Das Städtchen Zossen in Brandenburg hat viel von sich reden gemacht als innerdeutsches Steuerparadies. Auch die Lebensgut-Immobilienfirmen sind hier registriert. 
Foto: BLZ/Wächter

BerlinIm Licht der Küchenlampe sitzt Ulrike Danner jetzt am Tisch, blättert in der Mappe auf ihren Knien, vor ihr dampft eine Tasse Tee. Draußen ist es bereits dunkel, in der Fensterscheibe spiegeln sich die schmale Kreuzberger Küche und die Frau, die sich über die Papiere beugt, und so ist sie in diesem Moment allein mit ihren vielen offenen Fragen.

Ulrike Danners Geschichte handelt von Investoren, die sich, wie es scheint, unsichtbar gemacht haben. Es geht darin um Vorratsgesellschaften, Renditemargen, Anwälte und einen Geschäftsmann, den Berliner Medien als „Immobilien-Guru“ bezeichnen. Es geht um rund 100 Häuser in Berlin, um eine Kleinstadt in Brandenburg und um sehr viel Geld.

Im Januar 2019 erfuhr Ulrike Danner, dass ihr Haus verkauft werden soll: Im Grundbuch fanden die Mieter eine Vormerkung für eine Gesellschaft: Lebensgut Beta 3 GmbH & Co KG. Danner konnte damit nichts anfangen und kann es bis heute nicht. Aber sie macht sich nichts vor: Sie lebt im Graefekiez und hat in ihrer Nachbarschaft häufiger gesehen, was geschieht, wenn renditeorientierte Investoren auftauchen. Meist ist das keine guten Nachricht für die Mieter, jedenfalls nicht für die mit alten Verträgen. Die Sache ist ihr unheimlich; deshalb will sie nicht, dass ihr richtiger Name in der Zeitung steht. „Wir haben den Namen gehört und dann erfahren: Die sitzen in Zossen, an einer Adresse mit vielen anderen Firmen“, sagt sie. „Dahinter war ein schwarzes Loch.“

Spuren enden in Anwaltskanzleien

Die Recherche der Berliner Zeitung begann vor einigen Wochen mit einem Rätsel ohne Lösung: Die Firmengruppe, die unter dem Namen Lebensgut Häuser kauft und verkauft, ist selbst für den undurchsichtigen Berliner Immobilienmarkt ein auffällig intransparentes Konstrukt. Ähnlich wie bei internationalen Unternehmensgeflechten mit Offshore-Struktur bleiben die Eigentümer für die Öffentlichkeit im Dunkeln.

Die Berliner Zeitung stieß auf ein breit gefächertes Netz mit Dutzenden Gesellschaften, das mit weiteren, noch größeren Geflechten verknüpft ist, und am Ende verlieren sich die Spuren in Anwaltskanzleien. Die entscheidenden Hinweise  letztlich liefert eine Suche in der Vergangenheit: In mehrere Jahre alten Verträgen und Berichten nicht mehr existierender Firmen taucht ein Mann auf, der in der Berliner Immobilienszene einen klingenden Namen hat: Nikolaus Ziegert, der Marktführer der Berliner Wohnungsverkäufer.

Als die Berliner Zeitung die Ziegert Group mit ihren Ergebnissen konfrontiert, kommen die Fakten heraus:  Die Lebensgut-Firmen gehören zu Ziegerts Immobilien-Imperium. Das bestätigt eine Sprecherin. Warum versteckt sich Berlins bekanntester Makler hinter einem Netz aus Firmenhüllen und Treuhändern?

 In der „Wachstumsphase“ seien manche Aktivitäten „in Treuhandstrukturen organisiert“ worden, „um Wettbewerbsnachteile beim Kauf von Objekten zu vermeiden“, teilt die Sprecherin mit. Die Ziegert Group sei aber gerade dabei, sich neu zu strukturieren, die Aktivitäten „in der Entwicklung mit Investoren und Partnern“ würden in einem eigenen Geschäftsfeld „Investment & Development“ gebündelt.

Wie viele Immobilienfirmen hier sind, wer die sind, was die machen – das weiß ich nicht.

