Auch sie will an ihren Streamingerfolgen jetzt selbst besser verdienen: Helene Fischer beim Schlagerfest im November in Dortmund.
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BerlinSeinem 2019 erschienenem Buch „Rockonomics“, einer Abhandlung über die Musikindustrie, hat der amerikanische Wirtschaftswissenchaftler Alan B. Krueger ein Zitat Paul McCartneys vorangestellt. Der meinte, zum antimaterialistischen Ruf seiner ehemaligen Band befragt: „Das ist ein Mythos. Wir haben uns buchstäblich hingesetzt und gesagt: Los, wir schreiben uns einen Swimmingpool.“ 

Musiker wollen zunächst Musik machen, aber es hat auch etwas, dafür bezahlt zu werden. Die Inspirationen der Beatles für Songs und Alben liegen in Streamingzeiten ferner denn je. Dem Tonträgereigentum hat das letzte Stündlein geschlagen, schon heute wirken Deutschland und Japan wie gallische Dörfer im CD-Markt. In den USA überstrahlt der Liebhaberboom des Vinyls schon CDs und Downloads (Spitzenreiter 2019: „Abbey Road“ von den Beatles).

Dies haben im Dezember auch ein paar deutsche Popstars bemerkt. Die Manager von Helene Fischer, Rammstein, den Toten Hosen und andere haben einen sogenannten Brandbrief an die verbliebenen Big Four der Industriesavanne – Universal, Sony, Warner und BMG – geschrieben, in denen sie sich über die zu geringe Entlohnung aus den Streamingerträgen beschwerten. Tatsächlich klingen 0,0003 Cent – so beziffert der schwedische Streamingpionier Spotify den Wert eines Streams – nicht gerade üppig. Andererseits fließen derzeit pro Jahr allein in den USA mehr als eine Trillion legale Songstreams, 80 Prozent des Umsatzes (hierzulande sind es gut 100 Milliarden Streams), durch die virtuellen Weiten von Spotify, Amazon, Apple und Co – die Leute verbringen heute mehr Zeit mit Musik als jemals zuvor, aber sie zahlen, so Krueger über die USA, mehr Geld für Kartoffelchips als für Musik.

Der Brandbrief von helene Fischer, Rammstein und Co.

Was bisher geschah: Im Dezember 2019 wendeten sich 14 Anwälte von deutschen Musikstars wie Rammstein, Helene Fischer, die Toten Hosen, Sarah Connor, Peter Maffay oder Marius Müller-Westernhagen mit einem Brief an Spitzenmanager der vier führenden Plattenfirmen: Universal, Sony, Warner und die Bertelsmann-Musiksparte BMG.

Sie verlangten darin, wie als Erste die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung berichtete (26. 1.), für ihre Mandanten einen größeren Anteil an den Einnahmen aus dem Streaming. Offenbar hatten diese Großen der Branche beim Abschluss ihrer letzten Verträge gedacht, 0,0003 Cent pro Stream seien eine zu vernachlässigende Größe.

Die Umsätze der Musikindustrie steigen dabei mit den Streamingabonnenten – die Zahl der Menschen, die in den Portalen fürs Hören bezahlen, statt eine Art werbeunterbrochenes Playlistradio aufzurufen, ist in den USA im letzten Jahrzehnt von 1,5 auf gut 61 Millionen gewachsen. „Und“, ergänzt Maurice Summen, Musiker der Band Die Türen und Chef des Staatsaktlabels, „die Großen verkaufen nach Vinyl, CD und Download ihre Backkataloge schon zum vierten Mal.“

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Die Beschwerde der deutschen Stars weist zunächst nur hierauf hin: Trotz Aufwärtstrends ist das Problem für die meisten Musiker wesentlich das uralte geblieben. Offiziell geben Dienste wie Marktführer Spotify zwischen 60 und 70 Prozent ihrer Einnahmen an die Musikfirmen weiter. Wie viel von den Umsätzen beim Künstler ankommt, ist eine Frage von Verhandlung und Kleingedrucktem. „Vielleicht wäre ein System wie Deezer es gerade in Frankreich versuchen will, das tatsächliches Hören zählt und nicht nach der Summe der Aufrufe verteilt, ein Ansatz“, sagt Summen. „Wobei die großen Firmen oft noch immer mit Verpackung, Lagerung und so rechnen – obwohl man nur eine Datei hochladen muss.“

