Die Autofahrer in Deutschland müssen für Diesel wieder tief in die Tasche greifen. 2,074 Euro kostete ein Liter Diesel durchschnittlich am Dienstag gegenüber 2,041 Euro am 31. Mai – ein Plus von drei Cent. Wie ist das möglich? Warum kostet der Sprit rund drei Wochen nach Einführung des Tankrabatts sogar etwas mehr als vor der Steuersenkung?

Die Antwort ist alles andere als einfach. Die Ölpreise seien wegen der EU-Einigung für ein EU-Ölembargo gegen Russland schon deutlich gestiegen, verweist der Rohstoff-Analyst bei der Commerzbank, Carsten Fritsch. Doch noch stärker als Rohöl hätten in diesem Jahr die Preise für Ölprodukte zugelegt.

Lagerbestände niedrig, Nachfrage groß

„Die Preisdifferenz zwischen Gasöl und einem mit Diesel vergleichbaren Mitteldestillat bzw. zwischen Diesel und Brent, also Rohöl, hat auf der Börse am Dienstag ein Rekordniveau von 58 US-Dollar pro Barrel erreicht“, erklärt der Rohstoff-Analyst Carsten Fritsch der Berliner Zeitung. Diese Preisdifferenz ist als Crackspread oder Verarbeitungsmarge bekannt. „Dieser Rekord ist wiederum auf eine sehr knappe Angebotslage von Gasöl und Diesel zurückzuführen, da die Lagerbestände in der Region Amsterdam-Rotterdam-Antwerpen in Europa, aber auch in den USA extrem niedrig sind.“

Der Grund dafür: Russland exportiere sanktionsbedingt weniger Rohöl und Ölprodukte, und die USA als ein bedeutender Exporteur von Ölprodukten könnten demnächst geringere Mengen auf den Weltmarkt bringen, sagt der Experte. Dazu kommt noch, dass mit der Sommersaison die Nachfrage nach Kraftstoffen besonders hoch ist. Die Nachfrage wird durch die Raffinerieschließungen angeheizt: Laut der US-Energiebehörde sind seit der Corona-Pandemie die US-Raffineriekapazitäten um rund eine Million Barrel pro Tag reduziert worden. Auch außerhalb der USA werden infolge der Corona-Pandemie weniger Ölprodukte produziert.

Benzinpreise: ein dunkler Wald?

Dass sich Super E10 anders als Diesel in Deutschland sogar etwas verbilligt hat (1,89 Euro am Dienstag gegenüber 2,15 Euro am 31. Mai), könnte dagegen auch auf den Tankrabatt zurückzuführen sein, so Carsten Fritsch. Bei Diesel wird die Energiesteuer nur um 17 Cent gesenkt – bei Benzin hingegen um 35 Cent. Laut einer ifo-Studie wurde der Tankrabatt beim Diesel zu 100 Prozent weitergegeben, also 17 Cent Steuersenkung pro Liter. Beim Benzin sind von der geplanten Steuersenkung von 35 Cent aktuell nur 26 Cent sichtbar, was wohl nicht zuletzt auf die gestiegenen Benzinpreise zurückzuführen ist.

Man könnte auch sagen: Ohne Tankrabatt ist ein Liter Diesel etwa um 20 Cent und ein Liter Benzin um neun Cent teurer geworden. Und gerade diese Schere lässt sich mit der vorhandenen Datenlage schwer erklären. In einer Analyse für die Commerzbank, die der Berliner Zeitung vorliegt, schreibt Fritsch zwar, dass die Preisdifferenz zwischen Benzin und Rohöl in den USA schon ein Rekordhoch erreicht habe, weshalb die dortigen Raffinerien seitens der US-Regierung in der Kritik stehen.

Deutschland ist also eher vom Diesel-Preisschock betroffen. Berlin und Brandenburg werden zwar noch zu 95 Prozent mit Benzin und Diesel aus der PCK-Raffinerie in Schwedt versorgt, die vor allem russisches Öl aus der Druschba-Pipeline verbraucht. Aber in der Verbindung Amsterdam-Rotterdam-Antwerpen seien die Gasölvorräte aktuell so niedrig wie zu dieser Jahreszeit zuletzt 2008, heißt es weiter in der Commerzbank-Analyse. „Es ist unwahrscheinlich, dass kurzfristig eine Entspannung eintritt“, sagt der Autor der Analyse dazu.

Auch der Ökonom und Finanzanalyst Maurice Höfgen wies zuletzt in einem Gespräch mit der Berliner Zeitung darauf hin, dass sowohl der Rohölpreis als auch der Benzinpreis auf der Rotterdamer Börse inzwischen kräftig gestiegen seien. Das rechtfertige erst einmal höhere Preise an der Zapfsäule unabhängig vom Tankrabatt, so Höfgen. Mineralölkonzerne würden einen kleinen Teil wohl schon einstreichen, aber ohne Rabatt wäre Benzin heute noch teurer.

„Da macht jemand Gewinne“

Europas größter Verkehrsklub ADAC lässt sich die Entwicklung nicht gefallen. „Der gestiegene Dieselpreis ist für uns nicht nachvollziehbar“, sagte die ADAC-Sprecherin für Berlin und Brandenburg, Claudia Löffler, der Berliner Zeitung. Man beobachte schon seit März eine Preisentkoppelung zwischen Benzin bzw. Diesel und Rohöl, also dass diese Kraftstoffe unproportional teurer geworden seien, und selbst dann, wenn der Rohölpreis schon gesunken sei. Auch die Abhängigkeit der Spritpreise vom Dollar-Kurs lasse sich schlechter beobachten als noch früher.

„Da macht jemand Gewinne“, vermutet Löffler und erwartet einen Gewöhnungseffekt in der Bevölkerung. Man könne den Autofahrerinnen und Autofahrern nur empfehlen, das Tanken besser zu planen und sich nach Tankstellen mit relativ günstigen Preisen umzuschauen – nicht zuletzt mithilfe von Apps.