Bei den Mitarbeitern der insolventen Berliner Solarfirma Soltecture herrscht nach Jahren harter Arbeit ungläubiges Entsetzen. „Wir haben in Technologie investiert und eine Spitzenstellung erreicht. Und jetzt werden wir nach China verramscht“, sagt ein Insider. Bald drei Monate ist es her, dass Soltecture pleite ging. Der Fall ist ein Lehrstück über die desaströse deutsche Industriepolitik im Bereich Solar.

Wie ein Sprecher des Insolvenzverwalters mitteilte, laufen Verhandlungen mit verschiedenen Investoren, Details will er nicht kommentieren. Doch der Insider befürchtet das Schlimmste: Das Unternehmen wird abgewickelt – und Maschinenpark und eine der am meisten versprechenden Technologien der grünen Energie verschwinden nach China. Nächste Woche läuft das Insolvenzgeld aus, der Insolvenzverwalter gerät unter Zugzwang.

Die Soltecture-Angestellten sind sich sicher, dass sich der chinesische Konzern Hanergy für Soltecture interessiert – und sowohl Maschinen als auch Technik erwerben möchte. Hanergys Hauptgeschäft war bislang der Betrieb von Wasserkraftwerken. Doch das Unternehmen aus Peking, das eng mit dem Staat verbandelt ist, treibt eine neue Sparte voran: Dünnschicht-Solarmodule, genauer die CIGS-Technologie. Statt dicken Siliziumscheiben kommt eine hauchdünne Schicht aus Kupfer, Indium, Gallium, Schwefel und Selen zum Einsatz.

Der Vorteil: Hochflexible und potenziell günstige Solarzellen sind möglich. Noch ist die Stromausbeute gering. In Zukunft aber könnte sich ein großer Markt für CIGS entwickeln. Hanergy hat die Chance erkannt. Auf Anfrage der Frankfurter Rundschau zu den Plänen in Deutschland gab es zwar keine Antwort. Doch die Strategie ist klar: Die Chinesen kaufen in Deutschland zum Ramschpreis quasi alle Firmen auf, die bei CIGS über Spitzentechnik verfügen.

Solibro, eine Tochter der insolventen Q-Cells aus Bitterfeld in Sachsen-Anhalt, wurde bereits im Juni übernommen. An der ebenfalls insolventen Berliner Firma Global Solar Energy Deutschland hat Hanergy laut den Insidern Interesse. Global Solar verfügt ebenfalls über CIGS-Technik. Und auch dort könnte sich Hanergy womöglich billig aus der Insolvenzmasse bedienen. Bei Solibro soll zwar zunächst sogar die Produktion in etwas vergrößert werden. „Doch die holen sich die Dünnschicht-Technik und bauen alles in China in zehnfacher Größe nach“, so der Insider.

Hanergy und deutsche CIGS-Solartechnik – das ist nur ein Beispiel für den dramatischen Ausverkauf der deutschen Solarindustrie. Im Frühjahr übernahm der chinesische Solarriese LDK die angeschlagene Konstanzer Firma Sunways. Das Unternehmen ist hochinnovativ. Doch Sunways fehlte es an Kapital und an Größe, um die derzeitige Durststrecke auf dem Solarmarkt durchzustehen. Scheuten Solar, das in Gelsenkirchen produziert, ging an die chinesische Aiko Solar.

Harter Preiskampf

„Die Chinesen nutzen die Lage geschickt aus“, sagt Analyst Erkan Aycicek von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Auch andere ausländische Investoren kommen zum Zug: Der Berliner Modulhersteller Solon ging ebenfalls pleite und ist an arabische Investoren verkauft. Die Insolvenzwelle wird weitergehen. Und vermutlich wird weiter milliardenschwer geförderte Hochtechnologie aus Deutschland abfließen.

Einmal allerdings wurde den Chinesen ein Strich durch die Rechnung gemacht. Auch an dem insolventen Bitterfelder Solarmodul-Hersteller Sovello ist ein chinesischer Investor interessiert. Das Land Sachsen-Anhalt lehnte es als einer der größten Gläubiger Sovellos Anfang der Woche überraschend ab, das Konzept finanziell zu unterstützen. Die Landesregierung befürchtet, dass die Produktion nach China verlagert wird und der Bitterfelder Standort mittelfristig keine Perspektive besitzt. Sovellos Zukunft ist ungewiss.

Was ist der Grund für die vielen Pleiten? Nach wie vor beuteln Überkapazitäten die Branche. In den weltweiten Fabriken könnten etwa doppelt so viele Module hergestellt werden wie verkauft werden. „Der Preiskampf ist sehr hart“, sagt Aycicek. Die Folge: Nicht nur in Deutschland schreiben zahlreiche Solarunternehmen rote Zahlen, sondern auch im mit Abstand größten Produktionsland China. Ausgerechnet das gerade in Deutschland expandierende LDK verbucht zum Beispiel gewaltige Verluste und hat einen Schuldenberg von 2,7 Milliarden Dollar. Doch die chinesische Regierung ist offenbar noch gewillt, dem Konzern weiter Kreditlinien in Milliardenhöhe zur Verfügung zu stellen – genauso wie den anderen Solarriesen aus China.

Die Strategie der Chinesen ist bislang aufgegangen. Sie haben sich die erste Phase der Expansion im Bereich Solar in großen Teilen vom deutschen Stromverbraucher finanzieren lassen, die per Öko-Strom-Umlage die massenhafte Installation von Solaranlagen bezahlen – egal, wo sie herkommen. Innerhalb der vergangenen Jahre ist der Anteil chinesischer Modultechnik auf deutschen Dächern auf rund 80 Prozent gestiegen. Chinesische Solarfirmen haben niedrige Kosten und solide Technik, werden aber seit Jahren massiv unterstützt, vor allem mit günstigen Krediten.

Derzeit läuft die zweite Phase des chinesischen Solar-Masterplans: Die Unternehmen kaufen billig die Reste der noch vor wenigen Jahren führenden deutschen Solarbranche. Gleichzeitig fängt China an, endlich im eigenen Land große Solarparks zu installieren – zu inzwischen deutlich niedrigeren Preisen natürlich. In der dritten Phase wollen die chinesischen Unternehmen dann mit günstiger Solartechnik – die zum großen Teil in Deutschland entwickelt und finanziert wurde – den stark wachsenden Weltmarkt dominieren. (mit sth.)