Spargelstechen ist nicht nur Präzisionsarbeit, sondern auch ein Knochenjob für den Rücken.
Foto: dpa/Marius Becke

BerlinDas tägliche Essen kommt für fast alle Leute aus dem Supermarkt – und die sind auch in der Coronakrise geöffnet. Aber die Lebensmittel müssen erst einmal produziert werden: das Korn gesät und geerntet werden, die Erdbeeren gepflückt und der Spargel gestochen. Das wird dieser Tage für die Öffentlichkeit noch einmal besonders deutlich.

Denn vergangene Woche sah es fast so aus, als ob die in Deutschland benötigten 320.000 Erntehelfer nicht einreisen dürfen. Dabei werden sie in Brandenburg dringend benötigt, um zum Beispiel im bundesweit größten zusammenhängenden Spargelgebiet bei Beelitz nun das Edelgemüse zu ernten. Dort kommen fast alle Saisonarbeiter aus Polen, Rumänien und Bulgarien. Sie machen weit mehr als 80 Prozent der Mitarbeiter aus. Die Deutschen, die dort arbeiten, sind vor allem im Vertrieb und im Verkauf tätig.

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Verschärfte Einreisebestimmungen

„Wir sind erst einmal froh, dass die Saisonarbeiter nun doch kommen und bei uns arbeiten dürfen, wenn auch unter verschärften Hygienebestimmungen“, sagte Henrik Wendorff der Berliner Zeitung. Er ist selbst Ökobauer und Präsident des Brandenburger Bauernverbandes. „Es bleibt aber abzuwarten, wie viele tatsächlich kommen werden.“

Denn es gibt nicht nur die deutsche Einreisebestimmung zu beachten, sondern auch die der Herkunftsländer. Und genau deshalb könnte es massive Probleme geben, denn viele Saisonarbeiter fürchten, dass sie nach ihrer Arbeit in Deutschland in ihrer Heimat für Wochen in Zwangsquarantäne müssen.

So sprach sich Bulgariens Regierungschef dagegen aus, dass seine Landsleute in Deutschland arbeiten: „Wenn ihre Verträge enden, kommen sie hierher, tragen die Infektion in sich und alle anderen sollen dafür zahlen.“ Rumänien hat die Ausreise erlaubt, Polen auch.

Pendler aus Polen kommen nicht mehr

Die Erntehelfer sollen per Flugzeug kommen und von ihren Betrieben am Flughafen abgeholt werden. Sie müssen dann zwei Wochen lang getrennt von den anderen arbeiten und dürfen den Hof nicht verlassen.

Brandenburgs Agrarminister Alex Vogel (Grüne) dankte am Montag den Erntehelfern, die schon vor den Einreisebeschränkungen nach Brandenburg gekommen sind und nun kommen, in einem mehrsprachigen Schreiben für ihren Einsatz. Brandenburg zahlt jedem Helfer aus Polen zusätzlich 65 Euro pro Tag.

Gerade im grenznahen Brandenburg gab es bislang nicht nur Saisonarbeiter, sondern auch Berufspendler. Das sind Leute aus Polen, die jeden Tag von zu Hause zum Spargelstechen oder zur Gurkenernte in den Spreewald gependelt sind oder zur Apfelernte nach Frankfurt (Oder). Das wird nun so gut wie unmöglich, da ja auch noch die Grenzkontrollen verschärft werden sollen.

Von der Spargelernte bis zur Weinlese

Die klassischen Saisonarbeiter sind hingegen Leute, die im Winter in Polen oder Bulgarien oft in der Forstwirtschaft arbeiten, weil Bäume im Winter gefällt werden. Ab dem Frühjahr, wenn sie dort keine Arbeit mehr finden, ziehen sie nach Deutschland oder andere westeuropäische Staaten und wechseln dann je nach Erntefrucht von Hof zu Hof. Zuerst ernten sie im Frühjahr in Beelitz Spargel, dann im Sommer Erdbeeren und im Spätsommer und Herbst dann anderes Obst oder Wein in der Pfalz.

„In Brandenburg benötigen wir etwa 10.000 Erntehelfer“, sagte Wendorff. „Etwa 8000 von ihren werden allein in der Spargelernte gebraucht.“

Die Bundesregierung bietet auch Bauern Soforthilfen, die sich vor allem an kleine Betriebe richtet mit bis zu zehn Mitarbeitern. Brandenburg hat dieses Hilfsprogramm um ein eigenes erweitert. „Seit Montag können Brandenburger Agrarbetriebe mit bis zu 100 Mitarbeitern, die von der Coronakrise betroffen sind, bis zu 60.000 Euro erhalten“, sagte Agrarminister Axel Vogel (Grüne).

Extra Hilfsprogramm für Brandenburg

Das Sonderprogramm des Landes wurde vor allem deshalb aufgelegt, weil die allermeisten Höfe in Brandenburg nicht von den Bundeshilfen profitieren könnten. Denn die Landwirtschaft im Osten ist nicht so kleinteilig wie im Westen, und viele Genossenschaften der DDR-Zeit wurden als recht große Betriebe weitergeführt. „Die in der Landwirtschaft und im Gartenbau arbeitenden Menschen versorgen uns mit Lebensmitteln, sie erhalten unser Kulturlandschaft. Sie sind systemrelevant“, sagte Minister Vogel.

Problematisch ist auch, dass es viele Höfe gibt, die wegen der Billigangebote aus anderen Ländern und den Niedrigpreisen der Discounter gar nicht mehr allein von Ackerbau und Viehzucht leben können. Sie haben Hofläden geschaffen oder bieten Urlaub auf dem Bauernhof. All das ist nun verboten und bringt kein Geld.

Bereitschaft, auf den Feldern zu arbeiten

Immerhin gibt es nun eine wahrnehmbare Bereitschaft von Deutschen, die zu Hause bleiben müssen, als Erntehelfer zu arbeiten  – aber die meisten wollen nur einen oder zwei Tage aushelfen.

„Das ist recht realitätsfern“, sagte ein Landwirt. Denn es dauert schon eine Weile, bis die Leute gelernt haben, wie sie die Produkte ernten müssen. „Ich benötigen Leute, die ich mindestens zwei Wochen am Stück einsetzen kann.“

Trotz aller staatlichen Hilfen ist völlig offen, wie die Saison etwa beim Spargel läuft. Selbst wenn genügend Erntehelfer kommen, kann es sein, dass der Absatz nicht in Gang kommt. Die Betriebe verkaufen eigentlich viel in den Hofläden, die nun dicht sind, aber auch der Absatz an die Gastronomie, die Caterer, die Großküchen fällt weg. „Ich denke, dass all das nicht durch den Verkauf in den Supermärkten kompensiert werden kann“, sagte der Brandenburger Bauernpräsident.

Dazu kommt für alle Landwirte eine weitere Herausforderung – dass nun das wirtschaftlich dritte Problemjahr in Folge ansteht. „Wir hatten zwei Jahre massive Probleme mit der Dürre“, sagte Wendorff. „Aber ich als Landwirt bleibe Zweckoptimist. Am Ende muss immer gegessen werden. Wir werden gebaucht.“