Fünf Topökonomen wenden sich in einem „Plädoyer für die gemeinsame europäische Währung“ gegen die Forderung nach Abspaltung der Krisenländer. Sie warnen vor hohen Kosten auch für Deutschland und werben für eine Reform der Währungsunion. Damit attackieren sie auch Professorenkollegen und Euro-Gegner, die mit der Alternative für Deutschland bei der Bundestagswahl antreten. Verfasst haben den Aufruf Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Clemens Fuest, ZEW Mannheim, Hans Peter Grüner, Uni Mannheim, Michael Hüther, IW Köln und Jörg Rocholl, ESMT Berlin.

Herr Fratzscher, drei Jahre laufen nun die Rettungsversuche. Doch die Euro-Krise geht weiter. Ist die Lage ausweglos?

Die Euro-Zone insgesamt steckt tief in der Rezession. Die Arbeitslosigkeit ist hoch und die sozialen Kosten in den Krisenländern sind enorm. Trotzdem machen wir in unserem gemeinsamen Plädoyer deutlich, dass die Lage schwierig, aber nicht ausweglos ist. Und wir warnen davor, am Fortbestand der Euro-Zone zu rütteln.

Was wären die Hauptprobleme?

Ein Zerfall der Währungsunion würde zu enormen Kosten für alle Länder führen, auch für Deutschland. Die Hoffnung ist ja, dass ein Land nach einem Austritt durch eine Abwertung der eigenen Währung an Wettbewerbsfähigkeit gewinnen könnte. Das ist aber eine trügerische Hoffnung. Man kann die Folgen nicht kontrollieren. Den Ländern drohte der wirtschaftliche Kollaps.

Warum?

Unternehmen und Privatleute müssten Kredite in Euro zurück zahlen, auch an deutsche Unternehmen und Banken. Sie könnten das aber nach einer Abwertung nicht leisten. Es drohten Zahlungsunfähigkeit und eine massive Kapitalflucht, so dass die Wirtschaft nicht mehr an Kredite käme. Die wirtschaftlichen Perspektiven wären auf Jahre hin zerstört.

Die Kritiker der Euro-Rettung argumentieren, dass der Austritt der Krisenländer aber für Deutschland Vorteile bringen könnte.

Das Gegenteil ist richtig. Die Krise würde auch Deutschland massiv treffen. Der wirtschaftliche Niedergang in Absatzländern würde die Nachfrage für die reale Wirtschaft belasten. Hohe finanzielle Kosten kämen hinzu, etwa durch die Targetsalden im System der Europäischen Zentralbank. Zudem müssten Banken und Unternehmen Forderungen abschreiben. Daher sagen wir in dem Aufruf der fünf Wirtschaftswissenschaftler: Ein Austritt eines einzelnen oder mehrerer Länder aus dem Euro ist weder im Interesse dieser Länder noch im Interesse Deutschlands.

Kollegen von Ihnen sehen das anders und werben in der neuen Partei Alternative für Deutschland für einen gleitenden Euro-Austritt einzelner Staaten. Die sollten zeitweise eine Parallelwährung zum Euro einführen, um die Turbulenzen in den Griff zu bekommen.

Gleitender Austritt – das ist so wie ein wenig schwanger zu sein. Solche Forderungen zeugen von Realitätsferne. Es ist unmöglich, ein duales Währungssystem, also zwei Währungen nebeneinander zu managen. Aus der historischen Erfahrung wissen wir, dass dies nicht funktionieren kann. Dies würde zu einer noch tieferen Krise und zu sozialen Schieflagen in den Krisenländern führen.


Das Gespräch führte Markus Sievers.