Vermutlich werden die Flugzeuge in Frankfurt am Main noch eine ganze Weile am Boden bleiben.
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BerlinCorona hält die Welt an. Rund um den Globus gelten Reisewarnungen oder -beschränkungen. Flugzeuge bleiben am Boden, der Bahnverkehr ist eingeschränkt. Grenzen sind geschlossen, Hotels für touristische Gäste auch. Und es sieht nicht danach aus, dass sich das bald ändern wird. Noch bis zum 14. Juni hat die Bundesregierung ihre Reisewarnung verlängert. Ob in diesem Sommer überhaupt noch Urlaubsreisen ins Ausland möglich sein werden, ist ungewiss. Das stellt die Branche vor eine der größten Herausforderungen, mit denen sie je konfrontiert war. Nach Angaben der EU-Kommission ist der Tourismussektor der am schwersten betroffene Wirtschaftszweig in der Corona-Krise. Bereits im März prognostizierte die Weltorganisation für Tourismus (UNWTO) für das laufende Jahr einen Rückgang der Touristen-Ankünfte um 20 bis 30 Prozent im Vergleich zu 2019. Das entspräche einem Einnahmenverlust von bis zu 400 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Die Wirtschaftskrise 2009 ließ die Touristenzahlen um vier Prozent einbrechen. Für viele Menschen ist der Reisestopp existenzgefährdend. Europaweit arbeiten elf Prozent der Arbeitnehmer in der Tourismusbranche. 

In Italien und Spanien, zwei der am stärksten von der Corona-Pandemie getroffenen Länder Europas, sind es 13 und 14 Prozent. Auf den bei deutschen Urlaubern besonders beliebten Balearen leben sogar 45 Prozent der Einwohner vom Tourismus. Spanien und Italien kämpfen angesichts der unklaren Perspektive für Lockerungen im Tourismus.

Spanien: Eine Frage der Gegenseitigkeit

Strand in der Nähe von Barcelona. Spanien bemüht sich, um die Einreise ausländischer Touristen doch noch möglich zu machen.
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Yaiza Castilla wählt deutliche Worte: „Wir sind nicht bereit, den Tourismusmarkt um jeden Preis zu öffnen“, sagte die Tourismusministerin der kanarischen Regionalregierung in einem Radiointerview am Montag, „sondern nur mit der Garantie sanitärer Gegenseitigkeit.“

Der Ausdruck ist gut gewählt, er trifft den Kern jeder künftigen Öffnungspolitik im Reisesektor: Die Touristen sollen sich bei ihren Gastgebern sicher fühlen. Und die sollen sich vor ihren Gästen sicher fühlen. Die zweite Herausforderung ist zurzeit eine größere als die erste. Spanien ist neben Belgien das Land mit den meisten registrierten Covid-19-Todesfällen im Verhältnis zur Einwohnerzahl. Da möchte man jetzt eigentlich nicht hin.

Aber es gibt ein krasses Gefälle zwischen schlimm und kaum betroffenen Regionen: An der Spitze stehen La Rioja, Madrid, die beiden Kastilien, Navarra, das Baskenland und Katalonien. Das sind Gegenden, die man vorläufig lieber meiden sollte.

Grafik: Sabine Hecher

Am anderen Ende der Skala stehen die Mittelmeerregionen Valencia, die Balearen, Andalusien und Murcia. Und ganz am Ende die Kanaren. Dort sind bisher 99 Covid-19-Fälle pro 100 000 Einwohner vermeldet worden. Das ist ein klein bisschen mehr als ein Zehntel der Rate in Madrid mit 957 Fällen pro 100 000 Einwohner. Die kanarische Todesrate (sechs auf 100 000) macht sogar nur ein Zwanzigstel der Madrider aus.