Wiebke Schwarzweller, Bürgermeisterin von Zossen

Auf der einen Seite also steht Nikolaus Ziegert, der prominente Makler, in dessen Firma Ziegert Immobilien Otto Schily als Beirat sitzt, der gerne Worte wie Verantwortung und Nachhaltigkeit benutzt und auf dessen Website sich vor allem hochwertige Objekte und Luxuswohnungen finden. Auf der anderen ein ominös wirkendes Geflecht aus Firmen mit Sitz in Zossen, Landkreis Teltow-Fläming.

Von einer Straße im Vorort Wünsdorf geht eine gepflasterte Einfahrt ab, vier Briefkästen aus Metall stehen vor einem weißen Haus mit Giebeldach. Es ist so neu, dass es wirkt wie eine Kulisse, alle Fenster sind dunkel. Auf den Briefkästen kleben zwei Zettel, eng bedruckt mit Firmennamen. Darunter ist eine lange Liste von Lebensgut-Firmen - auch die Lebensgut Beta 3 GmbH & Co. KG.

Die weißen Zettel auf den Briefkästen listen die Lebensgut-Firmen auf.
BLZ/Markus Wächter

Wiebke Schwarzweller, Bürgermeisterin von Zossen, hat sich längst an den Anblick der vielen Briefkästen in ihrem Städtchen gewöhnt. Es ist Freitag, der Nachmittag bricht an; das Rathaus hat sie für sich alleine.

Sie sitzt am Schreibtisch, zeichnet Unterlagen in einer Dokumentenmappe ab. „Da kann ich gar nicht viel zu sagen“, sie hält kurz inne, zuckt die Schultern, den Stift in der Hand, „wie viele Immobilienfirmen hier sind, wer die sind, was die machen – das weiß ich nicht.“

Zossen gilt als deutsches Steuerparadies

Schwarzweller, FDP, ist erst seit ein paar Monaten im Amt. Das ist nicht viel, aber genug, um sich einen Eindruck über die Finanzen der Stadt zu verschaffen und da sieht es nicht gut aus. Zossen hat viel von sich reden gemacht als deutsches Steuerparadies; der Gewerbesteuersatz liegt gerade bei sieben Prozent, in Berlin ist er mehr als doppelt so hoch. Lange galt das Modell als Erfolgsgeschichte, aber jetzt hat sich die Lage geändert, das Städtchen steht vor der Pleite. Dafür gibt es viele Gründe, einer ist, dass manche der Gesellschaften für die öffentliche Hand praktisch nicht greifbar sind.

Innerdeutsche Steueroasen sind nicht neu, Monheim nahe Düsseldorf ist ein Beispiel, oder Lützen in Sachsen-Anhalt; gerade kleine Kommunen versuchen, den Standort-Wettbewerb so für sich zu entscheiden. Das kann funktionieren. Rund 4000 Firmen hat Zossen so zu sich hingezogen, große und kleine. Bloß ziehen diese Städte damit auch Strukturen an, denen die örtlichen Behörden kaum gewachsen sind, sagt Christoph Trautvetter, Steuerexperte vom Rechercheprojekt „Wem gehört die Stadt“ der Rosa-Luxemburg-Stiftung: „Das Problem ist nicht die Höhe der Steuern. Manche Firmen gehen da unter Umständen auch hin, weil die Steueraufsicht relativ lasch ist und weil sie ihre Aktivitäten relativ leicht künstlich verschieben können.“

Die Anwaltskanzlei Spek & Kämpf an der Uhlandstraße, die die Lebensgut-Struktur aufgebaut hat und zum Teil verwaltet, teilt mit, der Standort wurde aufgrund von „betriebswirtschaftlichen Erwägungen gewählt“. Zossen habe eine gute Infrastruktur und sei gut an Autobahn und Flughafen angebunden.

Christoph Trautvetter hat sich mit dem Fall Lebensgut befasst, auch er hat lange nach den Eigentümern gesucht. „Die sind in Zossen, aber haben sich vor allem bisher hinter ihrem Verwalter versteckt“, sagt er. Eigentlich sollte die EU-Geldwäsche-Richtlinie dafür sorgen, dass Investoren nicht mehr unerkannt bleiben können.

