Unter diesem Zeichen wird geliefert. Delivery Hero betreibt in 530 Städten weltweit eigene Lieferdienste.
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BerlinDie Firmenzentrale von Delivery Hero in der Oranienburger Straße ist seit Mitte März geschlossen. Hunderte Schreibtische sind verwaist, die Kaffeemaschinen in den Teeküchen schon lange nicht mehr in Betrieb. Nur ein Hausmeister schaut in dem ehemaligen DDR-Institut für Post- und Fernmeldewesen an der Ecke Tucholskystraße noch regelmäßig nach dem Rechten. Viel mehr passiert dort derzeit nicht. Doch die Stille trügt. 

Die Belegschaft des Essenlieferanten hat ihren Arbeitsplatz nahezu komplett ins Homeoffice verlegt und dort sehr gut zu tun, wie die jetzt vorgelegten Quartalszahlen belegen. Denn demnach stieg der Umsatz um 92 Prozent. Jeden Tag wurden im Schnitt mehr als 2,6 Millionen Bestellungen ausgeliefert. So viel wie nie zuvor. Krise? Welche Krise?

Tatsächlich muss das 2011 in Berlin gegründete Unternehmen, das via Smartphone bestelltes Essen von angeschlossenen Restaurants vornehmlich per Fahrrad- oder Scooterkurier zum Kunden liefern lässt, zu den größten Gewinnern dieser Pandemie gezählt werden. Hatte Delivery Hero in den ersten drei Monaten des vergangenen Jahres noch 125 Millionen Essen ausgeliefert, so waren es im ersten Viertel dieses Jahres bereits 239 Millionen Bestellungen. Allein in den letzten drei Märzwochen sei der Kundenstamm laut Firmenangaben um zehn Prozent gewachsen, während zeitgleich weltweit mehr als 50.000 Restaurants neu unter Vertrag genommen wurden. Insgesamt arbeitet Delivery Hero aktuell mit gut einer halben Million Restaurants zusammen.

Wer nun meint, mit einer Delivery-Hero-Bestellung Restaurants in der Nähe dringend benötigten Umsatz verschaffen zu können, liegt aber falsch. Hierzulande organisiert das Digital-Unternehmen keine einzige Pizza- oder Burger-Lieferung mehr. Ende 2018 hatte Delivery Hero sein Deutschland-Geschäft samt der Marken Foodora, Lieferheld oder Pizza.de für 930 Millionen Euro an den niederländischen Konkurrenten Takeaway (Lieferando) verkauft. Die wichtigsten Märkte der Berliner Firma sind heute Nordafrika, Nahost und Asien. Dort generierte Delivery Hero vergangenes Jahr 80 Prozent  seiner Umsätze. Amerika trug knapp acht Prozent zum Umsatz bei, zwölf kamen aus Europa. Heute beschäftigt das Unternehmen eigenen Angaben zufolge 22.000 Mitarbeiter in 42 Ländern.

Dafür hat Delivery Hero in über 530 Städten seine eigenen Lieferdienste aufgebaut, die man seit Ende des vergangenen Jahres nicht nur für fertige Menüs nutzt, sondern auch für Lebensmittel oder Medikamente. Quick Commerce, nennt man den neuen Geschäftszweig, der durch Corona noch befeuert wurde. „Die Nachfrage nach Lebensmitteln ist durch die COVID-19-Pandemie erheblich gestiegen“, sagt Delivery Hero-Chef und –Gründer Niklas Östberg. Sein Unternehmen habe darauf reagiert, indem in den letzten drei Märzwochen 1500 Lebensmittelgeschäfte aufgenommen worden seien. Drei Millionen Nicht-Fertigmenü-Bestellungen wurden von Januar bis März geliefert -  alles Mögliche von Milch bis Rheumasalbe. Im Schnitt hätten 28 Minuten zwischen Order und Lieferung gelegen. Östberg will unter die 20-Minuten-Marke kommen.

Zugleich will das Unternehmen weiter wachsen. Im gesamten Geschäftsjahr 2020 soll der Umsatz auf 2,4 bis 2,6 Milliarden Euro steigen, was ein Plus von etwa 70 Prozent bedeuten würde. Allerdings wird auch dieses Wachstum teuer erkauft, denn Delivery Hero operiert auch im Jahr neun seit Gründung tief in den roten Zahlen und erwartet in diesem Jahr Verluste von wenigstens 340 Millionen Euro.

An der Börse vermag das im MDax gelistete Unternehmen dennoch die Fantasie der Aktionäre zu beflügeln. Nach der Bekanntgabe der Quartalszahlen legte der Kurs am Dienstag weiter zu und hob den Börsenwert des Essenlieferanten auf über 15 Milliarden Euro.