Auch darum geht es bei der aktuellen Grummelei der deutschen Popgrößen. In Schweden hat der Musikerverband schon vor gut fünf Jahren mit Erfolg gegen diese Praxis geklagt. Es geht also natürlich um Prozentanteile. Im Indiebreich rechnet man durchaus auch Halbehalbe ab. Aber Teilen gehört nun mal nicht zu den Marktstrategien der Großindustrie. In Abwesenheit einer Lobby (für alle kreativen Freiberufler) weist immerhin Patrick Ohrt von der Tote-Hosen-Firma JKP darauf hin, dass die Beschwerde gerade auch die Interessen weniger etablierter Künstler im Blick habe. Bezeichnend übrigens, dass sich unter den Brandschreibern keine HipHopper finden: Die Streamingkönige haben begünstigt durch Hörerdemografie und Produktionsweise früh aufs Netz, eigene (Sub-)Labels und entsprechende Verträge gesetzt.

Streaming als Instrument der Marktmanipulation

Für Krueger, ehemals vorsitzender Wirtschaftsberater unter Obama, steht die Musikindustrie trotz des vergleichsweise geringen Anteils am Gesamtvolumen als Modell fürs Ganze. „Die gesamte Wirtschaft strebt zum Superstartum, und die Winner-takes-all-Geschichte kommt vom Vormarsch der digitalen Technologie.“ In der Musik heißt das: Die oberen fünf Prozent bringen 85 Prozent des Umsatzes, im Livebetrieb wie per Konserve. Für die Konsumenten eröffnen die Portale natürlich einen günstigen Zugang zu gewaltigen Archiven, wobei die digitale Marktlogik, so Krueger, wohl zu einer weiteren Monopolisierung führen wird. Aber natürlich ist Streaming auch ein feines Instrument für Marktforschung – und Marktmanipulation, etwa durch Fake-Konten, die Songs im Dauerbetrieb abrufen. Die Songstrukturen haben sich schon den 30 Sekunden angepasst, in denen ein Song zur Sache kommen muss, bevor Interesse und Klickwertung verfallen. Und keine Ware beruht so sehr auf dem Innenleben ihrer Konsumenten wie Musik.

Bei Katalogen von 35 Millionen Songs übernehmen eine große Zahl unterschiedlich fein gefilterter Playlists die Gatekeeperfunktionen, 2018 besetzten sie bei Spotify 31 Prozent der Hörerzeit – dass ein Stück „entdeckt“ wird, hängt zunehmend von der Popularität von Playlists ab und entsprechend wertvoll werden die Plätze. Krueger spricht von einer neuen Art von Payola, also der Beeinflussung durch Kampagnen, wie im Falle des US-kanadischen Rappers Drake, dessen „Scorpion“ so penetrant und in den abwegigsten Playlists gepusht wurde, dass sich Fans in den sozialen Medien beschwerten. Trotzdem sprengte das Album die Streamingrekorde – die Psychologie lehrt, dass die Wahrscheinlichkeit, ein Stück gutzufinden, steigt, je öfter man es um die Ohren gehauen bekommt.

Schnupperabos zum Einstieg

Problematisch sind schließlich nach wie vor die sogenannten Freemium-Angebote einiger Plattformen, deren werbeunterbrochener Gratiszugang wie die Schnupperabos zum Einstieg kaum Geld für die Künstler bringen und den Gesamtumsatz verringern. Taylor Swift trat 2014 erfolgreich in den Streaming-Streik, weshalb seit 2017 Künstler ihre Alben für einen gewissen Zeitraum exklusiv für die zahlende Kundschaft streamen können (Ergebnis für Swift damals: 1,2 Millionen CDs und Downloads in einer Woche).

Von den Big Four hat sich Warner aus Wettbewerbs-Sensibilität schon aus den offiziellen Tarifverhandlungen mit den deutschen Stars ausgeklinkt. Schaut man auf die Filmszene, wo die Streamingportale zunehmend wie Studios agieren – cut out the middleman – gibt es für die Industrie aber natürlich gute Gründe, sich mit ihnen gutzustellen. Für das Gros der eher prekär lebenden und live rackernden Künstler indes werden Swimmingpools wohl auch nach der Tarifrunde eher nicht drin sein.