Die Wirtschaft der großen Industriestaaten läuft rund. Oberflächlich betrachtet. In den USA und Europa wächst die Produktion seit Jahren, die Börsen steigen immer höher, die Arbeitslosenrate fällt. Der Aufschwung hält. Doch hängt er zum großen Teil an den Notenbanken, die die Zinsen nahe Null gedrückt haben. Nun naht das Ende des billigen Geldes. Und niemand weiß, ob die Wirtschaft das aushalten wird. „Es ist wie beim Bergsteigen: Der Abstieg ist immer gefährlicher als der Aufstieg“, sagte Fondsmanager Stephen Jen dem Finanzdienst Bloomberg.

Finanzkrise hat Staaten zu außerordentlichen Maßnahmen gezwungen

Im Zuge der großen Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2008 griffen die Staaten zu außerordentlichen Maßnahmen. Sie warfen Anleihen auf den Markt, nahmen darüber hunderte von Milliarden neuer Schulden auf und pumpten sie in die Wirtschaft, retteten Banken und stützten Unternehmen. Parallel dazu feuerten die Zentralbanken aus allen Rohren, drückten die Zinsen, um Kredite zu verbilligen. Das sollte die Konjunktur anfeuern und ermöglichte hoch verschuldeten Staaten, Unternehmen und Haushalten, ihre Kredite zu bedienen.

Um das Zinsniveau zu senken, kauften die Zentralbanken auch Staatsanleihen und andere Wertpapiere – und zwar nicht zu knapp. Gemeinsam gaben die US-Notenbank (Fed), die Europäische Zentralbank und die Bank of Japan rund neun Billionen Dollar aus – ein gigantischer politischer Kredit, aus dem Nichts geschöpft, der Aktien und Anleihekurse in die Höhe trieb und die Zinsen drückte. Seitdem reißen die Warnungen nicht ab. Die Zentralbanken würden eine Spekulationsblase aufpumpen, rügen Ökonomen. Andere sehen eine „Zombifizierung“ der Wirtschaft: Faktisch insolvente Unternehmen würden durch die niedrigen Zinsen künstlich am Leben gehalten und wanderten als lebende Tote durch die Wirtschaftswelt.

Nun scheint die große Krise jedoch ausgestanden und die Notenbanken planen den Ausstieg aus ihrer extremen Niedrigzinspolitik. Die US-Fed kauft keine Wertpapiere mehr und ist schon mit Zinserhöhungen vorausgegangen. Ihre  Kollegen in Japan und Europa dürften bald nachziehen.  „Im Verlauf von 2018 könnte die EZB ihr Wertpapierkaufprogramm relativ zügig auslaufen lassen“, sagt Jörg Zeuner, Chefvolkswirt der KfW.

Nach der Überflutung steht die große Austrocknung an

Die drei großen Notenbanken haben ihre Bilanzen in der Krise auf 13 Billionen Dollar hochgeschraubt. Sie haben die Welt mit Liquidität geflutet, nun steht die große Austrocknung an. Die bange Frage lautet nun: Wie wollen die Notenbanker die erworbenen Wertpapieren wieder loswerden? Was geschieht, wenn sie Massen an Anleihen auf den Markt werfen? Kommt es dann zu einem drastischen Zinsanstieg, zu Kursverfall an den Märkten?

Die Sorge ist begründet. Die Börsenrekorde verdanken sich zum Großteil den niedrigen Zinsen, die Aktien als Geldanlage attraktiv machen. „Die Märkte hängen am Tropf der EZB“, so die DZ Bank. Und ob die Wirtschaft steigende Zinsen verkraftet, ist nicht ausgemacht.

Bilanzsummer der Notenbanken in Milliarden Dollar

                    2008               Aktuell

USA                901               4500
Euro-Zone     2200               4500
Japan             960               4500
      

Schließlich ist der Aufschwung schon relativ alt, die nächste Krise kommt vielleicht schon bald. Zugleich sind viele Staaten, Unternehmen und Haushalte sehr hoch verschuldet. Banken in Europa schieben einen Berg von faulen Krediten vor sich her, der sich auf hunderte von Milliarden Euro summiert. Die Wirtschaftsleistung wächst zwar, aber nur schwach, Investitionen und Löhne bleiben zurück, viele der neuen Jobs sind prekär und mäßig bezahlt, die Ungleichheit wächst, da große Teile des neuen Reichtums den Wohlhabenden zu Gute kommen.