Berlin - Für die fast eine Millionen Beschäftigte im Leiharbeitssektor soll es nach Vorstellungen der Gewerkschaften im kommenden Jahr ein dickes Lohnplus geben. Der DGB, der federführend für seine acht Mitgliedsgewerkschaften die Verhandlungen mit den Arbeitgeberverbänden IGZ und BAP leitet, fordert vom 1. Januar 2017 an eine Lohnerhöhung von sechs Prozent, mindestens aber 70 Cent mehr pro Stunde, bei einer Laufzeit von 12 Monaten.

Außerdem sollen die bisher in Ost und West wirksamen Unterschiede in den insgesamt neun Entgeltgruppen der Leiharbeit verschwinden. In Kombination addieren sich diese Forderungen für einzelne Lohngruppen auf bis zu 17,6 Prozent. Über alle Entgeltgruppen hinweg machen sie laut DGB unter dem Strich fast zehn Prozent aus.

Große Steigerung der Ostlöhne

Insbesondere die Angleichung der Ost- und Westlöhne würde zu deutlich überproportionalen Steigerungen führen. In der Entgeltgruppe Eins zum Beispiel werden derzeit in den ostdeutschen Ländern 8,50 Euro gezahlt, in den westdeutschen sind es 9 Euro. Dort würden die Löhne bei einem Plus von sechs Prozent auf 9,54 steigen – und bei einer Angleichung somit auch im Osten. Dort entspräche der Sprung um 1,04 Euro einem Anstieg um 12,2 Prozent.

Könnte der DGB die Forderung von mindestens 70 Cent mehr pro Stunde durchsetzen, stiege der Stundenlohn sogar auf 9,70: um knapp 7,8 Prozent im Westen und um 14,1 Prozent im Osten. In jedem Fall lägen die Tarife deutlich über dem gesetzlichen Mindestlohn, der am 1. Januar von derzeit 8,50 auf 8,83 Euro steigen wird.

Zentrale Anliegen der Arbeitnehmer

Mit seinen Forderungen bringt der DGB zentrale Anliegen der Arbeitnehmer in die Verhandlungen ein. In einer Befragung des Gewerkschaftsbundes zur bevorstehenden Tarifrunde hatten sich 98,7 Prozent der Leiharbeitsbeschäftigten im Osten, aber auch 87,5 Prozent der Kolleginnen und Kollegen im Westen für gesamtdeutsche Gruppenentgelte ausgesprochen. Drei Viertel der Befragten hatten zudem besonders kräftige Zuwächse in den unteren Entgeltgruppen befürwortet.

Dritte Kernforderung: Schon die geringsten Verdienste sollten spürbar über dem Niveau des gesetzlichen Mindestlohns liegen. Diese Forderung kommt nicht von ungefähr: Die Bundesagentur für Arbeit gibt den Anteil Leiharbeitnehmer, die ungelernte Helfertätigkeiten ausüben, mit fast 53 Prozent an. Sie werden in aller Regel nach den Entgeltgruppen Ein, Zwei und Drei bezahlt.

Ungeachtet dessen würden die DGB-Forderungen auch und gerade in den obersten Entgeltgruppen zu sprunghaften Lohnsteigerungen im Osten führen. In der Gruppe Neun etwa werden derzeit 20 Euro im Westen und 18,03 im Osten gezahlt. Mit einem Plus von sechs Prozent kämen die Beschäftigten im Westen auf 21,20 Euro. Und mit einer Angleichung ebenso im Osten, wo der Stundenlohn auf einen Schlag um 3,17 Euro oder 17,6 Prozent zulegen würde.

Harter Verhandlungskurs der Arbeitgeber

Die erste Verhandlungsrunde mit DGB-Vorstand und Verhandlungsführer Stefan Körzell auf der einen und IGZ und BAP auf der anderen Seite ist für den 7. Oktober angesetzt. Dass es angesichts der ehrgeizigen Gewerkschaftsforderungen zu einem schnellen Tarifvertragsabschluss kommt, erscheint ausgeschlossen. Die Arbeitgeberverbände IGZ und BAP dürften einen harten Verhandlungskurs einschlagen. Schließlich befinden sie sich in einer relativ starken Position.

Zum einen läuft die Zeit nicht zugunsten des DGB. Der im Herbst 2013 auf drei Jahre abgeschlossene Tarifvertrag läuft zum Jahresende aus. Sollten sich die Tarifparteien bis dahin nicht geeinigt haben, liefe der alte Vertrag ohne Nachwirkung aus. Damit würden die Leiharbeitsbeschäftigen in den verleihfreien Zeiten erst einmal nur Anspruch auf den gesetzlichen Mindestlohn von dann 8,83 Euro haben.

Zum zweiten sind Organisationsgrad und also Mobilisierungs- und Arbeitskampfpotenzial der Gewerkschaften im Leiharbeitssegment unterentwickelt. Ob es im Falle eines Falles zu Massenstreiks kommen würde, darf bezweifelt werden. Andererseits ist es Gewerkschaften immer wieder gelungen, mit gut gesetzten Schwerpunktstreiks ganze Regionen oder Teilbranchen empfindlich zu treffen. Aber so weit ist es ja noch nicht. Jetzt wird erst mal verhandelt.