Symbol des rasanten Aufstiegs: Der Aufbau von Pudong, Wirtschafts- und Hightech-Bezirk in Schanghai, begann erst 1990 auf einem dünn besiedelten Areal.
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PekingEs sind vor allem die Verschiebungen in den Rankings, die als Zäsuren wahrgenommen werden: China überholt Deutschland als zweitgrößte Volkswirtschaft, wird zu Deutschlands wichtigstem Handelspartner, zum weltweit größten Markt für Autos, zur zweitgrößten Militärmacht vor Russland, zum größten Investor in erneuerbare Energien, hat die Armut besiegt. Die Liste ließe sich fortsetzen. In den zehn Jahren von 2009 bis 2019 haben Chinas wirtschaftliche Erfolge die Ranglisten gründlich verschoben.

Das schafft gerade bei den etablierten Volkswirtschaften in Europa gewaltige Unsicherheit – und doch ist die Wahrheit noch nicht überall durchgesickert: China ist in der abgelaufenen Dekade zu einer globalen Führungsmacht geworden, und wird das auf absehbare Zeit bleiben. Damit nehmen auch die Konflikte zu.

Der Aufstieg ist das Ergebnis einer zielgerichteten Politik

Chinas wirtschaftliche Entwicklung ist dabei eine der ganz großen Erfolgsgeschichten unserer Zeit. Das 19. und das 20. Jahrhundert hatten dem Land eine lange Reihe tragischer Rückschläge gebracht. Auf Fremdbestimmung folgte der Abstieg von einer Weltmacht in Armut und relative Bedeutungslosigkeit. Auch das kommunistische Projekt unter Diktator Mao Zedong änderte nichts an der Rückständigkeit – das Land fiel ökonomisch noch weiter zurück. Dazu kam der Schrecken entfesselter Ideologie in der Kulturrevolution. Doch inzwischen hat sich das Land wieder nach oben gearbeitet. Jetzt zeigen sich die Ergebnisse einer geordneten, zielgerichteten und pragmatischen Politik.

Wer China über die Jahre immer wieder bereist hat, der weiß, wie gut es den Leuten dort im Vergleich zu früher geht. Aus einem Drittweltland ist eine Gesellschaft mit moderatem Wohlstand geworden, genau wie von der Führung an der Jahrtausendwende versprochen. Die wirtschaftliche Stabilität und den neuen Reichtum nutzt Präsident Xi Jinping als erster Nachkriegsführer, um dem Land nach außen mehr Geltung zu verschaffen. Es sind vor allem Investitionen rund um den Globus, die Chinas neue Macht plötzlich ganz in die Nähe der Öffentlichkeit in den entwickelten Ländern gebracht haben.

Xi Jinping regiert China seit 2013 - und hat jede Hoffnung auf eine Wende zerschlagen.
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„Neue Seidenstraße“ in die Zukunft

Der Roboterhersteller Kuka fiel an China, ebenso der Maschinenbauer Krauss-Maffei. Daimler gehört heute zu 15 Prozent chinesischen Investoren – und demnächst stocken sie vermutlich auf 20 Prozent auf. China münzt seine wirtschaftliche Macht ganz konkret auch in politische Macht um. Der Botschafter des Landes drohte offen damit, dass Firmen wie Volkswagen auf dem chinesischen Markt Rückschläge erleiden könnten, wenn Deutschland den Netzausrüster Huawei vom 5G-Ausbau ausschließt. Diese Art unfreundlicher Kraftmeierei war vor zehn Jahren noch undenkbar.

Im weltweiten Maßstab sind dabei die Firmenkäufe in Deutschland nur kleine Fische. Eine wirkliche Veränderung bringt vor allem das Konstrukt der „Neuen Seidenstraße“. Dabei handelt es sich im Wesentlichen um gutes Marketing für eine Mischung aus geopolitischer Strategie und Investitionsprogramm. Der Effekt: China gewinnt gerade da an Einfluss, wo Europa und Amerika sich nie engagiert hätten, etwa in Zentralasien oder Afrika. Die Ausdehnung der Macht löst nun auch heftige Gegenreaktionen aus.

Australien hat bereits ein Gesetz zur Beschränkungen des chinesischen Einflusses auf die eigene Innenpolitik erlassen – das Land hatte sich durch Rohstofflieferungen abhängig gemacht. Der laufende Handelskrieg Donald Trumps gegen China entspringt dem Wunsch, die Uhr wieder zurückzudrehen in eine Zeit, als die USA die alleinige Supermacht waren. Die Rivalität zwischen dem Wiederaufsteiger China und dem eigentlich jüngeren, heute aber doch wieder älteren Amerika gilt dabei als der bestimmende Konflikt des kommenden Jahrzehnts.

Bekenntnis zur totalen Gedankenkontrolle – jede Hoffnung zerschlagen

Während China sich nach außen hin selbstbewusster zeigt, hat im Inneren eine Ära von zunehmender politischer und geistiger Unterdrückung begonnen. Zentrale Figur ist auch hier Machthaber Xi, der seit 2013 regiert. Er hat sich inzwischen zum Präsidenten auf Lebenszeit ernannt und fördert den Kult um die eigene Person. Xi lässt Kritiker energisch verfolgen. Die parteiinternen Ermittler schwärmen zu immer neuen Säuberungswellen aus. Das harte Vorgehen in Hongkong steht sinnbildlich für den Kurs von Unterdrückung mit physischer Gewalt.

