Geschlossene Gaststätten und abgesagte Volksfeste lassen den Bierkonsum in Deutschland massiv sinken.
Foto: dpa/Silas Stein

MünchenDeutschlands gut 1500 Brauereien sind oftmals jahrhundertealte Traditionsbetriebe. Bereits im Jahr 1040 hat das Benediktinerkloster Weihenstephan in Freising bei München das Braurecht erhalten. Das macht die Brauerei zum ältesten Produzenten von Gerstensaft der Welt. Im Besitz des Landes Bayern plagen sie keine Existenzängste, die derzeit reihenweise bei Privatbrauereien umgehen. „Es gibt Traditionsbetriebe, die haben schon den Dreißigjährigen Krieg überlebt und beide Weltkriege, aber jetzt wird es eng“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Bayerischen Brauerbundes Lothar Ebbertz. Mit über 650 Brauereien entfallen über 40 Prozent aller Braustätten bundesweit allein auf den Freistaat. Doch die Lage ist überall gleich.

Lesen Sie hier unseren Corona-Newsblog

„Der Flächenbrand in der Gastronomie springt zunehmend auf die Brauwirtschaft über“, stellt der deutsche Brauerbund (DBB) klar. Weil Kneipen wegen der Corona-Pandemie geschlossen sind und das noch länger so zu bleiben droht, fällt allein deshalb rund ein Viertel des Absatzes weg. Ähnliches gilt für den Export begehrter deutscher Biere ins Ausland. Stabil ist der Konsum nur noch im Getränkehandel. In der Summe fehle rund die Hälfte des Absatzvolumens, rechnet Ebbertz vor. Und es kommt wohl noch schlimmer.

Probleme für Schausteller

Denn viel Bier getrunken wird hierzulande auch auf Volksfesten und Vereinsfeiern. Hier droht im Coronajahr 2020 ein Totalausfall. „Bis Ende April ist schon alles abgesagt“, sagt Albert Ritter. Der Präsident des Deutschen Schaustellerbunds meint damit Starktbier- und Frühlingsfeste von Hamburg über Stuttgart bis München. Viele der jährlich 9700 Volksfeste und Kirmesveranstaltungen bundesweit wurden schon abgeblasen. Ab Juni beginnt normalerweise der Höhepunkt der alljährlichen Volksfestsaison.

Land der Brauereien

Der Bierkonsum pro Kopf ist in Deutschland seit dem Höchststand in den 70er-Jahren mit gut 150 Liter pro Jahr und Bürger auf dem Rückzug. Im vergangenen Jahr waren es nur noch rund 100 Liter. 

Die Zahl der Brauereien dagegen ist auf bundesweit auf 1 539 gestiegen. Mit verantwortlich dafür ist ein Trend zu Craftbieren und kleinen Wirtshausbrauereien. Gerade Kleinbetriebe sind aber besonders gefährdet. 

Schausteller und Brauer sorgen normalerweise für Milliardenumsätze. Auf heimischen Volksfesten werden jährlich 4,7 Milliarden Euro umgesetzt. 8,3 Milliarden Euro betrug zuletzt der Jahresumsatz deutscher Brauer.

Fällt sie dieses Jahr komplett oder in wesentlichen Teilen flach, sieht es düster aus für Deutschlands 5000 Schaustellerfamilien und rund 55.000 anhängende Jobs. Zwar haben Schausteller vielfach ein zweites Standbein auf Weihnachtsmärkten. Aber bis dahin halten ohne weitere Hilfen wohl die wenigsten durch.

Kredite sind keine Hilfe

Viele kleinere Brauereien lebten wiederum oft fast ausschließlich von der Belieferung lokaler Volksfeste sowie ihrer eigenen Wirtshausbrauerei, erklärt Ebbertz. In solchen Fällen würden acht bis neun Zehntel des Geschäfts wegbrechen, bestätigt der DBB. Bundesweit fielen rund 70 Prozent aller Brauereien in diese besonders gefährdete Kategorie.

„Wir befürchten, dass in den kommenden Wochen Gastronomen, aber auch Brauereien den Kampf ums Überleben verlieren werden“, sagt Ebbertz. Im Gegensatz zu anderen Konsumbereichen könnten Brauereien und Gastwirte verlorene Umsätze nicht nachholen, ergänzt der DBB. Keiner trinke im Herbst das Bier, das er im Frühling nicht konsumiert habe. Deshalb würden der Branche auch Staatshilfen in Form von Krediten und Stundungen nicht helfen, sondern nur nicht rückzahlbare Zuschüsse per Rettungsfonds.

Lesen Sie hier: „Umsatz liegt bei null“: Kneipen in der Corona-Krise

Brauer appellieren an Politik

Heikel ist die Lage auch rund ums Bier. Bei Frühjahrsarbeiten in Hopfengärten würden schon Saisonarbeiter fehlen, klagt der DBB. Ist das bei der Hopfenernte im August noch so, wird es richtig ernst. „Ohne Hopfen kein Bier“, stellt der Braubund klar.

Schon Ende März haben fast alle gut 1500 deutschen Brauereien mit Kurzarbeit gerechnet oder sie bereits eingeführt. Ein Fünftel befürchtet, Personal entlassen zu müssen. Brauer, Gastronomen und Schausteller appellieren an die Politik, Öffnungskonzepte auch in ihrer Branche auf den Weg zu bringen. Vor allem an der frischen Luft auf Freiflächen und in Biergärten gebe es Möglichkeiten ohne Ansteckungsgefahren.