Mario Draghi: Wirtschaftsexperte und Ex-Chef der EZB. 
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Die Corona-Pandemie sei eine „menschliche Tragödie von biblischem Ausmaß“. Dieses apokalyptische Bild stammt von Mario Draghi. Der frühere Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) fordert in einem Beitrag für die Financial Times die Öffnung aller Geldschleusen. Er schreibt, die Welt befinde sich "im Krieg gegen das Coronavirus".

Der Italiener verzichtet auf die Analyse der Fakten wie etwa der von Ökonomen kritisierten, unklaren statistischen Grundlagen. Diese argumentieren: Es sei aktuell unmöglich, Modelle zu erstellen, welches Ausmaß die Corona-Krise wirklich habe. Zu viele Faktoren seien unbekannt: regionale Unterschiede, Vorerkrankungen, fehlerhafte oder nicht repräsentative Tests.

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Draghi fordert die „volle Mobilmachung“

Draghi blickt nach vorne: „Kriege wurden durch die Erhöhung von öffentlichen Schulden finanziert“, schreibt er. Im Krieg erodierten die Steuereinnahmen durch „Zerstörung und Einberufung“. Heute seien es „die von der Pandemie ausgelöste menschliche Not und der Shutdown“. Draghi fordert die „volle Mobilmachung“. Ohne „bürokratische Verzögerungen“ müssen Unsummen ins System gepumpt werden.

Draghi, der als EZB-Chef die „große Bazooka“ ausgepackt hatte und mit einer niedrigen Zinspolitik für eine historische Schuldenblase gesorgt hat, fordert: Die Banken sollten „ohne Kosten“ Kredite an die Unternehmen ausreichen. Die Staaten sollten dafür garantieren. Es sollte „keine Regulierung und keine Sicherheiten“ geben. Sämtliche Kosten und Risiken sollten die Steuerzahler übernehmen. Wenn die Kredite ihre Schulden nicht bezahlen können, müssten die Staaten die Schulden erlassen. Es müsse wie in Kriegszeiten radikal gedacht werden: „Viel höhere öffentliche Defizite werden die Regel in unseren Volkswirtschaften sein, und sie werden begleitet von Schulden-Nachlässen für den privaten Sektor.“

Viele Ökonomen werden bei solchen Tönen misstrauisch. Sie erinnern sich, dass Draghi mehrfach in seiner Karriere eine undurchsichtige Rolle gespielt hat. Bis heute im Dunkeln ist seine Rolle bei der fatalen Übernahme der Banca Antonveneta durch die Monte dei Paschi di Siena (MPS). Damals war Draghi oberster Banken-Aufseher in Italien. Einige Jahre später beaufsichtigte er für die EZB die Rettung der MPS mit Steuergeldern. Trotz eklatanter Ungereimtheiten in der Buchführung der Bank mussten die Steuerzahler eingreifen.

Draghi warnt vor der „rapiden Verschlechterung der Bank-Bilanzen“ und malt das Schreckensbild der 1920er-Jahre, wenn die Staaten nicht unverzüglich zur Rettung des Finanzsystems ausrücken.