Deshalb hat die Bundesregierung das Transparenzregister öffentlich gemacht, in dem die wirtschaftlichen Berechtigten einsehbar sein sollten – theoretisch. „Der Fall zeigt, dass die bisherigen Verbesserungen wenig bringen“, sagt Trautvetter, „solange es noch Möglichkeiten gibt, anonym zu bleiben.“

Ziegert ist seit vielen Jahren einer der bekannten Immobiliendienstleister in Berlin. Bei größeren Ankäufen von Immobilien hätten wir allein aus diesem Grund erheblich höhere Kaufpreise zahlen müssen.

Sprecherin der Ziegert-Group

Ziegert ist ein angesehener Berliner Unternehmer, es gibt keinen Hinweis darauf, dass seine Firmen etwas Rechtswidriges tun. Wozu also dieses Konstrukt?  Die Sprecherin der Ziegert-Group schreibt, gerade sein großer Name sei der Grund: „Bei größeren Ankäufen von Immobilien hätten wir“ deswegen „erheblich höhere Kaufpreise zahlen müssen.“

Bisher taucht Ziegert bei der Lebensgut-Gruppe in keinem öffentlichen Verzeichnis auf.


Aus dem Handelsregister geht  hervor, dass es rund 30 Lebensgut-Gesellschaften gibt. Kommanditist – also Geldgeber und Empfänger der Gewinne – ist bei den meisten die A Tempo Immobilien, eine nicht börsennotierte AG. Wem die Anteile gehören, ist nirgends verzeichnet. Zu sehen ist nur, dass die Gesellschaft an der Adresse der Kanzlei Spek & Kämpf an der Uhlandstaße registriert ist.

Die A Tempo Immobilien AG arbeitet mit Inhaberaktien. Anders als bei Namensaktien sind die Eigentümer hierbei nicht zu ermitteln, nicht für die Öffentlichkeit, nicht für die Behörden. Sie gehören immer dem, der die Urkunde gerade hat. Die Kanzlei Spek & Kämpf findet nichts daran: Es handele sich um ein „rechtlich einwandfreies Instrument der Beteiligung an Unternehmen“.

Das Eigentum wird mit der Übergabe eines Stücks Papier rechtmäßig übertragen, es ist völlig unnachvollziehbar, wer Eigentümer zu welchem Zeitpunkt war.

Markus Meinzer, Finanzexperte

Aber fast nirgends in Europas sind Inhaberaktien noch zugelassen. Deutschland hat 2015 ein Gesetz erlassen, dass die Ausgabe verbietet. Schätzungen der OECD zufolge gibt es in Deutschland rund 14 000 Unternehmen, die Inhaberaktien haben könnten. Der Altbestand darf weiter genutzt werden. Inzwischen eine Anomalie, selbst die Schweiz will ihre Altbestände jetzt auflösen. „Es ist eins der großen Problemfelder in Deutschland, weil es anfällig für Geldwäsche ist“, sagt Markus Meinzer, Finanzanalyst beim Tax Justice Network. „Das Eigentum wird mit der Übergabe eines Stücks Papier rechtmäßig übertragen, es ist völlig unnachvollziehbar, wer Eigentümer zu welchem Zeitpunkt war.“

Wer will uns kaufen? Um diese Frage kreisten die Gedanken der Mieter in Ulrike Danners Haus im Graefekiez mehr als ein Jahr lang. „Die Faktenlage ist einfach so dünn. Ich hab immer noch gehofft, dass etwas herauskommt“, sagt sie in ihrer Küche. Eine Nachbarin ist dazugekommen, die sagt: „Für uns war auch schwierig zu erkennen: Ist das dubios? Ist das normal? Ich hatte keine Ahnung, dass es solche Geschäftsmodelle überhaupt gibt.“

Sie haben versucht, sich zu vernetzen; sie hat mit Mietern in anderen Lebensgut-Häusern gesprochen, mit dem Bezirk und mit Fachleuten.

