Die Zentrale der Europäischen Zentralbank.
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Frankfurt am MainMit einem ganzen Bündel aus Maßnahmen stemmen sich Europas Währungshüter gegen wirtschaftliche Folgen der Coronavirus-Pandemie. 120 Milliarden Euro zusätzlich wird die Europäische Zentralbank (EZB) bis zum Ende dieses Jahres in Anleihenkäufe stecken. Die Käufe sollen sich auf den privaten Sektor, also Unternehmensanleihen, konzentrieren.

Zudem will die Notenbank mithilfe besonders günstiger Langfristkredite Banken dazu bewegen, vor allem kleine und mittelgroße Firmen mit Geld zu versorgen. „Die Volkswirtschaften des Euroraums sind mit einem massiven Schock konfrontiert“, sagte EZB-Präsidentin Christine Lagarde nach der Sitzung des EZB-Rates am Donnerstag in Frankfurt am Main.

Die rasante Ausbreitung des Coronavirus sei ein großes Abwärtsrisiko für die Konjunktur. Die EZB rechnet im laufenden Jahr nur noch mit 0,8 Prozent Wachstum im Euroraum, im Dezember waren die Experten der Notenbank noch von 1,1 Prozent Anstieg des Bruttoinlandsproduktes (BIP) ausgegangen.

Leitzins unverändert bei null

Bei den Zinsen beließen die Währungshüter vorerst alles beim Alten: Der Leitzins im Euroraum bleibt auf dem Rekordtief von null Prozent, Geschäftsbanken müssen weiterhin 0,5 Prozent Zinsen zahlen, wenn sie Geld bei der EZB parken. Auch dieser Negativzins soll Banken bewegen, mehr Kredite zu vergeben.

Die US-Notenbank Fed war angesichts der weltweiten Ausbreitung des Coronavirus in der vergangenen Woche mit einer Senkung ihres Leitzinses um einen halben Prozentpunkt vorgeprescht, die Bank of England hatte nachgezogen. Der Spielraum der EZB an dieser Stelle ist jedoch begrenzt. Der Leitzins im Euroraum liegt seit mittlerweile vier Jahren bei null Prozent. Den Zins für Bankeinlagen hatte die EZB erst im September verschärft. „Die EZB erhöht die Liquidität zielgerichtet und unterstützt so die Kreditvergabe an Unternehmen. Das ist eine gute Nachricht, insbesondere für Unternehmen, die von der Corona-Pandemie besonders betroffen sind“, sagte die Präsidentin des Bankenverbandes BVR, Marija Kolak.

Blick auf die Wechselkurse asiatischer Währungen in Tokio.
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Nach Einschätzung vieler Beobachter belegt das von der EZB geschnürte Paket aber zugleich, dass die Handlungsfähigkeit der Notenbanken in der aktuellen Krise begrenzt ist. Der Chefvolkswirt der Dekabank, Ulrich Kater, kommentierte: „Gegenwärtig besteht die Aufgabe der Notenbanken darin, Abwärtsspiralen zu unterbrechen. Das ist der EZB nicht gelungen.“ Die DZ Bank mahnte: „Jetzt heißt es, sich der Realität klar zu werden, dass Geldpolitik keine Grippe heilt. Sie kann nur helfen, den Schlag der Corona-Pandemie abzuschwächen und die Fiskalpolitik sowie Unternehmen über den Bankensektor stützen.“

Dax auf Talfahrt

Banken werden gleich auf verschiedenen Ebenen entlastet, um ihrer Funktion als Kreditgeber besser nachkommen zu können: Die EZB versorgt die Institute nicht nur über zusätzliche Langfristkredite mit Liquidität, sondern gewährt Geschäftsbanken auch über bereits bestehende Programme Zentralbankgeld zu noch günstigeren Konditionen. Die EZB-Bankenaufsicht erlaubt Geldhäusern zudem vorübergehend, die sonst gültigen Vorgaben für Kapital- und Liquiditätspuffer zu unterschreiten. „Banken müssen weiter in der Lage sein, Haushalte und Unternehmen zu finanzieren, die vorübergehend in Schwierigkeiten sind“, begründete der Chef der EZB-Bankenaufsicht Andrea Enria.

Zudem wird der für dieses Jahr geplante Stresstest der Europäischen Bankenaufsicht EBA auf 2021 verschoben. An der Frankfurter Börse sorgten die Maßnahmen eher für Panik als für Erleichterung: Der Dax brach ein und verlor alleine unmittelbar in der ersten Stunde nach der Ankündigung des Hilfspakets knapp 350 Punkte – am Nachmittag stand er bei einem Tagesverlust von rund zehn Prozent oder 1000 Punkten. Bereits am Vormittag war der Deutsche Leitindex erstmals seit Sommer 2016 unter die Marke von 10.000 Punkten gefallen. (dpa/afp)