Auf Fuerteventura, El Hierro und La Gomera ist bisher niemand bekanntermaßen dem Coronavirus erlegen. Auf La Gomera, Angela Merkels Lieblingsinsel, lag am Dienstag nur ein einziger Covid-19-Patient im Krankenhaus. Da könnte man sich einen Urlaub schon vorstellen.

Die Politik aber wird im 2 000 Kilometer entfernten Madrid gemacht. Das ist eine Konsequenz des Alarmzustands, den Ministerpräsident Pedro Sánchez am 14. März ausrief und der danach bisher dreimal vom Parlament um jeweils zwei Wochen verlängert wurde. Alle Seuchenpolitik liegt jetzt in Händen der Sánchez-Regierung. Bei der müssen die Regionen ihre Ideen vorstellen.

Von allen Regionalregierungen ist die kanarische die eifrigste, wenn es darum geht, Wege aus der Quarantäne vorzuzeichnen. Und sie werden von der Tourismusministerin mit einer Klarheit vorgetragen, wie man sie sich von der spanischen Regierung ebenso wünschen würde.

Eine der Botschaften von Yaiza Castilla ist: „Es würde mir nicht gefallen, dass die Touristen auf die Kanaren kommen, um hier unter Quarantäne zu sein.“ Das bedeutet einerseits, dass die geltenden Ausgangssperren so weit gelockert sein müssen, dass die Menschen Strände, Straßen und Cafés wieder unbesorgt benutzen können – wahrscheinlich mit Einschränkungen, Abstandsregeln und zeitlichen Limits, aber doch so, dass einem nicht jedes Vergnügen vergeht.

Zum anderen aber heißt es, dass die Touristen selbst nicht zur Gefahrenquelle werden. Die Kanaren, sagt Castilla, leben zu 35 Prozent vom Tourismus. Die meisten Touristen kommen aus dem Ausland, vor allem aus dem Vereinigten Königreich und aus Deutschland.

Die Öffnung der Grenzen werde vor allem davon abhängen, wie sich die Epidemie in den Herkunftsländern der Besucher entwickele. Man werde Virustests vor der Abreise und nach der Ankunft verlangen und eine Covid-19-App auf dem Telefon, um im Fall der Fälle die Infektionsketten nachvollziehen zu können.

Gabriel Escarrer, Vorstandschef des mallorquinischen Hotelkonzerns Meliá und Präsident des Lobbyverbandes Exceltur, denkt ähnlich. Einheimische und Besucher müssten sich jetzt „massiven Tests“ unterziehen, sagt er in einem Gespräch mit dem Diario de Mallorca, damit sich die Balearen als „sicheres Ziel“ positionieren könnten.

„Bis wir nicht in der Lage sind, diese Sicherheit zu geben, können wir uns davon verabschieden, auswärtige Touristen auf den Balearen zu empfangen.“ Escarrer ist aber gar nicht so pessimistisch, dass das möglich sein wird: Er geht davon aus, dass Meliá „ab dem Monat Juli“ wieder Hotels öffnen werde.  Martin Dahms, Madrid

Italien: Sicherheitsabstand zwischen den Strandliegen

Ein Arbeiter in einem Schutzanzug desinfiziert Outdoor-Möbel auf der Dachterrasse des Atlantic-Hotels in Rom.
Foto: dpa/Andrew Medichini

Venedigs Bürgermeister setzte dieser Tage eine Art Hilferuf ab. „Jedem, der sich in den kommenden Monaten bewegen kann, sage ich: Kommt nach Venedig“, schrieb Luigi Brugnaro auf Twitter. Man arbeite daran, die Strände an der Adria wiederzueröffnen. Im September finde das internationale Filmfest statt, versprach er. Nicht nur die jetzt menschenleere Lagunenstadt, die bisher eher über zu viele Besucher klagte, hängt von deren Geld ab. Tourismus ist in Italien ein Wirtschaftsfaktor, der fünf Prozent zum Bruttosozialprodukt beisteuert.

