Die Aufwertung des Rubels gegenüber dem Euro und US-Dollar hätte eigentlich schon Anfang Mai seine Wirkung verlieren müssen. Davon gingen die Analytiker aus.

Doch der Mai ist bald zu Ende, aber die russische Währung will immer noch nicht den Überlebenskampf aufgeben. An diesem Montag kostete ein Euro auf der Moskauer Börse sogar „nur“ 58,8 Rubel – zum ersten Mal seit Juni 2015. Der Wechselkurs des US-Dollars konnte sich ebenfalls nur bei 57,50 Rubel behaupten. Am Dienstag haben sich die beiden westlichen Währungen leicht erholt, doch die Entwicklung lässt viele Anleger nach wie vor staunen. Wie ist das nur möglich? Denn Anfang März lag der Euro noch bei 133 Rubel.

Inflation von beinahe 20 Prozent erwartet

Damals hatte die russische Zentralbank den Leitzins um rekordhafte 10,5 Prozent auf 20 Prozent angehoben, mehrere Devisenkontrollen eingeführt und die Exporteure verpflichtet, 80 Prozent ihrer Exporteinnahmen in Rubel zu konvertieren. Das Hauptziel dahinter war die Inflation zu dämpfen. Während die Europäer etwa mit einer Inflationsrate von mindestens 7,4 Prozent zu leben lernen (Stand: April), dürfen sich die Russen laut der russischen Rechnungskammer mit einem jährlichen Anstieg der Verbraucherpreise von „nur“ 18 Prozent im Vergleich zum Vorjahr begnügen.

Aber die Inflation in Russland lag schon 2021 offiziell bei 8,4 Prozent, also dürften die leidgeprüften Russen den aktuellen Preisanstieg etwa im Supermarkt noch nicht als Katastrophe wahrnehmen. In den ländlicheren Regionen soll die jährliche Inflation offiziell bei bis zu 23 Prozent liegen. Diese Prognosen lassen sich bisher allerdings nicht unabhängig überprüfen, denn fast alle Wirtschaftsinstitute sind in Russland staatlich. Es steht jedoch bereits fest: Viele Lebensmittel sind in Russland vor allem in den ländlichen Regionen deutlich teurer geworden.

Zwar sollen die russischen Gaseinnahmen auch dieses Jahr trotz der Sanktionen ein Rekordhoch von 100 Milliarden US-Dollar verzeichnen, schreibt die französische Zeitung Les Échos unter Verweis auf die Analytiker des US-Finanzdienstleisters Citigroup. Denn die Gaspreise steigen kontinuierlich und kompensieren die teilweise abgenommenen Exporte – wie im Fall mit Polen.

Doch die weitgreifende Isolation Russlands von westlichen Märkten hat bereits viele Folgen. Der Rückgang der Exporte um geschätzte 14 Prozent im Vergleich zum Vorjahr sowie die Abnahme der Importe um 27 Prozent treiben die russische Wirtschaft in die Rezession, laut Prognosen des Wirtschaftsministeriums mindestens für zwei Jahre.

Der jährliche Rückgang der Wirtschaftsleistung, oder des Bruttoinlandsproduktes, wird nach einer Einschätzung des Wirtschaftsministeriums bei 7,8 Prozent liegen. Die Zentralbank rechnet ihrerseits mit einer jährlichen Rezession von bis zu 10 Prozent, die die russische Bevölkerung besonders am Ende des Jahres zu spüren bekommen sollte. Auch die Arbeitslosenquote dürfte bis Ende des Jahres von 4,4 auf 7,8 Prozent steigen. Zum Vergleich: Die Arbeitslosenquote in Deutschland lag im Januar 2022 bei 5,4 Prozent.

Wird der Rubel jetzt doch fallen?

Um das Schrumpfen des Staatshaushaltes abzufedern und die Produktion etwas zu beleben, verzichtet die russische Zentralbank bereits auf die künstliche Stützung des Rubels, allerdings nur teilweise. Ab sofort müssen die russischen Exporteure nur 50 statt 80 Prozent ihrer Deviseneinnahmen an den Staat verkaufen. Der Leitzins wurde zum 4. Mai in zwei Schritten auf 14 Prozent gesenkt.

Die Privatpersonen dürfen seit Kurzem wieder unbegrenzt ausländische Währung in bar kaufen, aber nicht in Euro oder US-Dollar. Die beiden westlichen Währungen kann man nach wie vor nur limitiert in bar kaufen, und zwar diejenigen Geldscheine, die die Banken seit dem 9. April zur Verfügung stellen. Eine natürlich wachsende Nachfrage nach dem Euro und US-Dollar würde sofort für ein Defizit sorgen und den Rubel wieder abstürzen lassen.

Laut dem russischen Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung hat die Aufwertung des Rubels nun ihren Höhepunkt erreicht. Die russische Zentralbank sollte nun den Leitzins weiter senken, heißt die Empfehlung der Behörde. In diesem Sinne rechnet etwa die US-Nachrichtenagentur Bloomberg mit einem Absturz des Rubels bereits diese Woche. Ob die russische Währung den Erwartungen dieses Mal gerecht wird?