Grafik: BLZ
Quelle: Johns Hopkins University

BerlinWenige Internetseiten dürften ein so explosives Wachstum erlebt haben wie die Covid-19-Weltkarte der US-amerikanischen Johns-Hopkins-Universität. Am 22. Januar wurde das Angebot per Twitter freigeschaltet. Innerhalb weniger Wochen stieg die tägliche Nutzerzahl auf mehr als 1,2 Milliarden. Denn auf der anschaulichen, interaktiven Karte kann jeder die internationale Ausbreitung der Corona-Pandemie fast in Echtzeit verfolgen.

Die Johns-Hopkins-Universität ist eine private Eliteuni in Baltimore im US-Bundesstaat Maryland. Gegründet wurde sie im Jahr 1876 nach dem Modell der Universität Heidelberg. Heute hat sie mehr als 20.000 Studenten. Vor allem ihre medizinische Fakultät ist berühmt. Die so erfolgreiche Webseite wurde aber von Ingenieuren der Universität entwickelt.

Angefangen hatte alles mit den Sorgen des Doktoranden Ensheng Dong. Er wollte wissen, wie es Freunden in Wuhan und anderswo in China ging und begann Daten aus der Region zu sammeln. Die Betreuerin seiner Doktorarbeit, die Professorin Lauren Gardner, schlug vor, Dong solle ein sogenanntes Dashboard konstruieren, um die Verbreitung des Virus auf einer Karte darzustellen.

Gardner ist dafür bekannt, dass sie die Ausbreitung von Viren über internationale Transport- und Verkehrswege kartographiert. Bei der Vorhersage der Gefahren durch von Mücken übertragene Krankheiten wie Zika oder Dengue oder auch der Masern spielt sie eine prominente Rolle. Aus dem Team Dong und Gardner ist inzwischen eine fast 24-köpfige Mannschaft geworden, die sich um die Covid-19-Weltkarte kümmert.

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Parameter der „Big Data“

Gardner verwendet dafür eine breite Palette von Informationen, weit mehr als die Gesundheitsbehörden. Dazu gehören so heterogene Daten wie die der Weltgesundheitsorganisation WHO, der chinesischen Behörden, Zahlen des „Dingxiangyan“, eines sozialen Netzwerkes für Gesundheitsmitarbeiter, die Daten in Echtzeit anbieten, sowie weltweite Medienberichte. In die Fall- und Totenzahlen für Deutschland etwa nimmt ihre Covid-19-Weltkarte auch Daten von Zeitungen wie der Berliner Morgenpost auf. Die Zahlen auf ihrer Website sind stets wesentlich höher als die des Robert-Koch-Instituts (RKI). Der Virologe Alexander Kekulé hat dem RKI deshalb vorgeworfen, es gewährleiste im Vergleich zu der agilen Truppe in Baltimore lediglich einen statistischen „Blick in die Vergangenheit“.

Als die zierliche Lauren Gardner vor dem US-Kongress eine Expertenmeinung abgab, wurde sie dort zur Herkunft ihrer Daten befragt. Denn auch in den USA hinken offizielle Angaben, wie die aus dem Zentrum für Seuchenkontrolle CDC, den aktuellen Mediendaten um ein bis zwei Wochen hinterher. Gardner arbeitet mit den Parametern der „Big Data“. Es geht weniger um die absolute Präzision der einzelnen Zahlen als um das Gesamtbild. Vor dem Kongress sagte sie: „In der Regel finden wir mehr Fälle als die Behörden, weil wir aktueller sind. Aber wir haben immer denselben Trend wie die Behörden“.

Professorin Lauren Gardner.
Foto: UPI Photo/imago images

Die Unterschiede zwischen der US-Website und der des RKI gehen jedoch weit über Kleinigkeiten hinaus. Das Robert-Koch-Institut ist mit dem amerikanischen Zentrum für Seuchenkontrolle vergleichbar. Es wurde gegründet, um Seuchen wie die Tuberkulose zu bekämpfen. Dagegen ist die Website der Ingenieurin Gardner ein Angebot für ein Zeitalter der rastlosen Mobilität. Die New York Times vermutet, dass nach dem Virusausbruch in Wuhan etwa 430.000 Menschen aus China in die USA reisten, davon 40.000 noch nach Trumps Einreiseverbot. In Wuhan selbst wird erwartet, dass diese Woche 55.000 Menschen erstmals seit drei Monaten mit dem Zug die Stadt verlassen werden. Gerade hat Gardners Projekt Geld aus Washington bewilligt bekommen, um auch Wetter und Klima als Variablen der Epidemie kartographisch darzustellen.

Ironischerweise spielt Gardners Webseite außerhalb der Forschung aber kaum eine Rolle in den USA. Denn so gut die Karte in den vergangenen Wochen die Entwicklungen in China, Italien und Deutschland verfolgen konnte, so tappte sie doch im Dunkeln, was die Entwicklung in den Vereinigten Staaten selbst betraf. In den USA wurde über Wochen kaum getestet, weil es kaum Tests gab – obwohl Patienten, Ärzte und Gerichtsmediziner händeringend danach suchten. Das bedeutete auch für die Daten-Ingenieure in Baltimore so eine Art Blackout. Ihnen lagen lange gar keine Fallzahlen vor. Big Data kann nur so gut sein wie die lokalen Gesundheitsbehörden. Auch das muss eine Lehre aus dieser Krise sein.

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Mehr Afroamerikaner betroffen

Die Covid-19-Karte kann auch nicht zeigen, welche Bevölkerungsgruppen besonders von der Epidemie betroffen sind. Die Regierung in Washington hat am Dienstag eingeräumt, dass es Afroamerikaner weitaus häufiger trifft als andere US-Bürger. In einigen Tagen werde man dazu Statistiken veröffentlichen, kündigte Präsident Donald Trump an. In Chicago etwa sind 72 Prozent der Corona-Toten Schwarze, obwohl sie nur ein Drittel der Bevölkerung ausmachen. Der Direktor des Nationalen Instituts für Infektionskrankheiten, Anthony Fauci, führte das auf eine „Verschlimmerung eines Gesundheitsgefälles“ zurück.