Es ist jedoch nicht so, als ob Xi eine völlige Kehrtwende eingeleitet hätte. Zensur, Verhaftungen und Bespitzelung gehörten auch zur Politik seiner Vorgänger. Er hat stattdessen die Hoffnung auf eine Wende zerschlagen. In erster Linie hat er damit einfach die Illusionen westlicher Beobachter und chinesischer Dissidenten zerstört. Xi fördert Denken entlang der vorgegebenen Parteilinie und schafft beim Volk Anreize, sich von Politik möglichst vollständig fernzuhalten.

Mit dem Bekenntnis zur totalen Gedankenkontrolle hat sich derzeit eine der zwei Strömungen durchgesetzt, die im modernen China immer nebeneinander liefen: eine Tendenz zu mehr geistiger Freiheit und Öffnung und eine zum Autoritarismus. Das Ergebnis ist traurig anzusehen. Während das Land zu materiellem Reichtum aufsteigt, steigt es in intellektuelle Armut ab. Künstler und Schriftsteller dürfen nur noch vorgegebene Themen abarbeiten. Galeristen und Verleger machen in der großen Menge des Materials kaum mehr interessante Stoffe ausfindig.

Die Erfolge in der Digitalisierung führen zur Einrichtung eines Sozialkreditsystems

Die Zwiespältigkeit zwischen materiellem und internationalem Erfolg und einer autoritär geprägten Kehrseite zeigt sich besonders in der Nutzung neuer Technik. China ist in dem Jahrzehnt seit 2010 zum Vorreiter der Digitalisierung geworden. Ausgerechnet in dem Schwellenland ist echte Konkurrenz zu den US-Technikgiganten herangewachsen – ein Ergebnis von Abschottungspolitik, die hier zu größerer Unabhängigkeit geführt hat. Kaum ein Land nutzt heute so viel Know-how wie China. Chinesische Firmen überschwemmen den Weltmarkt mit modernster Elektronik. In der Zahl der Patente für die Anwendung Künstlicher Intelligenz liegt das Land auf einem guten zweiten Platz hinter den USA.

Hochmoderne Technik ermöglicht die absolute Überwachung der chinesischen Bürger.
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Zugleich hat das Jahrzehnt jedoch den Durchbruch für eine der erschreckendsten Technikanwendungen der jüngeren Zeit gebracht. Mustererkennung, hoch entwickelte Algorithmen und reife Datenbanktechnik ermöglichten der Führung die Einrichtung eines Sozialkreditsystems. Für erwünschtes Verhalten gibt es Plus- für unerwünschtes gibt es Minuspunkte. Es ergibt sich daraus zwar nicht, wie zum Teil berichtet, ein Einzelwerk, das die Wertschätzung jedes Bürgers aus Sicht des Staates ausdrückt. Die Folgen der laufenden Ausweitung für die Gesellschaft und den Einzelnen sind noch gar nicht absehbar. Die Visionen George Orwells sind in den vergangenen Jahren in China Wirklichkeit geworden.

Dabei hatte alles so gut ausgesehen

Damit endet das Jahrzehnt aus Sicht der deutschen China-Gemeinde mehrheitlich mit einem Gefühl der Skepsis oder sogar Bedrückung. Dabei hatte es besonders hoffnungsvoll angefangen. Im Jahr 2010 wirkte noch der Schwung nach, den die Olympischen Spiele in Peking dem Land gebracht hatten.

China wollte der Welt zeigen, dass es zu den Guten gehört und passte sich tatsächlich demokratischen Werten an. Ein Hauch von Glasnost wehte durch das Land. Akademiker konnten sich frei über neue Ideen austauschen; Politologen diskutierten offen, ob dem Lande nicht mehr Gewaltenteilung guttäte. Auf Gemeindeebene hatte die Partei mit Wahlen experimentiert. Journalisten durften vergleichsweise frei aus dem ganzen Land berichten. Selbst das Staatsfernsehen deckte plötzlich Missstände auf. Für die Wirtschaft sah es so aus, als stehe die Öffnung des Kapitalmarkts kurz bevor.

Auch Xis Führung dauert nicht ewig

Dieser Geist wirkte in der ersten Hälfte der Dekade nach. Noch 2014 begrüßten Sinologen eine geplante Justizreform als wichtigen Schritt zur Rechtsstaatlichkeit. Inzwischen sind alle diese Hoffnungen kollabiert. China ist so autoritär regiert wie eh und je. Es entwickelt sich stattdessen zu einer neuen Form der Schreckensherrschaft: dem digitalen Autoritarismus.

Nachgerade beängstigend wirkt auf den ersten Blick der zunehmende Chauvinismus. Chinesen, die nur Propagandamedien konsumieren, müssen ihr Heimatland für die absolute Nummer eins halten. Die EU wirkt schwach, die USA werden von einem Clown regiert – China dagegen eilt von Triumph zu Triumph. Junge Leute fordern im Internet einen Krieg gegen Japan, „um denen endlich zu zeigen, wer der Stärkere ist“. Wer das eigene Land kritisiert, bekommt Ärger. Studien belegen jedoch zugleich, dass der aggressive Nationalismus nicht in der Gesamtbevölkerung verankert ist – er blüht in politischen Randbereichen auf. Das Gleiche ließe sich auch über die USA und Deutschland sagen.

Fakt ist dagegen, dass Präsident Xis Propagandaslogan vom „Chinesischen Traum“ im wesentlichen ein nationalistisches Projekt bezeichnet. Doch keine Führung hält ewig – der Präsident auf Lebenszeit hat auch viele Feinde. Für die kommenden zehn Jahre lässt sich daher bereits über einen ganz großen Meilenstein spekulieren: das Ende der Ära Xi. Ob das, was danach kommt, wirklich so viel besser sein wird, ist jedoch zu bezweifeln.