Berlin - Es war eine bittere Pille für Airbus: Die britische Airline Easyjet übernimmt im Jahr 2021 keine weitere Maschinen des Typs A320 – ursprünglich hatte Easyjet noch 2013 über 107 Flugzeuge bei Airbus bestellt. Wenn es nach dem Easyjet-Gründer, Stelios Haji-Ioannou, gegangen wäre, hätte Easyjet die Order ganz storniert: Nach Medienberichten warnte er im Mai 2020 die Aktionäre der Airline, dass ihre Anteile „wertlos“ seien, wenn die Bestellungen bei Airbus nicht gecancelt werden. Der Geschäftsmann machte sich offenbar große Sorgen um die Liquidität des Unternehmens, so große Sorgen, dass er sogar 5 Millionen Pfund aus seinem Privatvermögen für jeden bot, der kompromittierende Informationen aus dem Airbus-Konzern auftreiben könnte, die es Easyjet erlauben würden, aus dem Vertrag mit Airbus auszusteigen. 

Diese Bemühungen waren jedoch nicht von Erfolg gekrönt: Fast über das ganze letzte Jahr verhandelte Easyjet mit Airbus über die Verschiebung von Auslieferungen. Ursprünglich sollten 24 Maschinen zwischen 2020 und 2022 an die Airline übergeben werden, die Auslieferungen wurden verschoben, dafür musste Easyjet aber Aufschläge auf den Flugzeugpreis akzeptieren. In der Zwischenzeit hat Airbus das Nachsehen, die überschüssigen Produktionskapazitäten können nicht anderweitig genutzt werden. Denn auch andere Airlines, die bis vor kurzem noch die Auftragsbücher füllten, wollten von ihren Bestellungen plötzlich nichts mehr wissen.

Corona ließ die Passagierzahlen weltweit auf ein Drittel einbrechen. Schlagartig gab es ein Überangebot an Flugzeugen, und darunter leiden zunehmend auch die Hersteller. Analysten schätzen, dass Airbus das Jahr 2020 mit einem Verlust in Höhe von zwei Milliarden Euro abschließen wird, aufgrund der chronisch dünnen Eigenkapitaldecke steht das Unternehmen damit kurz vor der Überschuldung. Die Aktionäre von Airbus sind trotz der angespannten Eigenkapitalsituation überraschend optimistisch. Die mögliche Aufnahme von Airbus in den DAX im kommenden Herbst lässt Investoren hoffen: Bei einer Aufnahme in den Index wären DAX-ETFs ungeachtet der Verluste gezwungen, im größeren Umfang Aktien des Unternehmens aufzukaufen. Die günstige Ausgangslage könnte der Konzern für eine Eigenkapitalerhöhung nutzen. 

Airbus-Konkurrent Boeing machte 12 Milliarden Dollar Verlust

Dass es um die gesamte Branche nicht gut bestellt ist, illustriert der Blick auf die Konkurrenz: Der amerikanische Flugzeughersteller Boeing machte im vergangenen Jahr einen Rekordverlust von zwölf Milliarden US-Dollar, die Nettoverschuldung des Unternehmens liegt bei circa 42 Milliarden US-Dollar. Die Probleme um den Unglücksflieger 737 Max und die Lieferschwierigkeiten bei dem neuen Langstreckenjet 777 X, der eigentlich schon im vergangenen Jahr auf den Markt kommen sollte, geben den Airlines zudem Spielraum, sich von den Verträgen mit Boeing zu lösen oder durch Verhandlungen erhebliche Preisnachlässe zu erreichen. Boeing gab Anfang Februar bekannt, neue Schuldverschreibungen im Gesamtwert von 9,8 Milliarden US-Dollar ausgeben zu wollen, um die drückende Schuldenlast auch künftig bedienen zu können. Aufgrund der überragenden strategischen Bedeutung von Boeing auch im Rüstungssektor ist jedoch zu erwarten, dass nötigenfalls der Staat für das überschuldete Unternehmen eintritt.

Auch die Aktien von MTU haben stark gelitten, der Kurs hat sich 2020 fast halbiert. Der Münchener Triebwerkshersteller, der auch in Berlin einen Standort zur Wartung von Triebwerken unterhält, dürfte die Corona-Krise aber besser überstehen als Boeing: Durch ein finanzielles Polster aus dem Rekordjahr 2019 und ein breites Produktportfolio ist MTU solide aufgestellt. Laut Unternehmensangaben befinden sich fast in jedem dritten Flugzeug Bauteile von MTU. Dadurch, dass MTU einen großen Teil seines Umsatzes mit der Triebwerkswartung erzielt, ist es zudem unabhängiger von der Nachfrage nach neuen Flugzeugen als die großen Hersteller.

Die Hälfte aller Flugzeuge sind geleast

Neben den sinkenden Passagierzahlen lässt ein weiterer Trend die Nachfrage derzeit schrumpfen: Schätzungsweise die Hälfte aller Verkehrsflugzeuge der Welt befindet sich mittlerweile im Eigentum von spezialisierten Leasing-Firmen, die ihre Flugzeuge den Airlines gegen Gebühr zur Verfügung stellen. Nach Angaben der Times wurden 2020 über 1000 Verkehrsflugzeuge turnusgemäß an die Leasingfirmen zurückgegeben – diese warten nun auf neue Interessenten. Das Überangebot an gebrauchten Maschinen führt zu sinkenden Leasingraten und setzt die Hersteller zusätzlich unter Druck. 

Wie lange eine Krise in der Luftfahrtindustrie andauern kann, offenbart ein Blick in die Vergangenheit: Es dauerte fast fünf Jahre, bis sich die Fluggesellschaften von den Terroranschlägen vom 11. September 2001 erholten und an das vorangegangene Wachstum bei den Passagierzahlen anknüpfen konnten. Unmittelbar nach 9/11 sank die Anzahl der Flugreisen allein in den USA um mehr als 30 Prozent. Analysten der Barclays Bank erwarten, dass die Erholung der Luftfahrtindustrie sich diesmal ähnlich in die Länge ziehen wird. Der Trend zum Homeoffice und die Verlagerung von geschäftlichen Treffen in das Internet könnte vor allem das margenstarke Geschäft der Airlines mit der Business Class noch weit über das Jahr 2023 hinaus belasten.