Berlin  - Im Grunewald, auf Dächern oder in Gewerbeparks - hat Berlin Platz für mehr Windräder? Um diese Frage ist in der Hauptstadt eine Debatte entbrannt, nachdem die Bundesregierung neue Ausbauziele für Windkraft vorgelegt hat. Diesen Zielen zufolge soll Berlin künftig 0,25 Prozent der eigenen Landesfläche bis 2027 für die Bebauung mit Windrädern ausweisen. Bis 2032 soll der Anteil auf 0,5 Prozent steigen. Aus Sicht des Berliner Bunds für Umwelt und Naturschutz (BUND) wären das etwa 446 Hektar. 

Das entspreche der Fläche des früheren Flughafens Tegel, teilte der BUND am Mittwoch mit. 33 Windräder mit einer Leistung von jeweils drei Megawatt seien notwendig. Aktuell verfügt die Hauptstadt über sechs Windräder. Aus Sicht des BUND müssen dafür aber keine Flächen in den Wäldern der Hauptstadt herhalten. Neue Anlagen seien machbar, „ohne dass damit durch Bau und Betrieb erhebliche Eingriffe in Natur und Landschaft oder ein hohes Gefährdungsrisiko für Vögel und Fledermäuse verbunden sind“, hieß es. Zuvor hatte der „Tagesspiegel“ über das Thema berichtet.

Grundlage für diese Einschätzung ist laut BUND eine Auswertung des Windenergie-Ausbaus in Hamburg und Bremen und der dort angewendeten Ausschlusskriterien bei der Suche nach geeigneten Flächen. Demnach sei der Bau von Windenergieanlagen in Berliner Wäldern „im Grundsatz weiterhin auszuschließen“, schreibt die Organisation. Auch bei landwirtschaftlichen Flächen sei das Potenzial gering. Denn anders als in Hamburg und Bremen seien solche kaum noch vorhanden.

„Ein das Ausbauziel deutlich übertreffendes Potenzial besteht dagegen in den großen, zusammenhängenden Industrie- und Gewerbegebieten“, heißt es weiter. Diese böten in Berlin eine Gesamtfläche von mehr als 6600 Hektar.

Wirtschaftssenator Stephan Schwarz (parteilos) warnte am Mittwoch vor überzogenen Erwartungen mit Blick auf das Windkraftpotenzial in Berlin. „In einem Stadtstaat spielt die Windkraft natürlich eine andere Rolle als in den Flächenländern“, teilte Schwarz mit. „Ich warne deshalb vor überhöhten Erwartungen genauso wie vor vorschnellen Fingerzeigen, wo Windräder aufgestellt werden könnten.“

Es brauche „ein Mosaik aus verschiedenen Maßnahmen, um Berlin klimaneutral und unabhängiger in der Energieversorgung zu machen“, sagte Schwarz. Dafür brauche es sämtliche Potenziale, „von Sonne, über Wind, Wasserstoff bis Geothermie“.

Die Senatsverwaltung plane für das zweite Halbjahr eine Machbarkeitsstudie. „Mir ist wichtig, dass wir das Thema nicht einseitig durch die jeweilige Brille betrachten, sondern die Perspektiven und Interessen zusammenbringen – am Ende aber bezüglich der Flächen konkret werden“, hieß es weiter. „Das muss der Anspruch der Studie sein und dazu wollen wir nach dem Sommer in die Abstimmung mit anderen Senatsverwaltungen gehen.“

Verkehrssenatorin Bettina Jarasch (Grüne) hatte am Vortag einen größeren Fokus auf das Thema Windenergie gefordert. „Wir können nicht - und das ist mir wichtig - nur erwarten, dass wir uns zurücklehnen und Brandenburg für uns Wind- und Solaranlagen baut“, sagte sie im RBB. Solarkraft alleine reiche nicht beim Ausbau Erneuerbarer Energien. Ähnlich wie der Bund warb auch Jarasch bei der Suche nach potenziellen Flächen für Gewerbe- und Industriegebiete.

Es könnten aber auch Dächer in Frage kommen. Das sei eine Möglichkeit, die man ausloten müsse. Bisher wollten Bezirke solche kleineren Anlagen nicht genehmigen, „aber auch darüber will ich reden“, sagte Jarasch.