Nach Zahlen der Nationalen Tourismus-Agentur Enit gaben die 96,2 Millionen ausländischen Italien-Besucher vergangenes Jahr 44,5 Milliarden Euro aus. 2020 werden es wegen der Corona-Krise 20 Milliarden Euro weniger sein, so die Prognose. Luca Patanè, Chef des Tourismus-Branchenverbands Confturismo-Confcommercio, befürchtet  rund um den Tourismus in Italien coronabedingte Verluste bis zu 120 Milliarden Euro.

Tourismusminister Dario Franceschini dementierte denn auch am Mittwoch heftig international verbreitete Berichte, wonach Ausländer erst 2021 wieder nach Italien reisen könnten. Das seien Fake News, versicherte er. Diesen Sommer jedoch werde der internationale Tourismus stark zurückgehen. Wann man etwa aus Deutschland tatsächlich wieder Städtereisen nach Venedig, Rom und Neapel unternehmen oder Strandurlaub in Sardinien oder Apulien machen kann, steht in den Sternen. „Wir wissen es einfach nicht“, sagt Enit-Sprecherin Francesca Cicatelli, „wir können nur abwarten.“ Die Entscheidung müsse die Regierung in Rom treffen.

Flugbuchungen aus dem Ausland nach Italien sind für die Saison zwischen Juni und Ende August um fast 60 Prozent zurückgegangen, sagt sie. 40 Prozent der Buchungen seien aber bisher nicht storniert. Viele Veranstalter haben Italien-Reisen vorerst auf den Herbst verschoben. Enit-Präsident Giorgio Palmucci gibt sich zuversichtlich: Für den Sommer vertraue man auf heimische Urlauber, im Herbst dann auf Besucher aus anderen europäischen Ländern.

Premier Giuseppe Conte hat sich allerdings bisher nicht dazu geäußert, ob Reisen in den kommenden Monaten überhaupt möglich sein werden. In den Regierungsplänen zur schrittweisen Wiederöffnung des Landes ab 4. Mai kommt der Tourismus nicht vor. Venedigs Bürgermeister und 65 Verbände haben von Rom klare Vorgaben gefordert, wie und wann etwa Hotels wieder arbeiten können. „Wir können es uns nicht mehr leisten, eine der wichtigsten Industrielokomotiven des Landes anzuhalten“, protestiert Brugnaro.

Wahrscheinlich ist aber, dass die Italiener diesen Sommer weitgehend unter sich bleiben. Es zirkulieren abenteuerliche Vorschläge für das Strandleben in Corona-Zeiten: Plexiglasscheiben etwa, die Sonnenbadende voneinander abschirmen. So etwas haben Italiens Bademeister schon empört abgelehnt.

Die bei Deutschen beliebte Ferieninsel Elba hat trotz der Ungewissheit schon konkrete Pläne für die Sommersaison. Die Stabilimenti genannten Badeanstalten werden 1,80 bis zwei Meter Abstand zwischen den Strandliegen einhalten, sagt Tourismus-Koordinator Claudio Della Lucia. Eine App, die 100 Strände der Insel erfasst, wird Besuchern anzeigen, wo noch etwas frei ist.

Die Hälfte der Elba-Touristen kommt gewöhnlich aus dem Ausland, die Branche ist einziger Arbeitgeber. „Die Lage ist für Elba besonders hart“, sagt Della Lucia. Er rechnet mit 50 Prozent Verlusten in diesem Jahr. Im besten Fall.

Venedig, das vor der Corona-Krise unter dem Ansturm von 30 Millionen Besuchern jährlich litt und eigentlich ein Eintrittsgeld einführen wollte, hat die Maßnahme jetzt verschoben – um ein Jahr. Enit erwartet allerdings einen deutlich längeres Tief: Erst 2023 würden wieder so viele Touristen wie 2019 nach Italien reisen, prognostiziert die Behörde. Regina Kerner