Am Boden, die Wirtschaft wie die Flugzeuge der Lufthansa. 
Foto: imago images / Jan Huebner

BerlinDie Wirtschaft in Europa befindet sich im freien Fall: Die am Dienstag veröffentlichten Zahlen des Einkaufsmanagerindexes von IHS Markit zeigen einen historischen Absturz um 20,2 Punkte. Frankreichs Finanzminister Bruno Le Maire sprach im Radiosender Franceinfo von einer Wirtschaftskrise, wie es sie „ohne Zweifel seit jener von 1929 nicht mehr gegeben hat“. 

Le Maire sagte, die französische Wirtschaft laufe aktuell nur noch auf 25 Prozent ihrer normalen Leistung. Vor allem die Automobil-Industrie sei faktisch zum Erliegen gekommen. Le Maire kündigte an, man werde alles tun, um die Wirtschaft zu retten – inklusive der möglichen Verstaatlichung von strauchelnden Industrien.

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Die Eurozone verzeichnete im März einen beispiellosen Kollaps der Wirtschaftsaktivitäten. Dies ergab der am Dienstag veröffentlichte Flash Eurozone Composite Index Produktion des Londoner IHS Markit-Instituts. Der Index brach im März im Vergleich zum Februar um 20,2 Punkte auf 31,4 ein – so stark wie nie zuvor seit Umfragebeginn im Juli 1998.

Am stärksten von dem Einbruch war demnach der Servicesektor betroffen, vor allem in den konsumnahen Branchen wie der Reise- und Tourismusbranche sowie im Gaststättengewerbe.

Zwar wurde die Industrieproduktion weniger drastisch reduziert, doch auch hier war der Rückgang ausgesprochen stark. Der entsprechende Index brach um über neun Punkte von 48,7 auf 39,5 ein und signalisierte damit das höchste Minus seit April 2009.

Aktien gekauft, statt in Innovationen investiert

Diese Messung ist interessant, weil sie belegt: Der Crash wurde zwar durch die Maßnahmen im Zuge der Corona-Krise ausgelöst, hat seine Ursache jedoch in der durch massive Schulden völlig abgehobenen Aktien-Rückkauf-Politik zahlreicher Unternehmen. Das von den Zentralbanken billig in den Markt gepumpte Geld wurde von den Managern verwendet, um den Aktienkurs der eigenen Unternehmen durch Rückkäufe künstlich in die Höhe zu treiben. Dadurch erwuchsen den Managern Ansprüche auf hohe Boni. Die Milliarden wurden nicht in Innovationen gesteckt oder zur Restrukturierung verwendet. Nun rufen die Unternehmen nach neuen Krediten. Doch die Zentralbanken wollen die Rückkäufe verbieten. Künstliche Höhenflüge wären damit für eine Dekade unmöglich, wie Steen Jakobsen von der Saxo Bank auf Twitter schreibt. Er hofft, dass die Krise auch ihr Gutes haben werde: So dürfte es nach einer brutalen Bereinigung endlich wieder möglich sein, reale Preise für Aktien aufzurufen.

Auch Chris Williamson, Chief Business Economist bei IHS Markit, sieht die aktuelle Krise in einer historischen Dimension. Er schreibt: „In der gesamten Eurozone brach die Wirtschaftsleistung im März in einem Ausmaß ein, das noch weitaus größer war als während des Höhepunkts der globalen Finanzkrise.“

Frankreich vermeldete im März den stärksten Konjunktureinbruch in der knapp 22-jährigen Umfragegeschichte. Der Composite Flash PMI von 52,0 Punkten im Februar auf 30,2 im März. Rekordeinbußen im Servicesektor gingen einher mit dem stärksten Rückgang der Industrieproduktion seit März 2009.

Mit aktuell 37,2 Punkten nach 50,7 im Februar signalisierte der deutsche Composite Flash PMI zwar einen etwas weniger gravierenden Rückgang der Wirtschaftsleistung als in Frankreich, der Indexwert war jedoch der niedrigste seit Februar 2009. Hier verzeichneten die Dienstleister einen Rekordrückgang der Geschäftstätigkeit. Die Industrieproduktion wurde so stark reduziert wie zuletzt im Juli 2012.

Im Rest der Eurozone ging es vor allem in Italien und Spanien bergab. Die Industrieproduktion wurde so stark zurückgefahren wie zuletzt vor knapp elf Jahren – und das vor den radikalen Corona-Maßnahmen.

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Weil auf die Euro-Staaten nun massive Rettungsprogramme zukommen, dürften die apokalyptischen Aussagen von Politikern und Ökonomen ihre Wirkung auf EU-Ebene nicht verfehlen: Am Donnerstag treffen sich die EU-Spitzen zu einer Videokonferenz. Nachdem am Montag bereits die Defizitregeln außer Kraft gesetzt wurden, wird nun die historische Vergemeinschaftung der Euro-Staatsschulden erwartet. Deutschland hat, so schreiben mehrere Beobachter aus unterschiedlichen Ländern Europas übereinstimmend, hinter den Kulissen den Widerstand gegen die Einführung gemeinsamer „Corona-Bonds“ aufgegeben. Damit wird die Euro-Zone, wenn das Virus verschwunden ist, eine völlig andere Struktur haben – mit erheblichen Haftungsrisiken für den deutschen Steuerzahler.