London - In einer Hinsicht sind die deutschen Einzelhandelsfirmen Lidl und Aldi in Großbritannien bereits Marktführer. Während die etablierten Konkurrenten noch bis zur Einführung eines neuen Gesetzes im Oktober kostenlose Plastiktüten ausreichen, muss die Kundschaft in den Filialen der deutschen Discounter bereits für ihre Beutel bezahlen. Das tut dem Siegeszug der Deutschen keinen Abbruch: Scheinbar unaufhaltsam eilen die Konzerne aus Neckarsulm und Mülheim an der Ruhr auf der Insel von einem Erfolg zum anderen. Lidl will nun mit 281 neuen Geschäften die Hauptstadt London erobern.

Aldi, genauer gesagt: Aldi Süd, wagte 1990 den Sprung über den Kanal, Lidl folgte vier Jahre später. Das Wachstum hielt sich zunächst in Grenzen, explodierte aber im Gefolge des globalen Bankencrashs von 2008. Weil die Insel von der Finanzindustrie abhängig ist, machte sich der wirtschaftliche Einbruch stärker bemerkbar als in den meisten kontinentaleuropäischen Ländern. Von 2009 an legten Regierungen unterschiedlicher Couleur harte Sparprogramme auf, um dem horrenden Staatsdefizit von bis zu elf Prozent Herr zu werden. Ein erheblicher Rückgang des durchschnittlichen Nettoeinkommens war die Folge – zur Freude der Discounter.

Zusammen 1200 Filialen

Beide Konzerne verfügen derzeit über je knapp 600 Filialen. Bis 2022 will Aldi die Zahl der Geschäfte verdoppeln, und das mit politischem Segen. Schließlich stellten die Expansionspläne „einen Vertrauensbeweis“ in die Wirtschaftspolitik seiner Regierung dar, freut sich Premierminister David Cameron. Auch Lidl hat ehrgeizige Pläne, will sein Filialnetz auf 1 200 Geschäfte ausbauen. Im Südwesten Londons soll außerdem bis 2018 ein neues Hauptquartier entstehen, das Platz für 750 Angestellte bietet. Bisher arbeiten in der Zentrale gerade mal 400 Mitarbeiter.

Der Siegeszug scheint unaufhaltsam. Der jüngsten Statistik von Kantar Worldpanel zufolge liegt Aldi in Großbritannien mittlerweile auf Platz sechs mit einem Marktanteil von 5,6 Prozent, Lidl (4,1 Prozent) nimmt Platz acht ein. Damit sind die Deutschen weit entfernt von etablierter Konkurrenz wie Wm Morrison (10,8), dem traditionsreichen Sainsbury-Konzern (16,6) oder der Walmart-Tochter Asda (16,6), vom Marktführer Tesco (28,3) ganz zu schweigen. Doch haben die Discounter den bis dahin weitgehend stabilen Einzelhandel auf der Insel ordentlich aufgemischt.

Dafür spricht ein brutaler Preiskampf, der die Szene seit Anfang des Jahres erschüttert. Im ersten Halbjahr ging der Umsatz bei Morrison um 4,7 Prozent zurück, der Gewinn fiel sogar um 35 Prozent. Drastische Reaktion: Gut 20 große und 140 kleinere Filialen werden geschlossen. „Wir haben einen langen und schwierigen Weg vor uns“, jammert der im März neu installierte Morrison-Chef David Potts. Auch beim Edel-Einzelhändler Waitrose, Teil der gutbürgerlichen John Lewis-Kette, klingeln die Alarmglocken. Dort fielen die Verkäufe im Halbjahr bis 1. August um 1,3 Prozent.

Im Überlebensmodus

Marktführer Tesco kämpft mit deutlich schwereren Turbulenzen. Wegen viel zu hoch bewerteter Immobilien musste das Unternehmen im April einen Verlust vor Steuern von 6,4 Milliarden Pfund, das sind 8,9 Milliarden Euro, verbuchen. Um die Schuldenlast zu reduzieren, hat Vorstandsboss Dave Lewis kürzlich die erfolgreiche Tochterfirma in Südkorea für vier Milliarden Pfund verkauft. Branchenkenner spekulieren über weitere Verkäufe in Malaysia und Thailand. Auch im Heimatmarkt, der 70 Prozent des Konzernumsatzes ausmacht, hat Lewis dem Unternehmen einen Schrumpfkur verordnet. 43 Geschäfte werden geschlossen, 49 geplante Neueröffnungen sind gestrichen. Tesco müsse „Stück für Stück wieder aufgebaut werden“, sagt Lewis.

Aldi und Lidl hingegen verbreiten Optimismus. Die britische Wirtschaft wächst seit Herbst 2013 wieder robust, zuletzt um 2,6 Prozent. Doch schlug sich die rosige Konjunktur erstmals in diesem Frühjahr in den Geldbeuteln der Konsumenten nieder. Viele Briten seien aber „noch immer im Überlebensmodus“, heißt es in der Analyse British Lifestyles des Marktforschers Mintel. Beim Lebensmittel-Einkauf werde generell weiter gespart, zwischendurch aber auch gern einmal zu Prestige-Produkten gegriffen. Und genau dies bietet beispielsweise Lidl zu Niedrigpreisen. Denn gibt es etwa einen Hummer für umgerechnet acht Euro oder eine Flasche Champagner für gut 13 Euro.

Mit solchen Lockangeboten wollen die Neckarsulmer nun die Weltstadt London erobern. Bisher verfügt Lidl innerhalb des Autobahnrings M25 gerade mal über rund 70 Filialen, die meisten stehen in Randbezirken oder ärmeren Vierteln der Metropole. Auf in Edel-Stadtteile wie Mayfair, Chelsea und Fulham, lautet jetzt die Devise. Einzelhandelsanalysten halten die neue Strategie für nachvollziehbar. „Die Leute wollen sparen, egal, wo sie leben“, sagt Steve Dresser von Grocery Insight.