Neulich geriet ich zufällig in die Demonstration der Gegner der Corona-Maßnahmen am Brandenburger Tor. Ich hatte vorher angenommen, es würde sich nur um einen der in Berlin üblichen Kleinproteste handeln, und war leichtsinnigerweise zum Potsdamer Platz gefahren. Um mein Ziel im Regierungsviertel zu erreichen, musste ich über den Platz gehen, an dem kurz zuvor erstmals ein Wasserwerfer gegen die Demonstranten eingesetzt worden war. Nun liefen mir die Menschen zu Hunderten entgegen.

Ein Mann pflanzte sich vor dem Polizei-Kordon auf, hob seinen Finger und fragte die Polizisten, ob sie wüssten, was sie da eigentlich machen. Ein anderer Mann musste sich ausweisen, weil er keinen Mund-Nasen-Schutz trug. Während seine Personalien aufgenommen wurden, überschüttete er sein Gegenüber mit einer Kaskade zorniger Worte – und entschuldigte sich zwischendurch dafür, dass er ins Du-Wort verfallen sei in seiner Wut. Eine Reihe von Frauen schritt eingehängt, die Köpfe gesenkt, nach vorn.

Ich dachte an das Buch, das der von den Deutschen vertriebene Schriftsteller Heinz Rein ein Jahr nach dem Kriegsende veröffentlichte: In „Berlin 1932 – ein Roman aus der Zeit der großen Arbeitslosigkeit“ beschreibt er, wie die Demonstrationen zum Ende der Weimarer Republik gewalttätiger wurden und das Land langsam im Chaos versank. „Die politische Auflösung hat mit dem wirtschaftlichen Niedergang gleichen Schritt gehalten“, analysiert Rein.

Die Polizeisprecherin, mit der ich am Abend unter dem Brandenburger Tor sprach, sagte, es sei eindeutig festzustellen, dass die Lage explosiver werde. Die Situation sei angespannt auf fast jeder dieser Demos. Die Hälfte der Demonstrierenden käme aus dem „bürgerlichen Lager“, so die Sprecherin, etwa 40 Prozent seien Corona-Leugner, Impfgegner und andere Militante. Zehn Prozent seien Rechtsextreme, die als Trittbrettfahrer zu den Demos kämen.

Doch wer sind eigentlich diese „Bürgerlichen“? Wenige Tage vor der Demo hatte ich mit einer Verkäuferin in einem Bekleidungsgeschäft gesprochen. Sie war beunruhigt. Nicht nur wegen Corona, sondern vor allem, weil sie womöglich ihre wirtschaftliche Existenz verlieren wird. Sie ist eine der vielen „Freiberuflerinnen“. Das klingt gut, hat aber mit Freiheit nichts zu tun. Freiberufler haben keine soziale Absicherung. Kurzarbeitergeld ist für sie wie ein Begriff aus dem Schlaraffenland. Sie sind nicht in der Arbeitslosenversicherung.

Die Verkäuferin sagte: „Den ersten Lockdown habe ich überstanden, weil ich mein Erspartes aufgebraucht habe. Wenn wir jetzt wieder zumachen müssen, geht es für mich direkt in Hartz IV.“ Sie klang nicht bitter. Ihre Nüchternheit beschämte mich ebenso wie der Gedanke, dass jemand mit einem derart geringen Einkommen sogar die Disziplin hat, etwas auf die hohe Kante zu legen.

In einer neuen Studie der Böckler-Stiftung heißt es: „Erwerbspersonen mit schon vorher niedrigen Einkommen sind im bisherigen Verlauf der Corona-Krise fast doppelt so häufig von Einbußen betroffen wie Menschen mit hohen Einkommen – und sie haben zudem relativ am stärksten an Einkommen verloren.“ Und weiter: „In der Corona-Krise dürfte nach den bislang vorliegenden Daten aber auch zumindest ein Teil der mittleren Einkommen zurückfallen und dadurch die Ungleichheit auf allen Ebenen wieder wachsen.“ Der Ruf der Gewerkschaften nach besserer Hilfe wird vermutlich ungehört verhallen.

Die Wirtschaft funktioniert schon seit Jahren nur noch, weil Teile der Bevölkerung auf sogenannte prekäre Arbeitsverhältnisse angewiesen sind. Sie finanzieren ihr Leben mit befristeten Verträgen, Mehrfachjobs, Minijobs oder einem ständigen Wechsel von Arbeit und staatlicher Unterstützung.

Viele Teile der Wirtschaft würden gar nicht mehr existieren ohne die modernen Tagelöhner, die man heute „Zeitarbeitskräfte“ nennt. Etliche Branchen setzen auf Arbeitskräfte aus anderen Ländern, die sozial noch weniger abgesichert sind als die Einheimischen.

Und es geht noch tiefer: In vielen Ländern der Erde „verspricht die Pandemie schon jetzt jahrelange Entwicklungsfortschritte zu vernichten, etwa indem sie Millionen von Menschen in die Armut treibt oder Ernährungsunsicherheit vielerorts verschlimmert“. Zu diesem Schluss kommt die Münchner Sicherheitskonferenz in einer aktuellen Studie.

Corona ist der Katalysator für einen ökonomisch-sozialen Umbruch. Dieser vollzieht sich seit Jahren, wir haben ihn bisher ausgeblendet. Nach unserem Gespräch sagte die Polizeisprecherin: „Endlich Feierabend!“ Sie wusste, dass die Krise noch lange nicht überstanden ist.