langfristigen Bild vom Daimler.“

Wenn es nach Källenius geht, soll Daimler künftig für „nachhaltigen modernen Luxus“ stehen. Der 50-Jährige hat die Nachhaltigkeit zum zentralen Prinzip erhoben. Bis Ende der 2030er Jahre will der Konzern seine Neuwagenflotte komplett CO2-neutral machen und sein Wachstum zudem vom Ressourcenverbrauch abkoppeln. Vorher müsste es Daimler allerdings erst einmal schaffen, den CO2-Ausstoß überhaupt so weit zu senken, dass die verschärften EU-Grenzwerte eingehalten werden.

Man sei zuversichtlich, es gebe aber keine Garantie, hatte Källenius noch kurz vor Ausbruch der Krise gesagt. Alles hängt daran, ob der Hochlauf der Elektroauto-Produktion schnell genug gelingt. Und andererseits daran, ob der Kunde solch ein Auto dann auch kauft. Für beides dürfte Corona nicht gerade hilfreich sein.

Dass er mit seiner Strategie nach der Krise einfach da weitermachen kann, wo Corona ihn unterbrochen hat, glaubt selbst Källenius nicht. Womöglich muss der Chef in seinem zweiten Jahr also gleich nochmal ein paar Sparvorgaben nachlegen. Öffentlich spekulieren will er darüber bislang nicht. Aber allzu optimistisch, soviel hat er schon gewarnt, solle man bitte nicht sein.