Berlin - Die echte Direktvermarktung von Wind- und Sonnenstrom ist hierzulande derzeit praktisch unmöglich. Wegen des Erneuerbare Energien Gesetzes (EEG). Das schreibt vor: Die Betreiber regenerativen Anlagen speisen ihren Strom ins Netz ein und erhalten dafür eine fixe Vergütung.

Der Strom wird von den Netzbetreibern an der Börse verkauft. Dort wird alles, was im Angebot ist, zwecks Vermarktung in einem großen Topf miteinander vermengt. Die Verbraucher gekommen also immer ein Mix geliefert, in dem auch konventionell erzeugte Energie ist.

Um die Grünstrom-Direktvermarktung doch möglich zu machen, gibt es eine ganze Reihe von Ideen. Auch der Bundesrat und eine Gruppe von Koalitionsabgeordneten haben sich dafür stark gemacht, Konzepte zu entwickeln. Für viel Aufsehen hat eine Initiative gesorgt, zu der unter anderem die Stromhändler Greenpeace Energy und Naturstrom, aber auch Verbände und der börsennotierte Energiekonzern MVV Energie gehören.

Grünstrommarktmodell

Auch die Grünen gehören zu den Unterstützern. Gemeinsam wurde das sogenannte Grünstrommarktmodell (GMM) entwickelt. Es sieht vereinfacht formuliert vor, dass beispielsweise ein Stadtwerk oder ein anderer Versorger direkt etwa mit einem Betreiber moderner Windmühlen, der vor Ort aktiv ist, einen Stromliefervertrag abschließt - was mit einem Zertifikat bescheinigt wird.

Letzteres wäre wichtig für die Vermarktung der regional-erzeugten Ökoenergie. Das Stadtwerk sollte dann auch die Einspeisevergütung direkt an den Anlagenbetreiber bezahlen. So würde der EEG-Mechanismus mit den Verkauf des Stroms über die Börse umgangen. Die Idee war, das bis in Details ausgearbeitete GMM in eine Verordnung zu gießen.

Experten im Wirtschaftsministerium haben das Konzept inzwischen geprüft. Und sie winken ab. „Wir sind zu dem Ergebnis gekommen, dass das sogenannte Grünstrommarktmodell von den derzeitigen Marktmodellen europarechtlich am problematischsten ist“, heißt es in einem Brief von Minister Sigmar Gabriel (SPD) an die Energieexperten in den Koalitionsfraktionen – das Schreiben liegt dieser Zeitung vor.

EEG-Fördergelder könnten ins Ausland abfließen

Das GMM erhöhe die Gefahr, dass das deutsche System für die Erneuerbaren noch weiter für ausländische Anbieter geöffnet werden müsse. Dies will die Bundesregierung nicht, weil dadurch EEG-Fördergeld ins Ausland abfließen würde. „Zudem wäre das Modell voraussichtlich nicht kostenneutral, äußerst komplex und ohne relevanten energiewirtschaftlichen Mehrwert“, schreibt Gabriel. Seine Schlussfolgerung: „Das Bundeswirtschaftsministerium sieht das Grünstrommarktmodell deshalb nicht als geeignet an, es in eine Verordnung umzusetzen.“

Oliver Krischer von der Grünen-Bundestagsfraktion steht damit fest, dass die Grünstrom-Fans in den Koalitionsfraktionen nun „einen Tritt in den Hintern von Wirtschaftsminister und SPD-Vorsitzenden Gabriel“ bekommen. Sie würden mit der Standardausrede „nicht mit EU-Recht vereinbar“ abgebügelt.

Gleichwohl will der Minister das Thema nicht gänzlich zu den Akten legen. Aus seinem Schreiben geht hervor, dass er eine Arbeitsgruppe einrichten will, die „ein Modell für eine regionale Stromkennzeichnung für EEG-geförderten Strom“ entwickeln und dabei europarechtliche Bedenken ausräumen soll.

Für Krischer steht dennoch fest: Statt die Dezentralität der Erneuerbaren als Stärke zu nutzen, setze Gabriel auf die teure zentralistischen Zwangsvermarktung über die Strombörse. Sein Fazit: „So macht man die Energiewende kaputt.“