Berlin - Darauf musste Ramona Pop lange warten. Ging es darum, wie neue Jobs in der Berliner Industrie geschaffen werden könnten, hatte die hiesige Wirtschaftssenatorin beharrlich auf die Start-up-Szene verwiesen und wurde nicht selten dafür belächelt. Was sollte schon kommen von Firmen, die Klingeltöne programmieren, Flip-Flops verkaufen oder Essen liefern? Von Typen, die mit Laptops in Cafés sitzen, keinen Anzug und kein Business-Kostüm tragen und allen Ernstes glaubten, irgendjemand würde je auch nur ein Kleid im Internet bestellen.

Nun sind es genau jene Unternehmen, die Berlin zu neuer Wirtschaftskraft verhelfen. Hatte die Stadt einst hier gegründete Großunternehmen wie Siemens, Knorr-Bremse oder Lufthansa verloren, und wurde ihr dann auch noch Schering als einziges Berliner Dax-Unternehmen von Bayer nach Leverkusen weggekauft, so ist Berlin jetzt wieder da und lässt seine forschen Digitalunternehmen auch gleich die oberste deutsche Börsenliga aufmischen.

Tatsächlich ist aus der in WGs und auf Hinterhöfen entstandenen furchtlosen bis größenwahnsinnigen Start-up-Szene ein Wirtschaftszweig geworden, der maßgeblich dazu beitrug, dass die Berliner Wirtschaft in den vergangenen Jahren schneller wuchs als die der gesamten Bundesrepublik und hier so viele Jobs entstanden wie nirgendwo sonst. Allein seit 2008 gehen 70.000 geschaffene Arbeitsplätze auf das Konto der hauptstädtischen Digitalwirtschaft, die längst als die neue Berliner Industrie gilt und mittlerweile tatsächlich mehr zur Wirtschaftsleistung der Stadt beiträgt als die analoge Verarbeitungsbranche.

Und da geht noch was. In der ersten Hälfte des Jahres hatten Investoren mehr Risikokapital in Berliner Start-ups gepumpt als in alle Jungunternehmen der anderen Bundesländer zusammen – 4,1 Milliarden Euro. Fünf Berliner Unternehmen im Dax sind sicher nicht das letzte Wort.