Wo sonst Publikumsverkehr herrscht, bleibt alles zu. Viele der Mitarbeiter der Arbeitsagenturen sind im Homeoffice.
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BerlinSie selbst verstehen sich neuerdings als die „Kliniken der Unternehmen“. Die Arbeitsagenturen im Land sind neben Banken, Bund und Ländern die, die die Wirkungen der Corona-Krise auf die Wirtschaft zu lindern versuchen. Kurzarbeit ist dort die wichtigste Therapiemöglichkeit, und längst sind die Notaufnahmen überfüllt. Allein in der Woche vom 16. bis zum 20. März gab es bundesweit so viele Anfragen zu Kurzarbeit wie im gesamten Jahr 2019. In Berlin zeigen aktuell täglich etwa 1000 Betriebe Kurzarbeit an.

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Tatsächlich sind die Agenturen und Jobcenter aber geschlossen. Seit dem 18. März gibt es keinen Zugang zu den Geschäftsstellen mehr. Alles läuft nur noch per Telefon, Fax oder Mail. Auch die Mitarbeiter selbst arbeiten oft zu Hause, um Infektionsrisiken zu minimieren oder weil sie sich um ihre Kinder kümmern müssen, die nicht in Kita oder Schule können. „Wir haben das Angebot, im Homeoffice zu arbeiten, deutlich ausgeweitet“, heißt es in der Nürnberger Zentrale der Bundesagentur für Arbeit (BA). Die Kolleginnen und Kollegen seien aber weiterhin telefonisch und online für Kunden erreichbar.

IT-Struktur wurde deutlich ausgebaut

Erreichbarkeit ist aber nur der Anfang. Die Antragswelle muss auch bearbeitet werden. Um das zu gewährleisten, sind datensichere Homeoffice-Arbeitsplätze in großer Zahl nötig. Schließlich geht es bei der Bundesarbeitsagentur um sensible Personen- und Unternehmensdaten. Voraussetzung dafür sind BA-eigene Computer oder gesicherte Datenkanäle, sogenannte VPN-Verbindungen, Virtual Private Network.

Nach Informationen der Berliner Zeitung wurde die IT-Struktur der Bundesarbeitsagentur in den vergangenen Tagen deutlich ausgebaut. War das System bislang auf durchschnittlich 1900 und maximal 2500 Nutzer pro Tag ausgelegt, so könnten nun 10.000 Menschen parallel arbeiten. Das ist etwa jeder zehnte BA-Mitarbeiter. Zudem wurde unter der Bezeichnung DV-Covid-19 eine Rahmendienstvereinbarung in Kraft gesetzt, nach der der Arbeitszeitrahmen insbesondere für die Mobilarbeit auf 6 bis 22 Uhr ausgeweitet wurde. So sollte „eine optimale Auslastung“ der technischen Kapazitäten ermöglicht werden.

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Formulare gibt es online oder sind nicht mehr nötig.
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Risiko eines Hardware-Ausfalls

Dennoch schlägt der IT-Bereich der Bundesagentur inzwischen Alarm. Da sich die Nutzung weiter auf die Kernarbeitsstunden zwischen 7 bis 15 Uhr konzentrieren würde, entstünden immer wieder sogenannte Überlastsituationen. Mitarbeiter könnten sich nicht einwählen, obwohl Kapazitäten frei sind. Schließlich könne es zu Ausfall der Hardware kommen.

In einer entsprechenden Mail an die Arbeitsagenturen heißt es: „Wenn wir das aktuelle Nutzerverhalten für die Plattform nicht umgehend ändern und strukturieren, wird dies dazu führen, dass es zu weiteren gravierenden Defekten kommt, die Plattform in Kürze nicht betrieben werden kann und dann notgedrungen komplett abgeschaltet werden muss.“ Folge: Bundesweit könnten Tausende BA-Arbeitsplätze nicht mehr besetzt werden.

Auslastung der Arbeitsagentur

30.000 Berliner Betriebe haben schon jetzt Kurzarbeit angezeigt.

1000 neue Anträge kommen täglich hinzu.