Ulrike Danner sagt, von offener Schikane haben sie nichts gehört. „Aber das, was geht zur Renditemaximierung, das machen sie – im Rahmen der Gesetze.“ Sie und ihre Nachbarn wollten kämpfen, sie haben demonstriert und Plakate geklebt. Inzwischen hat der Bezirk beschlossen, sein Vorkaufsrecht auszuüben. Aber die Unsicherheit der Mieter ist zunächst geblieben. Die Ziegert-Gruppe teilt jetzt mit: „Wir haben kein weiteres Interesse“ an der Immobilie.

In Eigentumswohnungen aufgeteilt

Wer sich einen Überblick über die Lebensgut-Gruppe verschaffen will, kann in den Grundbüchern nachschauen. Die Häuser liegen in Neukölln, in Charlottenburg, vor allem aber in Kreuzberg; dort besonders im Graefekiez. Der Besitz der Gruppe lässt sich auf knapp 30 Häuser schätzen. Die Berliner Zeitung hat rund ein Dutzend Grundbücher eingesehen; alle diese Immobilien sind nach dem Kauf aufgeteilt worden; ein Teil der Wohnungen ist verkauft.

Die Ängste von Ulrike Danner waren also durchaus berechtigt, das zeigt auch ein Besuch in der Cuvrystraße 46. in kühler Mittag im März zieht heran, als sich Meike Kraus noch einmal dem Haus nähert, in dem sie einmal wohnte. Vor acht Jahren wurde die Immobilie an eine Lebensgut-Gesellschaft verkauft.

Jetzt ist es eine leere Hülle, Bauarbeiter stapfen zwischen Schutthaufen umher, ein Staubschutznetz flattert an der Fassade. Oben ist ein neuer Dachaufbau zu erkennen, auch Fahrstühle sollen geplant sein. Meike Kraus war länger nicht mehr hier, und jetzt merkt sie, wie die Beklemmungen zurückkehren, sie sagt: „Ich will mit denen nichts mehr zu tun haben.“

Die Ziegert-Gruppe weist Kritik am Umgang mit den Mietern zurück. Die Sprecherin schreibt, „mit Bestandsmietern wird fair und verantwortungsvoll umgegangen.“ Dies gehöre zu den Grundprinzipien der Ziegert Group, die auch im Code of Conduct festgelegt seien.

Meike Kraus erzählt eine andere Geschichte. Sie hat es lange ausgehalten in dem Haus, aber nach und nach hätten auch die letzten aufgegeben, sagt sie. Einige Mieter werden zurückkehren, viele nicht. Auch sie hat lange gerätselt, wer diese Firma ist, die als Käufer des Hauses aufgetaucht ist: Lebensgut Immobilienhandelsgesellschaft mbH & Co. Cuvrystraße 46 KG. Sie hat gegoogelt und kaum etwas gefunden, nicht einmal eine Website.

"Keine normale Nutzung Ihrer Wohnung"

Lange Jahre geschah gar nichts. Im November 2017 schickte die Hausverwaltung einen Brief und kündigte „umfangreiche Baumaßnahmen“ an. Viel konkreter wurde das Schreiben nicht, aber: Aufgrund der Arbeiten könne „keine normale Nutzung Ihrer Wohnung zugesichert werden.“

Die Ziegert Group teilt mit, alle Bestandsmieter seien „rechtzeitig und vollumfassend“ über die Arbeiten informiert worden. „Mit allen Mietparteien wurden gute und einvernehmliche Ergebnisse erzielt.“

Die Sprecherin verweist außerdem auf eine damals von dem Bezirk organisierte Mieterversammlung, wo genaue Angaben über Baugenehmigung und Bauvorhaben zur Verfügung gestellt worden seien.

