Wirecard-Gründer Markus Braun.
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Der Bilanz-Skandal beim insolventen Zahlungsdienstleister Wirecard entwickelt sich zu einem Krimi, der im Geheimdienstmilieu spielt und in den auch die österreichische FPÖ verwickelt sein könnte. Im Mittelpunkt steht die schillernde Figur des Wiener Managers Jan Marsalek. Er war Chief Operating Officer (COO) und die rechte Hand des Unternehmensgründers Markus Braun. Er soll für die betrügerischen Manipulationen in Singapur verantwortlich sein und wird mit internationalem Haftbefehl gesucht. Das Vermögen des  Managers, der mehrere Sprachen fließend spricht, wird auf mehrere Hundert Millionen Euro geschätzt.

Marsalek ist abgetaucht, und nun kommen Details ans Licht, die für das Unternehmen und seine Finanz-Partner sehr unerquicklich sein dürften. Die Wiener Zeitung Die Presse berichtet, Marsalek habe enge Kontakte zum von Skandalen erschütterten österreichischen Inlandsgeheimdienst, dem damaligen Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung, gehabt. Er soll vertrauliche Informationen an die FPÖ weitergegeben haben, die erst vor einem Jahr mit einem Korruptionsvideo aus Ibiza in die Schlagzeilen geraten ist. Die Informationen des Wirecard-Managers sollen das Misstrauen der FPÖ gegenüber dem Koalitionspartner ÖVP geschürt haben. 

Marsaleks Kontaktmann soll ausgerechnet der damalige FPÖ-Klubobmann Johann Gudenus gewesen sein. Gudenus war mit dem inzwischen zurückgetretenen FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache auf Ibiza in eine Falle getappt, als die beiden einer vermeintlichen russischen Oligarchin unsittliche Angebote unterbreiteten. Pikant: Die FPÖ unterhält enge, offizielle Kontakte zur Partei des russischen Präsidenten Wladimir Putin.

Mit Russland hat auch eine weitere Enthüllung zu tun: Die Financial Times, die seit Jahren Enthüllungen über Wirecard vorlegt, berichtet, Marsalek habe in London vor Börsenhändlern mit Geheimdienstdokumenten geprahlt. Diese sollen angeblich die Formel des Nervengifts Nowitschok enthalten haben. Mit diesem Gift soll der britisch-russische Doppelagent Sergej Skripal vergiftet worden sein. Skripal ist ebenfalls von der öffentlichen Bühne verschwunden.

Der Verdacht, dass es bei Wirecard noch um anderes als um eine reine digitale Finanzdienstleistung gegangen sein könnte, wird durch Ermittlungen der Staatsanwaltschaft München erhärtet: Die Behörden ermitteln laut Reuters noch umfassender als bisher bekannt. Neben Betrug, Untreue, Bilanzfälschung und Marktmanipulation steht für die Strafverfolger in München auch der Verdacht der Geldwäsche im Raum. „Wir ermitteln wegen Geldwäscheverdachts gegen Verantwortliche des Unternehmens und gegen unbekannt“, sagte eine Sprecherin am Donnerstag. Die Behörde gehe entsprechenden Anzeigen aus dem laufenden und aus dem vergangenen Jahr nach. Eine Wirecard-Sprecherin lehnte eine Stellungnahme ab.

Der Dax-Konzern aus Aschheim bei München galt jahrelang als eines der erfolgreichsten Finanztechnologie-Unternehmen weltweit. Nach Aufdeckung eines Bilanzlochs von 1,9 Milliarden Euro im Juni brach Wirecard zusammen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt deshalb unter anderem wegen Bilanzfälschung gegen den zurückgetretenen Vorstandschef Markus Braun und weitere Manager. Wegen des Verdachts verschiedener Finanzstraftaten im Umfeld von Wirecard ermitteln Behörden weltweit, unter anderem in den USA, in Singapur und auf den Philippinen. So war am Mittwoch bekannt geworden, dass US-Behörden einer möglichen Verwicklung Wirecards in einen 100 Millionen Dollar schweren Bankbetrug bei Handel mit Marihuana nachgehen. Demnach sollen zwei Geschäftsleute zusammen mit Zahlungsabwicklern US-Banken über die Herkunft der Gelder getäuscht haben. Laut einem Bericht der Irish Times wurden auf Wunsch der Münchner Staatsanwaltschaft Büros der Firma in Dublin durchsucht.

Bereits 2010 und 2015 hatten die Münchner Strafverfolger Wirecard wegen Geldwäscheverdachts ins Visier genommen. Ein Ermittlungsverfahren sei 2012 nach zwei Jahren mangels Tatverdachts eingestellt worden, sagte eine Sprecherin. In einem weiteren Verfahren durchsuchten die Münchner Ermittler im Jahr 2015 im Auftrag der USA Büros von Wirecard. Was aus diesem Verfahren wurde, ist nicht bekannt. Die Behörde äußerte sich nicht.

Das Land Bayern räumt Lücken in der Geldwäscheaufsicht ein. „Aufgrund der Struktur der Wirecard-Gruppe und den Regelungen im Geldwäschegesetz besteht keine Gruppenaufsicht über sämtliche Tochterunternehmen der Wirecard AG“, erklärte Innenminister Joachim Herrmann auf Anfrage der SPD-Opposition im Landtag. (mit Reuters)