Berlin - Was vor rund zwei Jahrzehnten als kleines Projekt am Rand der Ökoszene begann, hat sich inzwischen zu einem veritablen Wirtschaftszweig entwickelt. Car Sharing gewinnt immer mehr Kunden.

Deutschlandweit stieg ihre Zahl im vergangenen Jahr um gut ein Fünftel, teilte der Bundesverband Car Sharing am Montag mit. 1,26 Millionen Nutzer wurden registriert, 220.000 mehr als 2014. Auch in Berlin gehen die Zahlen nach oben, wie Sebastian Hofelich von Drive Now bestätigte. „Wir wollen in Berlin weiter wachsen und reagieren auf die steigende Nachfrage“, sagte der Geschäftsführer.

Mit einem Marktanteil von 38,8 Prozent ist Drive Now Marktführer im Land. Der Vermieter Sixt sorgt für die Logistik und der Hersteller BMW für die Fahrzeuge – viele Minis, aber zum Beispiel auch i3, X1 und 2er Cabrios. In Berlin hatte Drive Now im September 2011 angefangen – mit 250 Autos, die im Zentrum verteilt zur Miete angeboten wurden. Im Mai 2014 besaßen 100.000 registrierte Nutzer in Berlin den Drive-Now-Funkschlüssel, mit dem sich die Türen damals öffnen ließen. „Derzeit haben wir hier mehr als 170.000 Kunden, die uns je nach Mobilitätsbedarf in unterschiedlichem Maße nutzen“, so Hofelich. „Es gibt Heavy User, die drei oder vier Mal pro Tag mit unseren Fahrzeugen fahren, andere nutzen Drive Now ein Mal pro Halbjahr.“

Weiterhin stünden die Zeichen auf Expansion. So werde das Geschäftsgebiet, das inzwischen auch die Flughäfen Tegel und Schönefeld umfasst, am 10. März erneut erweitert – um fünf auf 161 Quadratkilometer. Drei neue Bereiche kämen hinzu, einer im Südwesten und zwei im Nordosten. „Außerdem werden wir die Zahl unserer Fahrzeuge in Berlin weiter erhöhen. Ende dieses Jahres werden wir 1200 Fahrzeuge anbieten“, kündigte Hofelich an.

140 Autos fahren mit Strom

Nicht ganz so euphorisch sind die Drive-Now-Leute, wenn es um die Elektromobilität geht. Umfangreiche Erweiterungen der Stromflotte seien derzeit nicht zu erwarten, hieß es. Dazu Hofelich: „Von unseren derzeit 1040 Fahrzeugen in Berlin sind 140 Elektroautos. Damit hat Berlin von allen Drive-Now-Standorten die größte Flotte dieser Art in Deutschland – vor München, wo wir in der Flotte 85 Elektroautos anbieten.“ Zwar seien die relativ kurzen Distanzen in der Stadt für Elektromobilität gut geeignet – mit Car-Sharing-Autos werden im Schnitt acht bis zwölf Kilometer zurückgelegt. „Eine weitere Expansion stößt aber derzeit noch an Grenzen, die von der Zahl der Ladestationen bestimmt sind“, erklärte Hofelich.

Kritiker sagen, dass Car Sharing eine neue Strategie der Konzerne sei, Kundschaft zu gewinnen – und dass Wege, die früher umweltfreundlich zurückgelegt wurden, wieder per Auto bewältigt würden. Hofelich wies das zurück. „Untersuchungen zeigen, dass Car Sharing dazu beiträgt, dass private Fahrzeuge abgeschafft werden“, sagte er. „Wer Car Sharing nutzt, nutzt auch die ganze Palette des Umweltverbunds: Er fährt öfter Bus, Bahn oder Fahrrad als Autobesitzer dies tun. Hier geht es nicht darum, sich für Verzicht zu entscheiden, sondern um eine neue Form von Mobilität.“