Meike Kraus sagt, sie habe nicht überblicken können, was genau mit dem Haus geplant sei: „Wir waren lange im Dunkeln.“ Stattdessen kamen Briefe von einer „AMB Agentur für Mieter und Bauherren.“ In knappen Sätzen wurden ihr ihre Optionen erklärt. Entweder: „Sie verbleiben in der Wohnung und diese wird mit Ihnen als Mieter an einen Kapitalanleger verkauft.“ Oder aber sie ziehe aus, und zwar mit „tatkräftiger Unterstützung unsererseits“ sowie einem „finanziellen Anreiz.“

Kraus wollte nicht ausziehen. Aber die Situation sei mit der Zeit für sie unerträglich geworden; die Arbeiter hätten Wände und Dielen herausgerissen; mal sei der Strom ausgefallen, mal die Heizung. „Ich war wie in einer Starre", sagt sie. "Ich wollte immer bleiben, aber du siehst wie alles rundum peu a peu zerstört wird.“

Die Ziegert-Group teilt mit, eine „notwendige Kernsanierung“ sei „immer mit Lärm, Unruhe und Schmutz verbunden“. Den Mietern seien Ersatzwohnungen angeboten, Umzugskosten übernommen worden. Den „wenigen“, die trotzdem im Haus geblieben sind, sei ein „hochwertiger Duschcontainer im Innenhof“ bereitgestellt worden.

Handel mit Vorratsgesellschaften

Im Geflecht der Lebensgut-Firmen gibt es mehrere Knotenpunkte und zwei große Stränge. Der eine läuft über die A Tempo Immobilien AG, die an der Adresse der Kanzlei Spek & Kämpf registriert ist. Der Anwalt Friedrich Spek war bis Mitte 2019 Vorstand der A Tempo; er ist bis heute Geschäftsführer der Lebensgut Immobilienhandelsgesellschaft mbH, Komplementärin der einzelnen Objektfirmen.

Grafik: BLZ/Galanty

Im Transparenzregister taucht der Name eines zweiten Anwalts auf: Felix-Ernst Neukamp. Der spielt beim zweiten Strang des Lebensgut-Netzes eine zentrale Rolle: Mehrere der Firmen gehören zu knapp 94 Prozent einer Tochter von Neukamps Cormoran GmbH im Berliner Zentrum, Am Zirkus 2.

Neukamp bestätigt auf Anfrage, dass er die Aktien an der A Tempo Immobilien AG treuhänderisch für die Ziegert-Gruppe hält. Auf die Recherche der Berliner Zeitung reagiert er mit der Aussage, dass die Eintragung Ziegerts ins Transparenzregister „kurzfristig“ erfolgen werde; Spek und Kämpf schreiben, die „Aktualisierung“ des Eintrags sei „bereits angeschoben.“

Der Berliner Zeitung liegt ein wenige Wochen alter Auszug vor. Darin ist noch Neukamp vermerkt. Das Geldwäschegesetz schreibt jedoch vor, dass der wirtschaftlich Berechtigte eingetragen sein muss. In diesem Fall Ziegert. Die Eintragung eines sogenannten fiktiven Berechtigten, wie etwa eines Anwalts, wäre nur dann zulässig, wenn niemand mehr als 25 Prozent an der Firma hielte.

Neukamp hat ein spezielles Geschäftsfeld für sich entdeckt: Er handelt mit Vorratsgesellschaften, Firmenhüllen ohne Geschäftstätigkeit. In Datenbanken stößt man auf Hunderte Gesellschaften, bei denen er als Geschäftsführer eingetragen ist oder war. Auf Anfrage teilt er mit, er sei bei den Firmen in der Gründungsphase Geschäftsführer, danach habe er mit dem aktiven Geschäft nichts mehr zu tun.

Es gebe „das legitime Interesse“ von Unternehmen oder Einzelpersonen, „ihre Eigentumsverhältnisse nicht offenlegen zu müssen“, etwa aus Sicherheitsgründen. Er hielte es für falsch, wenn sie deshalb unter „Generalverdacht“ gestellt würden. Seine treuhänderische Tätigkeit für Ziegert sei dem Finanzamt von Anfang an offengelegt worden.

Bemerkenswert ist das Spektrum von Neukamps Kunden; Immobilienfirmen gehören dazu, aber auch Twitter. Die deutsche Niederlassung des Tech-Konzerns ist an der Adresse von Neukamps Firma registriert, c/o Cormoran GmbH. Twitter will zu dieser Struktur öffentlich nicht Stellung nehmen.

