Die Deutsche Bahn (DB) ist auf ihren Großlieferanten Siemens zunehmend sauer. „Unsere Kunden fühlen sich von Siemens im Stich gelassen“, kritisierte Fernverkehr-Vorstand Berthold Huber am Donnerstag. Hintergrund ist das überraschende Eingeständnis von Siemens, nun doch nicht wie noch im September versprochen, in den nächsten Tagen acht neue ICE-Züge vom Typ Velaro D an die Bahn zu liefern.

Es ist das zweite Mal, dass der Liefertermin floppt. Einen neuen gibt es nicht. „Wir können es gar nicht einschätzen“, bedauerte ein Siemens-Sprecher zerknirscht. Man werde die Züge „sukzessive“ an die DB liefern und „in nächster Zeit“ ein neues Auslieferdatum nennen.

DB-Technikvorstand Volker Kefer kalkuliert mit mindestens zwei Monaten Verzögerung. Siemens müsse mangelhafte Software für die Zug-steuerung überarbeiten, und das gehe nicht in Tagen oder Wochen. Insgesamt 16 neue ICE sollten bereits seit einem Jahr fahren. „Man muss sich vor Augen führen, dass die Züge bereits im Dezember 2008 bestellt waren“, stellte Huber klar.

Peter Löscher steht im Regen

Die Bahn hatte fest damit gerechnet, in diesem Winter die neuen Fahrzeuge in der Hinterhand zu haben, falls bei extremer Witterung fahrplanmäßig verkehrende Züge ausfallen. „Da setze ich auf das Wort von Siemens-Chef Peter Löscher“, hatte sich DB-Chef Rüdiger Grube noch im Oktober geäußert.

Jetzt steht Löscher im Regen. Die Probleme mit der Zugsteuerung seien bei der Übernahmeprüfung der Bahn entdeckt worden. Ob diese Mängel in die Verantwortung von Siemens selbst oder eines Sublieferanten fallen, lassen die Münchner offen. Hinter vorgehaltener Hand räumt man ein, die technische Komplexität unterschätzt zu haben. Immerhin sei die Zugsteuerung das Herz eines ICE. Verwiesen wird auch darauf, dass neue ICE-Züge im Ausland zuverlässig unterwegs sind. Wenn hierzulande während der Fertigung plötzlich Normen geändert werden, reiche die Zeit eben nicht mehr aus.

Zudem seien die deutschen Zulassungsprozesse eigen. Das ist ein mehr oder weniger dezenter Hinweis auf das Eisenbahn-Bundesamt, das den neuen ICE-Zügen zeitweise wegen neuer Auflagen an Bremsen, Klimaanlagen und andere Komponenten die Zulassung verweigert hatte. Die DB bibbert nun nicht nur dem Winter in Deutschland entgegen.

Durch die ICE-Lieferverzögerung staut sich auch der Ausbau des internationalen Fernverkehrs. Bereits für 2011 und dieses Jahr geplante ICE-Verbindungen nach Frankreich und Belgien sind nach Einschätzung der Bahn nun nicht vor 2016 voll einsatzfähig. Eine weitere Strecke nach London, die für 2013 geplant war, steht in den Sternen. Was das Siemens neben dem Imageverlust finanziell kostet, ist noch offen. Man stehe mit der Bahn darüber in Verhandlungen, sagt ein Siemens-Sprecher.

Belastungen von 70 Millionen Euro für das ICE-Debakel sind bereits verbucht. Angeboten hat der Konzern seinem Kunden darüber hinaus die kostenlose Lieferung eines siebzehnten ICE im Wert von gut 30 Millionen Euro. Das galt aber noch unter der Prämisse, Anfang Dezember die Hälfte der Züge liefern zu können.