Deindustrialisierung: Kommt nun die Kündigungswelle in der deutschen Wirtschaft?

Laut einem EU-Geheimpapier sieht es alles andere als rosig für den deutschen Mittelstand aus. Jedes vierte deutsche Unternehmen will ins Ausland verlagern.

Unternehmen wollen aufgrund der hohen Strompreise Tätigkeiten ins Ausland verlagern – Hunderttausende Jobs sind in Gefahr.
Unternehmen wollen aufgrund der hohen Strompreise Tätigkeiten ins Ausland verlagern – Hunderttausende Jobs sind in Gefahr.Andrea Warnecke/dpa-tmn

Droht Deutschlands Wirtschaft aufgrund der Energiekrise jetzt eine Kündigungswelle? Laut einem Geheimpapier der EU-Kommission offenbar schon. Wie aus einem Bericht der Bild hervorgeht, listet das Papier Gefahren für die Wettbewerbsfähigkeit Europas auf und zeigt schonungslos, wie schlecht es um den deutschen Mittelstand steht. Eine rosige Aussicht für die deutsche Wirtschaft sieht anders aus.

Das Papier kursiert unter EU-Abgeordneten und liegt der Bild vor. Darin wird deutlich: Die Folgen der Energiekrise treffen die europäische, vor allem aber die deutsche Industrie härter als ihre globalen Wettstreiter in den USA und in China. Das wirkt sich auf die Zukunftsperspektiven der Unternehmen hierzulande aus.

Deutsche Wirtschaft blickt negativer in die Zukunft als zu Pandemiezeiten

Deutsche Unternehmen sahen zwar auch schon zu Beginn der Corona-Welle schwarz – jetzt ist ihre Zukunftserwartung aber noch aussichtsloser, wie Analysten in dem EU-Papier laut Bild beschreiben. Vor allem energieintensive Branchen treffe es stark. „Die Preisentwicklung zwingt rund 40 Prozent der Unternehmen dazu, Investitionen in die grüne und digitale Transformation zurückzustellen“, heißt es im Papier der Kommission bezüglich des deutschen Mittelstandes. Es wird aber noch schärfer: Fast jedes vierte Unternehmen erwäge oder sei bereits dabei, Anteile, Produktion oder Arbeitsplätze ins Ausland zu verlagern.

Der Anteil jener Unternehmen, die Produktion und Arbeitsplätze ins Ausland verlagern wollen, ist hoch. Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzende von EU-Unternehmen planen, mehr als ein Drittel (34 Prozent) der angestrebten Investitionen vorübergehend zu pausieren – das geht laut Bild-Bericht aus einer Umfrage des European Round Table for Industry hervor. Weitere 15 Prozent wollen sie sogar dauerhaft aussetzen.

Energieintensive Branchen wie Chemie-, Stahl-, Papier-, Elektronik- oder Metallindustrien sowie das Baugewerbe hätten enorm mit den Folgen der Krise zu kämpfen. Das EU-Papier stellt dar, dass Stahlwerke in Bremen und Hamburg ihre Produktion bereits gedrosselt haben. Hinzu kommt, dass deutsche Topunternehmen im Ausland investieren. Platzhirsche wie Volkswagen, BMW und BASF wollen ihre Standorte verlagern – nicht zuletzt ihre Niederlassungen in China und den USA fördern.

Gewerkschaften schlagen Alarm: Hunderttausende Jobs in Gefahr

Im europäischen Vergleich liegt laut Industriegewerkschaften Deutschland beim Strompreis an der Spitze. Doch auch schon vor dem Ukraine-Krieg stellte er auf internationaler Ebene einen Wettbewerbsnachteil dar. Dadurch stehen deutsche Industriestandorte auf dem Spiel. Die Gewerkschaften der Industrie sehen aufgrund dieser hohen Strompreise in Deutschland Hunderttausende Jobs in Gefahr.

Am Dienstag erklärten die Gewerkschaften IG Metall, IG BCE (Bergbau, Chemie, Energie) und IG BAU (Bauen, Agrar, Umwelt) in Berlin, dass in der Stahl-, Chemie- und Baustoffindustrie Standortschließungen und damit Arbeitsplatzverluste drohen. Sie fordern die Bundesregierung auf, bezahlbaren Strom für energieintensive Branchen zu gewährleisten. Es solle dafür ein „spezieller Industriestrompreis“ eingeführt werden, der dem europäischen Vergleich standhalte, international wettbewerbsfähig sei und langfristige Planbarkeit gewährleiste.

„Die Bundesregierung muss beim Industriestrompreis lenkend eingreifen“, sagte Jörg Hofmann, Erster Vorsitzender der IG Metall, am Dienstag. Sonst drohen die Stahlerzeugung, die Aluminiumindustrie und weitere energieintensive Branchen über kurz oder lang aus Deutschland zu verschwinden, so Hofmann. Um der Forderung Nachdruck zu verleihen, riefen die drei Industriegewerkschaften zu einem bundesweiten Aktionstag am Donnerstag, den 9. März, auf.

IG BCE: „Der erste Schritt zu Deindustrialisierung Deutschlands“

Michael Vassiliadis, Vorsitzender der IG BCE, sagte, wenn die Chemie-, Metall-, Glas- oder Papierbranchen wegen hoher Stromkosten Anlagen schließen und Produktion verlagerten, „ist das der erste Schritt zur Deindustrialisierung Deutschlands“. Daher sei ein Industriestrompreis auf Augenhöhe mit denen anderer Weltregionen erforderlich.

Und was will die EU gegen die Abwanderungen ins Ausland unternehmen? Nationale Subventionen sind keine Lösung – vielmehr soll es Unterstützung auf europäischer Ebene geben, heißt es im EU-Geheimpapier. Die Staatsförderung fällt jedoch laut Bild gegenüber den USA deutlich geringer aus. Gegenüber China fehle es an Billigstrom aus der Solarindustrie.

Für eine Erholung der deutschen Wirtschaft wären sinkende Energiepreise notwendig. Damit ist vorerst aber nicht zu rechnen. Der aktuelle Energiewende-Index des Beratungsunternehmens McKinsey zeigt, dass die „historisch stabile Stromversorgung“ in Deutschland unter Spannung gerät. Bis zum Jahr 2030 drohe eine Stromversorgungslücke von bis zu 30 Gigawatt, was circa 30 thermischen Großkraftwerken entspricht. Der Anstieg der Energiepreise sei hierfür der Haupttreiber.

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