Eine weitere Spur führt nach Wien

Aber Ziegerts verdeckter Immobilienbesitz ist noch viel größer als das Lebensgut-Netz; die Berliner Zeitung hat noch zwei weitere Geflechte aufgedeckt, die damit verknüpft sind. Zum einen die Assoziation Bankum, zu der knapp 40 Firmen mit Immobilien in Berlin gehören. Die Assoziation Bankum Immobiliengruppe gehört knapp zur Hälfte Neukamps Cormoran GmbH.

Die andere Hälfte führt zu einer Firma in Wien, auch hier enden alle Fährten in einer Anwaltskanzlei. Und auch hier steckt ein bekannter Name dahinter: Im österreichischen Transparenzregister aber sind die wirtschaftlich Berechtigten eingetragen: Dazu zählen René Benko, Gründer der Signa-Unternehmensgruppe, der auch Galeria Karstadt Kaufhof gehört, und dessen Mutter.

Es kommt aber noch ein drittes Netz hinzu: Eine Gruppe namens HaMa Berlin Realitäten, an der noch etwa 20 Immobilienfirmen hängen. Wie Spek & Kämpf schreibt, sind alle drei Gesellschaften „Teil der Ziegert-Group.“ Alles in allem dürften das rund 100 Häuser in Berlin sein, also mindestens 2000, 3000 Wohnungen, ein riesiges, bislang für die Öffentlichkeit anonymes Vermögen.

Es  gehört zum großen Teil Ziegert, er und seine Anwälte bestätigen das. Aber zu Beginn der Recherche waren diese drei Fälle ein großes Fragezeigen, nur ein paar personelle und zeitliche Überschneidungen ließen die Vermutung zu, dass Ziegert sich hinter der Treuhänderstruktur verbirgt.

Eine AG wird zur Blackbox

Das Firmengeflecht der A Tempo gibt es schon länger; bis vor wenigen Jahren ließen sich Verbindungen verfolgen zu einer Süßwarenvertriebsfirma, der IFC International Food Cooperation Germany, die 2017 in die Insolvenz steuerte. Diese Firma gehörte zur Hälfte Ziegert. Im Dezember 2016 zog er sich daraus zurück – zwei Monate, bevor das Insolvenzverfahren begann. Wie seine Sprecherin mitteilt, hatten ihm seine Berater aufgrund hoher Verluste dazu geraten.

Ab Dezember 2016 gehörte die Süßwarenvertriebsfirma zu Hundert Prozent einer Firma namens A Tempo Verwaltungsgesellschaft mbH. Auch die A Tempo Immobilien AG gab es da schon, gegründet 2007, im selben Jahr wie die Süßwarenvertriebsfirma. Bis 2015 gehörte Die A Tempo AG zu 100 Prozent der Lebensgut Immobilienhandelsgesellschaft mbH. Danach wurde umstrukturiert. Die AG wurde zur Blackbox. Bis jetzt.

Zurück in Zossen, auch hier teilen sich die drei Netzwerke Lebensgut, HaMa Berlin Realtitäten und Assoziation Bankum eine Adresse. Zum Bahnhof 57A. Der Weg vom Zentrum zu der Adresse dauert gut zehn Minuten, er führt vorbei an Wäldern und verstreuten Wohnsiedlungen.

Vermögensverwaltungen, Fonds, Holdings

Noch vor wenigen Monaten waren die Lebensgut-Firmen anderswo registriert: An einer Kreuzung nahe des Zentrums erhebt sich ein Wohnhaus mit Büro im Erdgeschoss, das leer zu stehen scheint.

Eine Liste von Briefkastenfirmen klebt am Fenster, darunter die eines in Berlin ansässigen armenischen Kampfsportlers, der Presseberichten zufolge Kontakte zur armenischen Mafia haben soll. Das Landeskriminalamt Thüringen bestätigt gegenüber der Berliner Zeitung, dass der Mann bei einem bundesweiten Ermittlungsprojekt in einem polizeibekannten Umfeld aufgetaucht ist. Das muss nicht heißen, dass er in Straftaten verstrickt ist. Beweise gegen ihn liegen nicht vor. Eine Anfrage der Berliner Zeitung lässt er unbeantwortet.

