Das Logo der Deutschen Bahn AG (DB) gespiegelt in einer Gebäudefassade am Berliner Hauptbahnhof.
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BerlinDer Aufsichtsrat der Deutschen Bahn hat am Montag in einer Sondersitzung über Lösungen für den wochenlangen Führungsstreit an der Konzernspitze beraten. Am Nachmittag teilte das Unternehmen mit, Finanzvorstand Alexander Doll werde das Unternehmen zum Jahresende verlassen – und zwar „im gegenseitigen Einvernehmen“, wie es hieß. Die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsgremium enthielten sich nach Informationen des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) bei der Abstimmung über die Personalie. Sie forderten Vorkehrungen, damit sich Ähnliches nicht wiederholen könne.

„Wir bedauern sein Ausscheiden und haben hohen Respekt vor seiner Entscheidung“, sagte Aufsichtsratschef Michael Odenwald. Doll habe den Verkaufsprozess für die Auslandstochter Arriva „professionell aufgesetzt und vorangetrieben“. Der scheidende Finanzvorstand erklärte, nur wenn alle Beteiligten „im gegenseitigen Vertrauen und mit einem gemeinsamen Verständnis an einem Strang ziehen“, könne die Bahn ein besseres Unternehmen werden.

Fehler und Versäumnisse beim Arriva-Verkauf

Doch genau an diesem Vertrauen zwischen den Beteiligten hatte es zuletzt gefehlt. Bereits am vergangenen Freitag unterzeichnete Doll einen Auflösungsvertrag. Die Führung des Unternehmens um Bahnchef Richard Lutz hatte dem 49-jährigen Manager entgegen der Darstellung nach der Aufsichtsratssitzung Fehler und Versäumnisse in Zusammenhang mit dem geplanten und inzwischen gestoppten Verkauf der Auslandstochter Arriva vorgeworfen. Doll bestritt die Vorwürfe nach Informationen des RND jedoch intern.

Ob der Machtkampf nun ausgestanden ist, dürfte sich bald zeigen. Insbesondere Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) und Aufsichtsratschef Odenwald sollen die Ablösung Dolls hinter den Kulissen betrieben haben. Die Auseinandersetzung hatte den hoch verschuldeten Staatskonzern in einer sensiblen Phase schwer belastet. Die Krise der Güterverkehrssparte war in den vergangenen Wochen immer augenfälliger geworden.

Sigrid Nikutta übernimmt Güterverkehrssparte

Die Verantwortung für diesen Bereich im Vorstand, die bisher ebenfalls Doll getragen hatte, soll ab Anfang 2020 die bisherige Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), Sigrid Nikutta, übernehmen. Vor der Entscheidung soll Bahnchef Lutz Doll erfolglos gedrängt haben, das Finanzressort abzugeben und sich künftig nur noch auf das Ressort Güterverkehr zu konzentrieren.

Der Arriva-Verkauf hatte dem finanziell angeschlagenen Bahnkonzern wieder Luft verschaffen sollen. Doch über die Umstände, die zum Scheitern des Deals führten, gehen die Darstellungen auseinander. In Unternehmenskreisen hieß es am vergangenen Freitag, Doll habe in einer Aufsichtsratssitzung am 18. Oktober mitgeteilt, bei den Vorbereitungen für den Verkauf von Arriva laufe „alles nach Plan“, es gebe mehrere gute Angebote.

Rückstellungen zur Altersvorsorge nicht berücksichtigt

Kurz danach habe der ehemalige Investmentbanker jedoch im Vorstand eingeräumt, in seiner Kalkulation Rückstellungen für die Altersvorsorge von Arriva-Mitarbeitern in Höhe von rund 400 Millionen Euro nicht berücksichtigt zu haben. Kritiker mutmaßen dagegen, das Problem mit den Pensionen dürfte auch Bahnchef Lutz bekannt gewesen sein. Dieser war selbst zwischen 2010 und Ende 2018 für das Finanzressort zuständig gewesen.

Die Bundesregierung hatte noch vor 14 Tagen den Eindruck erweckt, es werde am Verkauf von Arriva grundsätzlich festgehalten. Am 4. November teilte das Bundesverkehrsministerium unter Berufung auf Konzernangaben mit, alle notwendigen Unterlagen und Dokumente seien den Kaufinteressenten fristgerecht übermittelt worden. Aufgrund des aktuell schwierigen Marktumfeldes und der politischen Situation im Vereinigten Königreich verzögere sich jedoch die Entscheidung über das weitere Verfahren.

Die Eisenbahner-Gewerkschaft EVG hatte vor der Sitzung des Kontrollgremiums eine sorgfältige Aufarbeitung der Vorgänge gefordert. „Wir wollen eine Versachlichung der Debatte. So wie bisher geht es nicht weiter im Vorstand“, sagte EVG-Chef Torsten Westphal dem RND.

Der Gewerkschaftschef sagte, die ständigen Machtkämpfe bei der Bahn würden allen auf die Nerven gehen: „Viele Kollegen waren immer stolz, bei der Bahn zu sein. Inzwischen verzichten sie darauf im Bekanntenkreis darüber zu sprechen, wo sie arbeiten.“