Die Finnen liefern seit Monatsbeginn mit eigener Kurier-Flotte aus.
Foto: Wolt

BerlinAn diesem Montagvormittag wird Moritz Heiniger mit seinem Handy öfter mal ein Börsenportal aufrufen, um den aktuellen Kurs der Delivery-Hero-Aktie zu erfahren. Das Berliner Unternehmen wird am Montag erstmals in der wichtigsten deutschen Börsenliga gehandelt. Heiniger will wissen, wie das Debüt des Essenslieferanten im Dax verläuft, der noch nie auch nur einen Euro als Gewinn verbucht hat und auch nicht garantieren kann, dass das jemals passieren wird. „Sehr spannend“, sagt Heininger.

Der 34-Jährige mit Master-of-Finance-Abschluss in der Tasche kennt das Geschäft. In Hongkong und Singapur hat er den Essenslieferanten Foodpanda mit aufgebaut und erfolgreich gemacht, bis dieser von Delivery Hero übernommen wurde. Heiniger spricht mit großer Anerkennung über die Firma aus Mitte. „Viele gute Leute“, sagt er und findet es doch ziemlich kurios, dass nun ein Unternehmen im wichtigsten deutschen Aktienindex gelistet ist, das in Deutschland nicht einen einzigen Euro umsetzt. Denn Ende 2018 hatte Delivery Hero sein Deutschlandgeschäft für 930 Millionen Euro an die niederländische Lieferando-Mutter Takeaway verkauft und Lieferando damit hierzulande die Alleinherrschaft überlassen.

Tatsächlich laufen die Geschäfte für Lieferando in Deutschland prächtig. In der ersten Jahreshälfte registrierte der Lieferdienst hierzulande 49 Millionen Bestellungen, nachdem es ein Jahr zuvor noch 28 Millionen waren. In Berlin arbeitet Lieferando eigenen Angaben zufolge mittlerweile mit etwa 2500 Restaurants zusammen und hat damit mehr als jedes zweite Restaurant unter Vertrag.

Doch das soll sich ändern. In den vergangenen Tagen hat sich in Berlin eine deutsch-finnische Allianz formiert, die Lieferandos Liefer-Monopol in Deutschland von der Hauptstadt aus brechen will. Die Akteure sind zum einen das angeblich auf über eine Milliarde Euro taxierte Unternehmen Wolt aus Helsinki sowie das Berliner Start-up Discoeat, das von Moritz Heininger zusammen mit Nicolo Luti gegründet wurde und in der vorigen Woche die ersten Pizzen und Burger liefern ließ.

Discoeat-Chef und -Co-Gründer Moritz Heininger.
Foto: Markus Wächter/Berliner Zeitung

In Sachen Lieferando ist Moritz Heiniger im Attacke-Modus: Es gebe keine Konkurrenz mehr am Markt, dafür hohe Gebühren und schlechten Service, sagt er. „Entweder man arbeitet mit Lieferando zusammen, oder man verschwindet aus der Lieferlandschaft“, so der Discoeat-Chef. Tatsächlich geht es ihm freilich darum, ein möglichst großes Stück vom nach wie vor wachsenden Liefergeschäft abzubekommen.

Denn da gibt es durchaus was zu holen. Lieferando kassiert eigenen Angaben zufolge pro Bestellung eine Provision von 13 Prozent des Bestellwerts, wenn das Restaurant selbst ausliefert. Wird ein Lieferando-Kurier benötigt, steigt die Kommissionsrate auf 30 Prozent. Dafür betreibt das Unternehmen in Berlin eine eigene Lieferflotte mit etwa 1000 fest angestellten Fahrern, deren Stundenlohn laut Auskunft von Lieferando „aktuell bei durchschnittlich 10,50 Euro“ liegt. Hinzu käme noch ein Bonus von bis zu vier Euro stündlich für ausgelieferte Bestellungen, so eine Sprecherin. 2019 soll Lieferando einem Restaurant per Bestellung einen Umsatz von durchschnittlich über 80.000 Euro beschert haben.

