Hanoi - Trinh Van Hoa legt sich an der Drehbank mächtig ins Zeug, fixiert den Rundstahl im Spannfutter und justiert das Schneideisen. Ein metrisches Gewinde soll er in das Werkstück drehen. Auf den Hundertstelmillimeter genau. Immer wieder legt er deshalb die Messschablone an. „Ich will das perfekt machen“, sagt der 20-Jährige.

Trinh Van Hoa ist einer von 15 Jugendlichen, die in Hanoi nach dem Vorbild der dualen Ausbildung in Deutschland eine dreijährige Lehre zum Mechatroniker absolvieren. Das Unterrichtsprogramm dafür hat die Hung-Yen-Berufsschule in enger Abstimmung mit den Firmen B.Braun und Messer Gases entwickelt. Die vietnamesischen Tochterunternehmen der beiden deutschen Global Player sind Partner von vietnamesischen Schule und seit wenigen Monaten die Ausbildungsbetriebe von Trinh Van Hoa und seiner Kollegen.

Mit ihrem Engagement reagieren die Unternehmen auf den Mangel an qualifizierten Fachkräften in Vietnam. „Wir wollen die Berufsausbildung auf unsere Ansprüche und Bedürfnisse zuschneiden“, sagt Florian Deichmann, Produktionsmanager von B.Braun in Vietnam.

Das Medizintechnik-Unternehmen aus dem nordhessischen Melsungen stellt in Vietnam in zwei Werken mit rund 1000 Beschäftigten Systeme für Infusionslösungen her und will die Produktionskapazitäten bis zum Jahr 2016 verdoppeln. „Dafür werden wir mindestens 100 gut ausgebildete Facharbeiter zusätzlich benötigen“, sagt Deichmann.

Auf dem Weg zur Industrienation

Doch die sind im aufstrebenden südostasiatischen Schwellenland nicht einfach zu haben. Nach Angaben des nationalen Statistikamtes verfügen von den 54 Millionen Erwerbspersonen nur 2,4 Millionen über eine formale berufliche Ausbildung. Die sozialistische Regierung, die Vietnam bis zum Jahr 2020 zur Industrienation entwickeln will, hat das Problem erkannt und beschlossen, die Berufsbildung grundlegend zu reformieren.

Vor allem soll der Praxis-Anteil gestärkt werden. Zwar haben Berufsschulen auch bislang schon Mechatroniker ausgebildet. Doch mit der Wirklichkeit in Unternehmen hatte das meist wenig zu tun. „Die Abgänger sind in der Theorie fit, können Integrale rauf- und runterbeten, haben aber nie eine Maschine bedient oder programmiert“, sagt ein Kenner des Systems.

Deshalb soll jetzt die duale Ausbildung nach deutschem Vorbild in Vietnam Schule machen. Das Land in Südostasien ist längst nicht das einzige, das sich an der Praxis hierzulande orientiert. Das deutsche System einer engen Verzahnung von Betrieb und Berufsschule gilt als Exportschlager. Weltweit, so Bundesbildungsministerin Johanna Wanka, gibt es ein großes Interesse an dem Modell.

In vielen Ländern hieß Ausbildung bislang vor allem: die Schulbank drücken. Allenfalls für Praktika oder in den letzten Wochen der Lehre sahen die jungen Leute dann einen Betrieb von Innen. Doch vielerorts ist – auch in Folge von Finanzkrise und hoher Jugendarbeitslosigkeit – mittlerweile die Erkenntnis gereift, dass das Modell der Vollzeitschule keine Zukunft hat, weil es am Markt und den Bedürfnissen der Unternehmen vorbei ausbildet.

Nicht nur Spanien, Griechenland und Portugal kopieren die deutsche duale Ausbildung oder Elemente davon. Mit mehr als 40 Staaten hat Deutschland im Bereich der Berufsbildung bereits bilaterale Kooperationsvereinbarungen abgeschlossen. Darunter sind neben den europäischen Krisenstaaten, die sich von einer praxisnäheren Lehre bessere Jobchancen für Jugendliche versprechen, auch die USA, Russland, China, Indien, Südafrika, Südkorea, Thailand und Brasilien. Jüngster Partner ist Mexiko.

Für die Kooperationen hat das deutsche Bildungsministerium beim Bundesinstitut für Berufsbildung (Bibb) in Bonn eigens eine Zentralstelle geschaffen, die gemeinsam mit den Partnern angepasste Strategien und Konzepte für berufliche Bildung erarbeitet. Neben dem Bildungsministerium unterhalten und fördern auch das Auswärtige Amt und das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) mit zahlreichen Ländern Ausbildungspartnerschaften.

In Vietnam ist die Ausbildungsreform Teil der mit Deutschland vereinbarten Entwicklungszusammenarbeit. Über die Förderbank KfW hat die Bundesregierung insgesamt 13,3 Millionen Euro für elf strategisch wichtige Berufsschulen und Ausbildungsstätten für Fachlehrer zu Verfügung gestellt, erläutert Birgit Erbel, Leiterin des KfW-Büros Hanoi. Die vietnamesische Seite investiert 6,5 Millionen Euro in das Programm.

