Berlin - Das Vermögen in Deutschland ist noch sehr viel stärker auf einen sehr kleinen Bevölkerungsteil konzentriert als bisher angenommen. Nach neuen Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ist Reichtum hierzulande deutlich ungleicher verteilt als in Frankreich, Spanien und Griechenland.

Alte Daten

Die Verteilung der Netto-Vermögen der Privathaushalte basiert üblicherweise auf den Daten des Eurosystem Household Finance and Consumption Survey (HFCS), den die Europäische Zentralbank erstellt. Dabei werden Vermögenswerte aller Art, also Spareinlagen, andere Geldguthaben, Wertpapiere, Immobilien und Grundbesitz, Schmuck, Kunstgegenstände, werthaltige Sammlungen (etwa Münzen), Unternehmensanteile, private Altersvorsorgeansprüche, Lebensversicherungen und Fahrzeuge mit Schulden und roten Zahlen auf überzogenen Konten verrechnet. 

Alte Schwächen

Zentrales Manko der HFCS-Methode: Die Berechnung basiert auf einer Haushaltsbefragung, die Teilnahme ist freiwillig. So gaben in der letzten HFCS-Erhebung  aus dem Jahr 2013 nur 3565 von 20501 in Deutschland angefragten Haushalten Auskunft über ihre Vermögensverhältnisse. Da es sich bei den Superreichen um eine sehr kleine Bevölkerungsgruppe handelt, können schon relativ wenige Absagen zu starken Verzerrungen führen.  Zudem ist die Neigung besonders wohlhabender Personen, über ihre Vermögensverhältnisse Auskunft zu geben, geringer als im Durchschnitt der Bevölkerung. Dies zeigen US-Studien, in denen die Bereitschaft zur Selbstauskunft mit Daten des zu versteuernden Vermögens und Einkommens abgeglichen wurden. Weiterer Schwachpunkt der HFCS-Erhebung ist die Ungenauigkeit der Angaben: Denn der Geldwert von Vermögen in Form von Schmuck, Immobilien, Sammlungen oder Fahrzeugen wird von den Eigentümern lediglich geschätzt.

Neue Daten

Das DIW hat die HFCS-Daten mit öffentlich zugänglichen Informationen über die reichsten Personen und Familien verknüpft. Dazu zählt die Forbes-Liste der europäischen Milliardäre sowie nationale Ranglisten, wie sie in Deutschland jährlich das Manager Magazin für die 500 reichsten Inländer veröffentlicht.  Ähnliche Aufstellungen existieren auch in Frankreich, Spanien und Griechenland.

Mehr Präzision

Nach Berechnungen von DIW-Forscher Stefan Bach ergibt die Kombination der Daten eine spürbar ungleichere Vermögensverteilung als es die HFCS-Daten allein nahe legen. Danach besitzen die reichsten zehn Prozent der Deutschen nicht nur 59, sondern 64 Prozent des gesamten privaten Nettovermögens. Das reichste Prozent verfügt über ein Drittel des Gesamtvermögens, nach der HFCS-Berechnung wäre es „nur“ knapp ein Viertel. Der größte Unterschied ergibt für das reichste Tausendstel, dem rund 40 000 Haushalte mit einem Nettovermögen von durchschnittlich knapp 40 Millionen Euro eigen ist: Sie besitzen anstelle von vier Prozent, die das HFC ausweist,  17 Prozent des gesamten Vermögens. Dagegen hat die weniger betuchte Hälfte der Bevölkerung nur einen mageren 2,5-Prozent-Anteil am Reichtum.

Europäischer Vergleich

Zwar ergeben sich durch die neuen Berechnungen auch für Frankreich, Spanien und Griechenland höhere Vermögenskonzentrationen als bisher berechnet, sie sind erreichen aber bei weitem nicht das deutsche Niveau: In Frankreich liegt der Anteil der supereichen 0,1 Prozent bei 10 Prozent des Vermögens, in Spanien sind es acht und in Griechenland 4,7 Prozent. Die ärmere Bevölkerungshälfte verfügt in diesen Ländern immerhin über 5,3 Prozent (Frankreich), 12,8 Prozent (Spanien) und 12,1 Prozent (Griechenland) des Vermögens.

Was tun?

Das DIW schlägt vor, Erbschaften und Vermögen stärker zu besteuern, um den Konzentrationsprozess des Reichtums zu stoppen.