Bei den Firmen handelt es sich um Vermögensverwaltungen, Holdings, Immobiliengesellschaften. Das Büro ist verschlossen, aber die Tür zum Hausflur steht offen; die Briefkästen hängen an der Wand; an einem klebt die Liste von Firmen, aus dem Schlitz quillen dicke Umschläge und Dokumentenstapel.

Es gibt Tausende Firmen in Zosen, große und kleine Namen, dubiose, auf die nur ein handbeschrifteter Papierfetzen an einem Briefschlitz hinweist, und renommierte Firmen, Fonds und Investmentfirmen, deren Messingschilder an den Stuckbauten  am Marktplatz schimmern.

Alltag in Zossen, leichter Nieselregen fällt auf das Kopfsteinpflaster. An einer Bushaltestelle steht ein Grüppchen Jugendliche, aus einem Lautsprecher wummert ein monotoner Beat: „The Party is on“, rappt es dazu. Sonst regt sich nicht viel; ringsum ein Bäcker, ein Optiker, Kosmetikstudio Brigitte.

In der Vergangenheit hat man gut gelebt. Jetzt kommt der Tag X, wo das Ganze zurückschlägt

Hartmut Pfleiderer, Wirtschaftsprüfer der Kommune Zossen

Einige Jahre sah es so aus, als sei der extrem niedrige Steuersatz die Lösung für die Geldprobleme der Region. „In der Vergangenheit hat man gut gelebt“, sagt Hartmut Pfleiderer, Wirtschaftsprüfer der Kommune. „Jetzt kommt der Tag X, wo das Ganze zurückschlägt.“ Ausfälle aufgrund nicht bezahlter Steuerschulden belasten die Kassen der Kommune; das größte Problem aber ist, dass Zossen eine Kreisumlage zahlen muss, die sich nach dem durchschnittlichen Steuersatz in Brandenburg bemisst, und nicht nach dem Zossener Spartarif.

Die neue Bürgermeisterin Wiebke Schwarzweller hat nun unangenehme Aufgaben vor sich. Sie muss den Vereinen die Zuschüsse halbieren, am Ehrenamt sparen und an der Bibliothek. „Das ist nicht befriedigend“, sagt sie. „Es macht keinen Spaß.“

Schwarzweller macht ein ratloses Gesicht. Viele der Firmen hier sind global vernetzt; greifbar sind häufig nur die Anwälte. Und wenn das Finanzamt Luckenwalde seine Bescheide verschickt, ist so manche Gesellschaft liquidiert, umfirmiert oder ins Ausland verlegt. „Ich habe im Wahlkampf immer gesagt, dass der niedrige Gewerbesteuersatz nicht schädlich wäre, wenn wir es geschafft hätten, hier gute und nachhaltige Betriebe anzusiedeln“, sagt die Bürgermeisterin. „Aber jetzt zeigt sich, dass man sich von einer gewissen Klientel abhängig gemacht hat, und das ist natürlich schädlich.“

Ihre Stadt steht nun vor einem Dilemma. Lange Zeit kam es für keine Partei in Frage, an dem Steuersatz zu rühren. „Aber es kann sein, dass wir jetzt gezwungen sind, diese Situation zu verändern“, sagt sie. Aber wenn sie zu stark daran drehen, kann es sein, dass all die Firmen alle schnell weg sind – viele von ihnen bestehen ohnehin aus nicht viel mehr als einem Briefkasten.  Mitarbeit: Stephan Thiel

Die aktuelle Fassung des Texts enthält zusätzliche Angaben über den Umgang der Ziegert-Group mit den früheren Mietern in der Cuvrystraße 46. Auf die Bitte des Unternehmens hin hat die Berliner Zeitung das Angebot von Ersatzwohnungen für die Mieter sowie eine vom Bezirk organisierte Mieterversammlung eingefügt, die in einer früheren Version fehlten.