Dorthin will auch Heininger mit seinem  Start-up Discoeat kommen. Anfang 2019 wurde es als „Restaurant-Entdeckungsplattform“ gegründet. Ein Portal, über das Gastwirte Kundschaft außerhalb der Rushhour mit Rabatten in ihr Restaurant locken können. Wird ein Tisch via Discoeat-App reserviert, zahlt der Wirt eine Pro-Kopf-Gebühr von ein bis 3,50 Euro an das Start-up. Laut Heininger habe vor allem Corona das Geschäft befeuert. Inzwischen hat Discoeat in Berlin 210 Restaurants unter Vertrag. Wöchentlich kämen fünf bis zehn hinzu.

Das Liefergeschäft ist für Discoeat nun die logische Zweitverwertung bestehender Kontakte in die Gastronomie. Auch dabei wird nur vermittelt. Discoeat nimmt die Bestellungen entgegen, gibt sie an das Restaurant weiter, das die Speisen dann selbst an den Kunden liefert. Eine eigene Kurierflotte sei zu teuer, sagt Heininger und sieht in dem Verzicht auch keinen Nachteil. Tatsächlich haben viele Restaurants im Corona-Shutdown eigene Lieferkapazitäten aufgebaut, und auch bei Lieferando wird der größte Teil der Auslieferungen von den Restaurants selbst bestritten. Im ersten Halbjahr wurden gerade mal sechs Prozent der Bestellung von einem Lieferando-Kurier geliefert.

Jetzt setzt Discoeat darauf, das bessere Angebot zu haben. Zehn Prozent vom Bestellwert wird als Provision berechnet. „Damit sind wir 30 Prozent günstiger als Lieferando“, sagt Discoeat-Chef Heininger, der derzeit in Berlin 50 Restaurants als Lieferpartner unter Vertrag hat. Bis zum Jahresende sollen es 150 werden. Außerdem will man bis dahin noch in mindestens einer weiteren Stadt an den Start gehen. 2021 sollen fünf bis zehn Städte in Deutschland folgen. „Wir werden Lieferando sicher nicht in den Ruin treiben, aber ein bisschen ärgern wollen wir sie schon“, sagt Heininger. Erst im Februar waren Investoren mit einem einstelligen Millionenbetrag bei dem Start-up eingestiegen. Auch die Berliner IBB ist beteiligt.

Die App zeigt, wo man günstig essen kann.
Foto: Markus Wächter/Berliner Zeitung

Weit mehr Kapital steht dagegen dem finnischen Unternehmen Wolt zur Verfügung. Dem Vernehmen nach soll man 100 Millionen Euro aus der Kriegskasse genommen haben, um es hierzulande mit Lieferando aufzunehmen. Der 2015 in Helsinki gegründete Lieferdienst wurde von Investoren bislang mit 283 Millionen Euro ausgestattet und agiert weltweit bereits in 23 Ländern. Seit der ersten Augustwoche koordinieren die Finnen aus Büros in der Großen Hamburger Straße in Mitte heraus ihre Berliner Offensive. „Wir wollen die Essens- und Lieferdienst-Kultur in dieser Stadt auf ein neues Niveau heben“, versprach Firmenchef und -gründer Miki Kuusi zum Start.

Dabei beschränkt sich Wolt zunächst auf Mitte und Prenzlauer Berg. Mit über 100 Restaurants arbeite man dort bereits zusammen, eine eigene Kurierflotte wird aufgebaut – mit ausnahmslos fest angestellten Fahrern, denen ein „auskömmliches“ Grundgehalt plus Kilometerpauschale gezahlt werde. Dass ein Fahrer damit tatsächlich auf einen Stundenlohn kommt, der wenigstens dem Mindestlohn entspricht, wollte man indes ausdrücklich nicht bestätigen.

Für Moritz Heininger von Discoeat ist der finnische Konkurrent willkommen. Es weiß, dass man sich in der Stadt nicht in die Quere kommen wird. Denn der eine bedient Restaurants mit eigenen Lieferanten, der andere die, die auf Kuriere angewiesen sind. Sie würden sich eher ergänzen, sagt Heininger und sieht auch Verbindungen: „Wir haben einen gemeinsamen Feind.“