Annalena Baerbock (l.) von den Grünen und Joe Kaeser, Chef der Siemens AG. 
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BerlinEs ist früher Nachmittag, als Anton Hofreiter dann doch mal laut werden muss. „Oppositionspolitiker ist ein supernerviger Job“, poltert der grüne Fraktionschef. „Man schaut sich an, wie Millionensummen durch den Kamin gejagt werden, weil eine Bundesregierung sich selbst im Weg steht, während es überall sonst Innovationen gibt.“ Gerade hatte ihm Karl Haeusgen das Gegenteil gesagt, dass es nämlich ein Traumjob sei, in der Opposition zu sitzen, während man die großen Linien für die Zukunft entwickelt.

Haeusgen ist Vizepräsident des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau und er macht den freundlichen Talk mit seinen Einlassungen nun doch zum angekündigten Streitgespräch. Sonst aber geht es den ganzen Tag friedlich zu auf dem Wirtschaftskongress im Kosmos an der Berliner Karl-Marx-Allee. Eingeladen haben die Grünen, deshalb wird darüber gesprochen, wie die sozial-ökologische Transformation gelingen kann.

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Wobei Joe Kaeser immer wieder versucht, den Begriff Marktwirtschaft unterzubringen. Der Vorstandsvorsitzende der Siemens AG hatte den Tag eröffnet – und sein Gespräch mit Annalena Baerbock gerät so harmonisch, dass man sich nicht wundern würde, wenn Kaeser gleich hier den Aufnahmeantrag bei den Grünen ausfüllen und unterschreiben würde. Kaeser ist seit 40 Jahren bei Siemens, Ende des Jahres wird Baerbock exakt so alt sein.

Unternehmen gehen von Regierungsbeteiligung der Grünen aus 

Der Siemenschef kokettiert ein bisschen damit, die 40 sei ja wohl die Zahl des Jahres. Er jedenfalls hat die Zeichen der Zeit erkannt, das macht er klar, als er erzählt, dass es den Unternehmen früher um die Kunden und den Umsatz gegangen sei, später dann auch um das Wohl der Mitarbeiter. Nun aber, so Kaeser, müsse ein Unternehmen den Zweck haben, dass es der Gesellschaft dient. „Und wenn es den nicht hat, dann sollte es eigentlich gar nicht existieren.“

Da ist ihm großer Applaus sicher. Er sagt dann noch, dass man die Beteiligung an dem australischen Kohle-Projekt nie hätte machen dürfen. Und bekommt noch einmal Beifall. Annalena Baerbock muss nicht viel mehr tun, als einmal mehr die Forderungen der Grünen anzubringen: „Wir wollen eine Quotenregelung für klimaneutrale Produkte“, sagt sie. Der Markt an sich sei weder gut noch schlecht. Er habe aber so viel Power, dass er sich entsprechend auswirken könne, was staatliche Regulation notwendig mache.

Dann geht es um den Strompreis, den CO2-Preis, den die Grünen von 10 auf 25 Euro hochgedrückt haben, was viel zu niedrig sei, aber immerhin ein Anfang. Für mehr bräuchte man eben andere politische Mehrheiten, so Baerbock.

Dass die Grünen in irgendeiner Form an der nächsten Bundesregierung beteiligt sein werden, gilt bei den Unternehmern der Republik als ausgemachte Sache und so ist eine ganze Menge von Firmen- und Wirtschaftsverbandsvertretern gekommen, um Rahmenbedingungen zu diskutieren und Kontakte zu knpüfen.

Der Andrang ist enorm, die Teilnahmeliste musste schon vor Tagen geschlossen werden. Man diskutiert über Nachhaltigkeit in der Lebensmittelindustrie, Digitalwirtschaft und Ökologie, Kreislaufwirtschaft oder Müllpolitik. Eine halbe Stunde bekommen die Firmen, die sich auf dem „Markt der Möglichkeiten“ vorstellen, um ihre Zukunftsprodukte im Saal 1 einem großen Publikum vorzustellen. Da geht es um fair hergestellte Computermäuse, ökologische Waschmittel und nachhaltig produzierte Kleidung. Aber eigentlich geht es den meisten Teilnehmern um Networking.

Es wird über E-Autos, Wasserstoff und Windenergie geredet 

Der Sparkassenverband ist da, die Versicherungswirtschaft und viel Industrie. Der Vorstandsvorsitzende der Salzgitter AG hat den Leiter der Abteilung Umweltschutz- und Energiepolitik aufs Podium geschickt, der klarmacht, dass man keine Stahlproduktion in Deutschland mehr hätte, wenn man nicht von Ausnahmeregelungen im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) profitieren würde.

Man redet über E-Autos und Wasserstoff und über die Windenergie und was die Grünen dafür tun, dass die geplante Abstandsregelung von 1000 Metern zwischen Wohngebiet und Windrädern nicht geben wird. Das ist der Moment, in dem Hofreiter sich aufregt. Weil die Grünen vor Ort den Kopf für eine absurde Politik der Regierung hinhalten, der sie gar nicht angehören. Renate Künast hat schon mal mitregiert.

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Sie war von 2001 bis 2005 Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz und ist jetzt Sprecherin für Ernährungspolitik der Grünenfraktion im Bundestag. Sie ist über die Grüne Woche geführt worden, musste vormittags schon Schnaps trinken und hat sich mit dem Bauernverband angelegt.

Ernährungsindustrie steht vor einem Wandel 

Da ist eine Diskussion mit Marc-Aurel Boersch, dem Vorstandsvorsitzenden von Nestle Deutschland, nicht dazu angetan, ihren Blutdruck nennenswert zu erhöhen. Höchstens die Augenbrauen, wenn Boersch sagt, dass Aluminium sich wunderbar recyceln lasse, die Leute sollten ihre Nespresso-Kapseln bitte, bitte in den gelben Sack werfen, dann werde alles gut.

Künast und Boersch sollten zur Frage diskutieren, ob Nachhaltigkeit in der Ernährungsindustrie nur Lippenbekenntnis ist oder ernst genommen wird. Die Frage beantwortete Künast der Berliner Zeitung nach der Diskussion im persönlichen Gespräch.

Die Ernährungsindustrie sei gerade dabei, von Lippenbekenntnissen zum Wandel zu wechseln, so Künast. „Es gibt jetzt einfach Rahmenbedingungen, die sie nicht mehr ignorieren können.“ Und davon gerne mehr, wenn die nächste Bundestagswahl im Sinne der Grünen ausgefallen ist.