Berlin - Stoppt die Riesterrente, fordert eine Allianz aus drei Verbraucherschutzorganisationen von der Politik. „Wir möchten einen klaren Neustart, der mit dieser Art von Rente bricht“, sagt Axel Kleinlein Vorstandssprecher des Bunds der Versicherten und nennt die Riesterrente „ineffizient, intransparent und handwerklich schlecht umgesetzt“. 

„An den Versicherungsprovisionen ist viel verdient worden. Das Geld fehlt dann den Sparenden im Alter“, sagt Gerhard Schick, Vorstand der Bürgerbewegung Finanzwende. Gemeinsam mit dem Bundesverband der Verbraucherzentralen haben Kleinlein und Schick zum zwanzigjährigen Jubiläum der Riesterrente im Mai vorm Bundeskanzleramt protestiert und eine Petition initiiert, die nach zwei Wochen bereits von 17.000 Personen unterzeichnet wurde.

Die Kritik richtet sich zunächst gegen die hohen Kosten und Gebühren, die Versicherer für den Abschluss und die Verwaltung der Verträge erheben. Bei einer durchschnittlichen Riester-Versicherung fließt nahezu jeder vierte eingezahlte Euro in die Kosten, ergab eine Studie von Finanzwende. Zweiter Punkt: Riester-Renten sind in der Regel zu renditeschwach. Sie werfen deutlich weniger ab als erwartet. „Trotz milliardenschwerer staatlicher Förderung bleibt nicht genug für die Vorsorge von Verbrauchern hängen“, so die Allianz in einem Positionspapier.

„Die Konsequenz muss sein, Riester abzuschaffen“, sagt Klaus Müller, Chef der Verbraucherzentrale Bundesverband. Eine Alternative sieht Gerhard Schick im schwedischen Modell eines staatlich organisierten Fonds. Jeder Arbeitnehmer zahlt automatisch in ihn ein, es sei denn, er entscheidet sich dagegen. „Das System verursacht einen Bruchteil der Kosten und kann viel mehr Rendite als Riester erzielen“, sagt er. Die Allianz hofft darauf, dass eine neue Bundesregierung das System einer privaten Zusatzrente neu ordnet.

Die Kritik sollte Riester-Sparer dennoch nicht dazu animieren, ihren Vertrag ungeachtet der individuellen Bedingungen zu kündigen. „Diese Schlussfolgerung sollte niemand aus der Kampagne ziehen“, sagt Schick, denn trotz der grundsätzlichen Vorbehalte könne die Riesterrente für Einzelne auch heute lukrativ sein.

„Vor allem Familien mit Kindern profitieren von der Riester-Zulagenförderung“, erklärt die Deutsche Rentenversicherung, „mehr als die Hälfte aller Zulagen entfallen auf die Kinderzulage, rund 82 Prozent der Empfänger von Kinderzulagen sind Frauen“, heißt es weiter. Neben Kindererziehenden würden die Zulagen überwiegend von Personen mit geringem Einkommen in Anspruch genommen.

Riester und die Förderung

Jeder Riestersparer erhält – unabhängig ob er sich fürs Fondssparen, für eine Rentenversicherung, fürs Bausparen oder für einen Bank-Vorsorgeplan entschieden hat – für jedes Beitragsjahr eine Zulage vom Staat, informiert die Deutsche Rentenversicherung. Die Voraussetzung ist, dass der Sparer übers Jahr einen bestimmten Betrag aufs Riester-Konto eingezahlt hat. Dann bekommt er oder sie die Grundzulage von maximal 175 Euro dazu.

Förderung für Familien

Personen mit Kindern erhalten eine zusätzliche Förderung: Pro Kind, das bis Ende 2007 geboren wurde, zahlt der Staat 185 Euro Riester-Zulage. Eltern von Kindern, die ab 2008 geboren wurden, erhalten pro Kind und Jahr 300 Euro. Diese Rechnung funktioniert aber nur dann, wenn im Vorjahr ein bestimmter Anteil des rentenversicherungspflichtigen Einkommens aufs Riesterkonto eingezahlt wurde – und zwar vier Prozent. Sylvia Schönke, Finanzexpertin bei der Verbraucherzentrale Brandenburg, rechnet vor, dass eine Person mit 25.000 Euro Jahreseinkommen und zwei kleinen Kindern 1000 Euro jährlich ins Riester-Konto einzahlen muss. Davon muss sie aber nur 225 Euro selbst tragen, denn sie erhält zweimal 300 Euro für die beiden Kinder und pauschal 175 Euro, also 775 Euro Fördergeld. „Das ist eine hohe Förderquote“, sagt Schönke.

Seit der Initiative der Verbraucherallianz hat Schönke zahlreiche Anrufe von Riestersparern. „Viele fragen, was sie mit ihrem bestehenden Riestervertrag machen sollen“, sagt sie. Besonders Sparer mit Versicherungsverträgen klagten über hohe Abschluss-, Vertriebs- und Verwaltungskosten, die ihnen erst auf den jährlichen Standmitteilungen auffallen. „Beim Abschluss erhalten die Kunden oft umfangreiche Dokumente – auf Papier oder elektronisch, die sie selten Seite für Seite durchlesen“, sagt sie.

Vor der Entscheidung über eine Kündigung sollte eine Beratung erfolgen, rät Schönke dringend. „Es gibt kein Patentrezept“, sagt sie. Die Verbraucherzentrale überprüfe die Förderquote und wie geeignet der individuelle Vertrag sei. „Für junge, risikoaffine Leute ist ein Fondssparplan eventuell sinnvoll.“ Wichtig sei es, vor Abschluss aufzuklären, denn Riester sei komplex.

Eingeschränkte Vererbbarkeit

Neben den hohen Gebühren weist Schönke darauf hin, dass die Vererbbarkeit der Verträge eingeschränkt ist. Anders als bei der staatlichen Rente, die lebenslang anteilig auf Witwe oder Witwer übergeht, gibt es bei den meisten Riesterverträgen enge Fristen. „Im Versicherungsvertrag kann eine Rentengarantiezeit vereinbart werden“, rät Schönke. Diese kann zwischen fünf und 20 Jahre betragen. In diesem Zeitraum erhält im Allgemeinen der Ehepartner weiter die Rente. Der Rest verfällt. Bei Bank- und Fondssparplänen gibt es andere Regelungen zur Vererbung.

Auszahlung

Generell werden die Riesterersparnisse als Rente ausgezahlt – und müssen wie die Rente versteuert werden. Wer den Gesamtbetrag bei Renteneintritt haben möchte, muss erhebliche Kürzungen in Kauf nehmen: Die staatliche Förderung muss zurückgezahlt werden und eventuell kann die Auszahlung steuerpflichtig werden. Eine vorfristige Vertragsauflösung führt ebenfalls zu erheblichen Rückforderungen des Staates. Eine Alternative ist es deshalb, den Vertrag bis zum Rentenbeginn ruhen zu lassen, also keine Einzahlungen mehr vorzunehmen, sagt Schönke.

Die Verbraucherallianz kritisiert die Beschränkungen bei der Auszahlung. „Wer eine Riesterrente abschließt, lässt sich freiwillig entmündigen“, sagt Axel Kleinlein. In die Auszahlung sind ab dem 85. Lebensjahr per Gesetz Versicherer involviert, denn der Staat traue älteren Menschen nicht zu, ihr Geld zu verwalten. Auch diese Regelung soll sich nach dem Willen der Verbraucherallianz in Zukunft ändern.