Bertolt Brecht brach mit den Sitten seiner Zeit. Er schrie und schrieb als Angriff auf die Wahrnehmungsraster- und gewohnheiten des Bildungsbürgertums. Er sah Kunst in der Verantwortung und mahnte zur politischen Partizipation. Inmitten der Weltwirtschaftskrise entstand 1929 aus diesem Geflecht „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ – ein Sittengemälde über den Kapitalismus zwischen den stillgelegten Fleischhöfen Chicagos und starren Arbeitern im Schnee. Der Aufstand wider die Verhältnisse fällt den Aufbegehrenden bei Brecht letztlich auf die Füße. Die Revolution frisst ihre Kinder - ein ewiger Epilog. Wie bei GameStop. Das werden wir noch sehen.

Johannas Gegenüber – für sich ein historisches wie literarisches Motiv, dem Aufstand eine Figur zuzuordnen – finden wir derweil als Analogie unserer Zeit ganz zeitgenössisch nicht mehr auf Papier. Die jüngsten Momente des Aufbegehrens begründen sich in Teilen des Internets, das sich als dezentrale Besprechung zur analogen Realität auf Plattformen wie twitch oder Reddit Bahn bricht. Demgegenüber wirken die Kapitalismuskritikreihen bei Suhrkamp und Matthes & Seitz immer schon bei Erscheinen wie von gestern. Sie werden geschrieben von Autoren, die dem Digitalen – den marodierenden Meuten auf Twitter letztlich verwandt –  vor allem als Beobachter gegenüberstehen. 

Die Kinder der Kulturpessimisten lassen sich derweil beim Online Gaming streamen, sie ziehen nach Abu Dhabi oder Singapur, um dort ihr YouTube-Business aufzubauen. Entgegen der Annahme, die Anfang 20-Jährigen brächten nun endlich auf die Straße, wogegen ihre Boomer-Eltern nicht geschafft hätten, sich zu organisieren: Diese Generation eifert nicht insgesamt Greta Thunberg nach. Die Jungen schrauben sich eher einen Weg aus der Biedermeier-Vorhölle ihrer Kindheit. Sie wissen: Das auf ewige Prosperität angelegte Lebensmodell ihrer Eltern funktioniert in einer digitalen Ökonomie - den Klimawandel noch gar nicht eingepreist - schlichtweg nicht. Es kommt wieder auf den Einzelnen an. 

Und so ist auch zu lesen, was wir vergangene Woche rund um GameStop gesehen haben. Auf den ersten Blick liest sich die Story so: Ein sich auf der Plattform Reddit organisierter Kleinanleger-Mob schlägt die dreckigen Geschäfte großer amerikanischer Hedgefonds mit ihren eigenen Mitteln. Mit vereinten Social-Media-Kräften gegen das Finanz-Establishment - eine schöne Story: David gegen Goliath. Normalos treiben den Kurs, auf dessen Verfall Hedgefonds wie Melvin Capital gewettet hatten, in die Höhe. Milliardenverluste folgen. Ein echter Sieg der Kleinanleger, so das Narrativ. Darauf lässt sich zehn Jahre nach 2011 - wir erinnern uns, da war doch was - ein Ableger von Wall Street Occupy begründen. 

Derweil war r/wallstreetbets (kurz WSB) als Subreddit nie als Keimzelle der Revolution formuliert. Hier tummelte sich bis vor ungefähr einem halben Jahr vor allem eine überschaubare Clique an Trading-Interessierten wie Mikey Millions, der auf YouTube Kamikaze Cash heißt und dort bereits vor Jahren erklärte, wie man Optionen handelt. WSB ließe sich insofern in seinem Ursprung eher als Gambling-Bewegung beschreiben, als dass dort irgendwann Politik - geschweige denn Kritik an den Kapitalmärkten - diskutiert worden wäre.

Ohnehin ist die Annahme, dieser Sturm auf das Capitol - pardon, auf die Kapitalmärkte - sei die Vorhut einer Korrektur der Marktverhältnisse, eine irrige. Das Gegenteil ist vielleicht bald der Fall. Marktmanipulationen, seien sie auch als Aufbegehren gegen die Verhältnisse gekennzeichnet, rufen im Zweifel die Aufsicht auf den Plan. Die U.S. Securities and Exchange Commission (SEC) hat Neobroker wie Robinhood, über die viele der Käufe, die zum Kursanstieg von GameStop geführt haben, ohnehin bereits im Visier. Erst im Dezember musste Robinhood 65 Millionen US-Dollar Strafe an die SEC zahlen. 

Davon kann man nun meinen: Endlich! Regulierung! Aber den großen Marktteilnehmern - hallo, Hedgefonds - macht das nichts. Die finden ihren Weg. Das lehrt uns in Deutschland seit Jahren Cum-Ex: Geschäfte, die der Aufsicht immer einen Schritt voraus sind. Wer hier wirklich zu Schaden kommt, ist am Ende doch wieder nur Max Mustermann. Wer gerade erst Gefallen am Aktienhandel gefunden hat, weil das auf Robinhood und Co. so einfach ist, war den Insidern am Markt ohnehin immer hinterher. Auf den bald regulierten Plattformen der Neobroker wird es mit dem Trading-Spaß nun bald zusätzlich wieder: kompliziert.