Rund 140 Meter hoch: Der geplante Turm an der Warschauer Brücke.
Foto: Edge Tower

Berlin-Friedrichshain  Der Entwurf eines glänzenden Hochhausturms an der Warschauer Brücke könnte ein Entwurf bleiben. Florian Schmidt, grüner Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg, will das bereits erteilte Baurecht für den knapp 140 Meter hohen Büroturm „Edge“ kippen, in den – wie berichtet – der Versandhandel Amazon einziehen möchte.

In einem Schreiben an die in der Stadtentwicklungsverwaltung angesiedelte Senatsbaudirektorin Regula Lüscher beklagt Schmidt, dass der Bauherr Edge Technologies und das Architektenbüro Bjarke Ingels Group sich nicht an geschlossene Verträge halten. Der zuletzt vorgestellte Entwurf habe nichts mit den ursprünglichen Darstellungen zu tun.

Baustadtrat Florian Schmidt will neuen Architektenwettbewerb erzwingen

Laut einem städtebaulichen Vertrag von 2004 habe sich der Käufer des Grundstücks zu einem Architektenwettbewerb verpflichtet. Gegeben habe es aber nur ein Gutachterverfahren, zu dem drei Architekturbüros eingeladen wurden. Das Ergebnis, so Schmidt, habe zunächst alle Beteiligten zufriedengestellt. Doch dann sei das Verfahren aus dem Ruder gelaufen. Der Stadtrat: „Im Bauantrag wurde ein vollkommen anderer Entwurf eingereicht.“ Formal hätte er aber am 2. September 2019 genehmigt werden müssen, weil der städtebauliche Vertrag keine Handhabe dargestellt habe, die Genehmigung zu versagen.

Schmidt schlägt daher vor, einen neuen, echten Architektenwettbewerb zu erzwingen, gegebenenfalls auf dem Weg einer Klage. Man müsse versuchen, den Vertrag durchzusetzen, weil der Bauherr rund 40 Prozent der Grundstücksfläche an die benachbarte East Side Mall verloren habe und sich dadurch neue Grundbedingungen ergeben hätten.

Am Ende müsse ein Gebäude entstehen, dass gemäß der Berliner Hochhausleitlinie eine „besonders hohe städtebauliche und architektonische Qualität" aufweise. Die Senatsverwaltung prüft jetzt, ob Schmidt Vorschlag rechtlich umgesetzt werden kann.

Entwurf für das Edge East Side sei "unpassend und banal"

Der Urpsprungsentwurf, der auf allgemeine Zustimmung stieß.
Foto: Promo

Der Stadtrat, häufig für politische Alleingänge bekannt, sieht große Unterstützung für sein Vorhaben. Der Bauausschuss der Bezirksverordnetenversammlung habe „konsterniert“ auf den Entwurf reagiert. Das Stadtentwicklungsamt sei darüber hinaus zu der Erkenntnis gelangt, dass die Gestaltung des Hochhauses „unbefriedigend“ sei: „Fassaden wie aus dem Bauantrag sind bereits in Bangkok und Singapur gebaut worden.“ Für Berlin sei der Entwurf unpassend und banal.

Das deckt sich mit Äußerungen aus dem Baukollegium, einem aus Architekten und Stadtplanern gebildeten Beratergremium unter Vorsitz Lüschers. Die Architekten des Edge seien trotz mehrfacher Aufforderung nicht willens oder in der Lage gewesen, die unteren Etagen „rau und wild“ zu gestalten, um sie der Umgebung anzupassen und kein glattes, abweisendes Gebäude zu schaffen.

Amazons Pläne für das Edge East Side

Ab 2024: 28 von 35 Etagen des Edge-Hochhauses will Amazon nutzen, insgesamt 55 000 Quadratmeter.                                                      Proteste: Gentrifizierungskritiker in Friedrichshain-Kreuzberg beklagen, dass der Bezirk durch Konzerne wie Amazon, Zalando und Google zum Hightech-Standort werde. Proteste gegen die Amazon-Ansiedlung werden bereits von der Initiative „Make Amazon pay“ angekündigt. Die Aktionen würden nun anlaufen, so ein Sprecher. In den sozialen Netzwerken äußern sich auch Gruppen wie „Blockupy Berlin“ und „Bizim Kiez“ ablehnend gegenüber der Ansiedlung.

Denkbar gewesen seien der Einsatz von rohem Beton, Fassadenbepflanzung oder Kunst am Bau. Ein Mitglied des Kollegiums, das sich von dem Entwurf distanzierte, sagte: „Sie glaubten offenbar, dass man in Berlin machen kann, was man will, und uns an der Nase herumführen.“

Amazon als Mieter verhindern?

Christian Gräff, wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion, wittert für Schmidts Vorstoß ganz andere Motive. Der Stadtrat wolle Amazon als Mieter verhindern, nachdem schon Google mit seinem Campus-Plan aus dem Bezirk vergrault worden sei: „Mit seinem Kulturkampf gegen jeden Investor von Weltruf verhindert der selbstherrliche Stadtrat großartige Zukunftschancen für den Bezirk und unsere Stadt. Der Ruf unseres Wirtschaftsstandortes erleidet dadurch einmal mehr Schaden.“ Schmidt wolle Berlin zum „Kleinkleckersdorf“ zurückbauen, deshalb solle der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) „den Fall Amazon an sich zieht.“

Ein Vorwurf, den Schmidt mit dem zeitlichen Ablauf kontert. Der Brief des Bezirksamts an die Senatverwaltung sei am 11. Oktober abgeschickt worden, von Amazon als voraussichtlichem Mieter aber habe man erst am 14. Oktober aus der Zeitung erfahren.