10.000 Mitarbeiter können bundesweit parallel arbeiten.

Keine Probleme bei der Berliner Arbeitsagentur

Das wäre fatal. Denn beim Kurzarbeitergeld zählt jeder Tag. Ein Betrieb muss den Bedarf an Kurzarbeitergeld zunächst formlos anzeigen. Diese Anzeige wird in der Agentur bearbeitet. Danach muss das Unternehmen einen ausführlicheren Antrag stellen, der wiederum geprüft werden muss. Erst dann fließt Kurzarbeitergeld aus der Arbeitsagentur in das Unternehmen. Wie lange das alles dauert, darauf will sich bei der Arbeitsagentur niemand festlegen. Mit Wochen ist zu rechnen. In jedem Fall müssen die Betriebe in Vorleistung gehen. Auch dafür sind die zinslosen Kredite von Bund und Ländern gedacht.

In der Zentrale der Bundesagentur für Arbeit antwortete man auf Nachfrage zur IT-Situation nur allgemein, verwies auf die Ausweitung des Arbeitszeitrahmens und bat um Verständnis dafür, „keine weiteren Informationen zur Verfügung stellen“ zu können.

In der Berliner Arbeitsagentur war indes zu erfahren, dass intern nun werktäglich zwischen 6 und 22 Uhr gearbeitet werde. Bestimmte Zeitfenster seien gerade für externe Zugänge zu bestimmten Fachverfahren reserviert. Außerdem will man die Zahl der gesicherten externen Zugänge zum BA-System auf 3500 potenzielle gleichzeitige Nutzer (bei 8400 Mitarbeitern insgesamt) erhöht haben. „Nach verschiedenen Maßnahmen funktioniert die IT-Verfügbarkeit aktuell ohne erkennbare Mängel“, sagt Holger Wenk, Sprecher der Berliner Arbeitsagentur. Probleme für die IT-Arbeitsfähigkeit könne er für Berlin nicht bestätigen.

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IT-Zugänge für weitere 7000 bis 8000 Mitarbeiter

Also alles prima? Keineswegs, sagt Waldemar Dombrowski. Nach Einschätzung des Bundesvorsitzenden der Gewerkschaft Arbeit und Soziales, der zugleich Chef der Arbeitsagentur in Bad Hersfeld/Fulda ist, hat die Bundesarbeitsagentur „definitiv zu wenig mobile Arbeitsplätze“. Man sei schlecht vorbereitet. Außerdem kritisiert der Gewerkschafter, dass man auf keine IT-Reserven zurückgreifen könne. Die Corona-Pandemie habe man zwar nicht vorhersehen können, aber mit unvorhersehbaren Ereignissen müsse man angesichts volatiler Märkte immer rechnen. Ein Börsencrash könne ähnliche Wirkungen entfalten. „Wir brauchen einen Hardware-Pool mit sicheren Laptops, der für solche Situationen zur Verfügung steht“, sagt Dombrowski.

Immerhin sollen nun die Kapazitäten aufgestockt werden. Nach Informationen der Berliner Zeitung hat die Bundesagentur weitere sichere Serverkapazitäten und VPN-Verbindungen gebucht. Bis Mitte, spätestens Ende des Monats sollen dadurch weitere IT-Zugänge für 7000 bis 8000 Mitarbeiter außerhalb der Agenturen möglich sein.

30.000 Betriebe haben Kurzarbeit angezeigt

Wenngleich die Berliner Arbeitsagentur eigenen Auskünften zufolge gut aufgestellt ist, könnte auch hier der Bedarf an weiteren sicheren mobilen Arbeitsplätzen steigen. Noch, heißt es in der Regionalzentrale bange, sei in den insgesamt 15 Berliner Agenturen und Jobcentern kein Corona-Fall aufgetreten, der eine Komplettschließung der Filiale nötig machen könnte.

Dabei haben schon jetzt insgesamt etwa 30.000 Betriebe Kurzarbeit angezeigt. Täglich kommen bis zu 1000 Anzeigen hinzu. Jeder einzelne Eingang muss bearbeitet werden. Und tatsächlich kommt die Berliner Agentur schon jetzt nicht hinterher. „Wir haben einen Rückstau“, räumt Bernd Becking, Chef der Berliner Arbeitsagenturen und Jobcenter, ein.

Genauer will er den Rückstand nicht beziffern, aber er verspricht, dass bis Ostern 70 Prozent der Anzeigen erfasst seien, die restlichen 30 Prozent bis zum 17. April. „Am 20. April ist alles erfasst“, sagt Becking. Damit wäre dann allerdings erst der erste Schritt getan.