Von dem Projekt profitiert auch die Berufsschule Hung Yen in Hanoi, in der Trinh Van Hoa und seine Kollegen die Mechatroniker-Lehre absolvieren. Für 1,4 Millionen Euro wurden nach internationalen Ausschreibungen Maschinen und Geräte angeschafft: Drehbänke aus China, CNC-Maschinen aus Japan, Simulationsfließbänder aus Deutschland.

Feilen, fräsen, programmieren – was später im Betrieb an der Werkbank verlangt wird, erlernen die Azubis nun im Unterricht in Theorie wie Praxis. Und sie können es im Unternehmen sogleich anwenden. Denn der Ausbildungsvertrag, den B.Braun und Messer mit den Lehrlingen abgeschlossen haben, sieht vor, dass sie 50 Prozent ihrer Zeit in der Firma verbringen.

Auch die Lehrer von Trinh Van Hoa mussten für die Reform noch einmal die Schulbank drücken. Für diesen Part des Programms ist die Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) verantwortlich. Gemeinsam mit vietnamesischen Ministerien hat die GIZ ein Konzept für Kompetenzzentren der Berufsbildung erstellt und bereits 150 Lehrkräfte fortgebildet, wie Beate Dippmar, stellvertretende GIZ-Projektleiterin in Hanoi, erläutert.

Eine Gruppe vietnamesischer Pädagogen hat gerade erst in der Hessischen Landesstelle für Technologiefortbildung in Groß-Gerau ein siebenwöchiges Training für die Mechatroniker-Ausbildung beendet. Auf dem Programm standen dabei vor allem Berufsschulpädagogik und Unterrichtsplanung. Die Absolventen des Kurses seien nun didaktisch bestens geschult und wüssten, dass es darauf ankommt, Theorie und Praxis schon im Unterricht zu verbinden, sagt Abteilungsleiter Wolfgang Siegel. „Die werden mit den Auszubildenden künftig ganz praktisch üben, einen Kundenauftrag anzunehmen, ein Angebot zu erstellen, ein Gerät zu reparieren und dafür eine Rechnung zu stellen.“

Am Ende der dreijährigen Ausbildung steht für die Azubis von B. Braun und Messer eine Abschlussprüfung, die sich an deutschen Standards orientiert, erläutert Peter Kompalla von der deutschen Außenhandelskammer in Hanoi. Der Prüfung nehmen Vertreter der beteiligten Unternehmen, der Berufsschule, vietnamesischer Behörden und einer deutschen Handwerkskammer ab. Im ersten Jahrgang der Kooperation sei das Niveau des Abschlusses mit der Zwischenprüfung in Deutschland vergleichbar, sagt Kompalla.

Das Unternehmen Bosch ist sogar schon weiter. Seit Oktober 2013 bildet der Elektronikkonzern in Kooperation mit dem Lilama-College in Ho-Chi-Minh-Stadt 24 Industriemechaniker aus. Das Examen am Ende der Lehre entspricht eins zu eins der deutschen IHK-Prüfung, erklärt Bosch-Sprecher Sven Kahn. Wer die Lehre mit Erfolg absolviert, hält am Ende einen IHK-Facharbeiterbrief in der Hand.

Ausgezeichnete Perspektive

Um künftig ausreichend qualifizierten Nachwuchs für die fünf Bosch-Standorte mit rund 1 600 Beschäftigten in Vietnam auszubilden, will das Unternehmen von 2016 an je 24 Lehrstellen für Industriemechaniker und Mechatroniker schaffen. Auch B.Braun will sein Engagement noch ausbauen und künftig neben Mechatronik in weiteren technischen und kaufmännischen Berufen ausbilden.

Mit einem Zeugnis, das IHK-Niveau bescheinigt, ist der Job so gut wie sicher. Auf dem Arbeitsmarkt hätten sie eine ausgezeichnete Perspektive, sagt Tran Trung, Rektor der Berufsschule Hung Yen. Denn um gut ausgebildete Fachkräfte konkurrieren nicht nur deutsche Firmen, sondern auch Unternehmen wie Nokia, Samsung und LG, die in Vietnam riesige Werke betreiben.

Die Lehrlinge dürfen denn auch fest damit rechnen, von ihren deutschen Ausbildungsbetrieben übernommen zu werden. Zu einem für vietnamesische Verhältnisse ganz ordentlichen Lohn. Bei B.Braun zum Beispiel erhalten sie im ersten Jahr monatlich 3,5 Millionen Dong (rund 120 Euro). „Danach ist es Verhandlungssache“, sagt B.Braun-Manager Deichmann. Der Mindestlohn in der Region Hanoi liegt zurzeit bei 2,7 Millionen Dong.

Doch zuvor steht für Trinh Van Hoa in der Berufsschule noch die CNC-Maschine auf dem Unterrichtsplan. „Auf das Programmieren freue ich mich schon“, sagt der 20-Jährige. „Weil ich da Werkstücke mit noch höherer Präzision fräsen kann.“