Während sich in den USA fast alle politischen Debatten um den Abgang von Donald Trump drehen, verschieben sich unmerklich die Gewichte in der globalen Wirtschaft: China und 14 weitere Länder haben sich auf den weltweit größten Handelsvertrag geeinigt, die Regional Comprehensive Economic Partnership (RCEP). Mit dabei sind auch „westliche“ Staaten wie Japan, Australien, Neuseeland und Südkorea. Einzig Indien fehlt noch, kann aber nachziehen.

Das Handelsabkommen ist zwar nicht ganz mit jenen zu vergleichen, die die EU oder die USA in der Vor-Trump-Ära angestrebt haben. Sie sind nicht so anspruchsvoll, man könnte auch sagen: nicht zu detailversessen. Die asiatische Initiative zeigt eine bemerkenswerte Elastizität. Denn die Staaten geben ihre nationale Kontrolle nicht völlig auf.

Dies dürfte einer der Gründe sein, warum das Abkommen trotz aller gesellschaftspolitischer Unterschiede zustande gekommen ist. Die bemerkenswerte Vereinbarung zeigt, dass China seinen Aufstieg zur Weltmacht anders angelegt hat als die USA oder zuvor Großbritannien. Nicht Krieg oder plumpe Kolonialisierung sind die Mittel der Wahl. China setzt seit Jahrhunderten auf wirtschaftliche Beziehungen und Handel.

Für die EU könnte der asiatische Weg ein Vorbild sein: Das größte Problem in Europa ist nämlich die mangelnde Balance zwischen Zentralismus und Subsidiarität. Auch gesellschaftspolitisch hätte die EU eine Mission: Denn auf dem „alten Kontinent“ gelten immer noch Prinzipien wie Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. Allerdings führt die enorme Beschleunigung der weltweiten Entwicklungen dazu, dass demokratischer Dissens oder gar Streit um Positionen als unerwünschte Bremsfaktoren gesehen werden.

Doch der Blick auf die „asiatischen Werte“ sollte die Europäer sehr wachsam machen – gerade aufgrund der Erfahrungen mit der Pandemie. Ein Arzt aus Shanghai hat dieser Tage darauf hingewiesen, dass der Grund des chinesischen Erfolgs in der Pandemie-Bekämpfung darin bestehe, dass die Freiheit des einzelnen hinter die Freiheit der Gesellschaft gestellt worden sei.

Die rasche Rückkehr zur „Normalität“ ist nur teilweise mit staatlichem Druck erreicht worden – wie etwa lückenlosen Lockdowns, massiver polizeistaatlicher Kontrolle und ausgefeilter Überwachung mit technologischen Hilfsmitteln. Die Normalität, wie sie sich in China längst etabliert hat, beinhaltet auch die Unterwerfung des einzelnen unter die „höheren“ Ziele einer nach ideologischen Kriterien gelenkten Gesellschaft. Die Überwachung allein würde nicht ausreichen.

Voraussetzung für die Durchsetzung von Maßnahmen im höchst privaten Bereich ist eine mentale Konditionierung. Die „einzelnen“ müssen für sich – mehr oder weniger freiwillig – erkennen, dass sie besser daran tun, der staatlichen Führung entgegenzuarbeiten. Dieses Verhalten ist die Grundlage aller Diktaturen und mit einem ausgeprägten Individualismus europäischer Herkunft eigentlich nicht zu vereinbaren.

Doch im Zuge der Pandemie-Bekämpfung haben auch die europäischen Individualisten gelernt, den staatlichen und sogar den globalen Lauf der Dinge zu antizipieren. Die soziale Kontrolle hat in dem Maß zugenommen, in dem das „social distancing“ verordnet wurde. Wir verwenden hier das englische Wort, weil es zu einem „terminus technicus“ geworden ist, der aus dem globalen Bewusstsein kommt.

Die Grenze zu Auswüchsen ist fließend geworden: So fordert der bayrischen Ministerpräsident Markus Söder allen Ernstes, dass sich der Verfassungsschutz der „Corona-Leugner“ annehmen möge. Wer unter diese Kategorie der Feinde einer geschlossenen Gesellschaft fällt, ist unklar. Mehr noch: Es ist im Belieben der „Gemeinschaft“, ihre Feinde zu bestimmen und auszugrenzen.

In dieser Hinsicht hätte die chinesische Führung ihre helle Freude mit der Lernfähigkeit der globalen Gesellschaft. Peking selbst hat sich in einer anderen Weise als gelehriger Schüler einer globalen Gesellschaft erwiesen: Obwohl auf dem Papier kommunistisch, ist China nicht nur Mitglied der Welthandelsorganisation WTO, sondern aktiver Mitspieler am globalen Finanz- und Schuldenkasino.

Die asiatischen Handelsbestrebungen zeigen: Die Pandemie wird nicht zu einem Ende der Globalisierung führen. Der Trend wird eher beschleunigt, die Integration forciert. Europa muss sich hier positionieren. Am besten als Anwalt der Freiheit, des Individualismus und der Grundrechte. Denn diese Werte stehen auf dem Prüfstand. Und mit ihnen die entscheidende Frage, wie wir in Zukunft leben werden.