Berlin - Über 500.000 Bestellungen am Tag, Neukunden in Millionenzahl und keine Schließzeiten: Seit Zalando am Dienstagmorgen seine Geschäftszahlen für das Jahr 2020 bekannt gab, darf der nördlich der Friedrichshainer East Side Gallery gelegene Firmen-Campus als eine Art Krisensperrgebiet in Zeiten von Corona gelten. Denn während bundesweit die Umsätze im stationären Bekleidungshandel um 30 Prozent einbrachen und gut zwei Dutzend Modemarken im Land Insolvenz anmelden mussten, gingen bei Zalando die Umsätze im Pandemiejahr um fast ein Viertel nach oben. „2020 war ein außergewöhnliches Jahr“, sagte Zalando-Co-Chef und Mitgründer Robert Gentz.

Tatsächlich wuchs das Berliner Unternehmen, das sich selbst als den größten Online-Modehändler Europas sieht, abermals schneller und profitierte im Corona-Jahr vor allem davon, ein Kaufhaus ohne Lockdown, Maskenpflicht und Abstandsregeln zu sein. Insgesamt 5,4 Milliarden Mal wurden die Seiten des Konzerns aufgerufen. Das entspricht einem Plus von 29 Prozent und bedeutet im Schnitt mehr als 10.000 Klicks pro Minute. Und es wurde auch gekauft.

Ende 2020 zählte Zalando fast acht Millionen kaufende Kunden mehr als ein Jahr zuvor. Die Zahl der Bestellungen wuchs um 40 Millionen auf 186 Millionen, womit schließlich auch der Umsatz binnen eines Jahres von knapp 6,5 auf nun acht Milliarden Euro zulegte, und der Nettogewinn des Unternehmens von 99 auf 226 Millionen Euro stieg. Es lief also geradezu beispiellos gut bei Zalando, weshalb die Aktie des Unternehmens am letzten Tag des Jahres 2020 auch dreimal so teuer war wie zu Jahresbeginn. Allerdings hatte der geschäftliche Erfolg auch seinen Preis. Zalando verkaufte nicht nur so viel wie nie, sondern benötigte auch mehr Verpackungsmaterial als je zuvor. Belief sich die Menge 2019 noch auf 44.000 Tonnen, so waren es im vergangenen Jahr 53.000 Tonnen.

Und weniger wird es auch künftig nicht werden. Denn das erst 2008 von Robert Gentz und David Schneider in Berlin gegründete Unternehmen will in Sachen Mode das werden, was Spotify im Musikgeschäft ist: die erste Anlaufstelle für Klamottenkäufer. Dafür hat Zalando mittlerweile etwa 3500 Marken und mehr als 700.000 Produkte im Angebot. Allerdings will Zalando längst nicht mehr nur Händler sein.

Inzwischen nutzt das als Dax-Aufsteiger gehandelte Ex-Start-up seine Bekanntheit und sein Know-how, um anderen Modemarken eine digitale Plattform zu bieten und mit Provisionen und Logistik-Dienstleistungen Geld zu verdienen. Erst vor wenigen Wochen konnte dafür an der East Side Gallery der C&A-Konzern gewonnen werden, der seit Jahren sinkende Umsätze und bescheidene Klickzahlen im eigenen Onlineshop zu beklagen hat. Allein im vierten Quartal des vorigen Jahres konnte Zalando über diese neue Nutzung seiner Vertriebskanäle fast ein Viertel des Gesamtumsatzes generieren.

Darüber hinaus treibt Zalando die Zusammenarbeit mit dem stationären Handel weiter voran. Connected Retail heißt das Programm, mit dem es das Unternehmen vor allem auf die Lagerbestände lokaler Händler abgesehen hat. Kann eine bestellte Ware von keinem Zalando-Verteilzentrum sofort verschickt werden, springt der eingebundene Laden ein. Dort wird die Ware verpackt, die Abholung übernimmt Zalando. Zwar verlangt das Unternehmen dafür eine Provision von im Schnitt etwa 13 Prozent, allerdings verspricht Zalando dem Händler zugleich auch ein Umsatzwachstum von bis zu 30 Prozent.

Was Ende 2019 und somit vor Corona begann, sei laut Zalando inzwischen für viele stationäre Geschäfte ein wesentlicher Bestandteil geworden, um die Herausforderung der Pandemie bewältigen zu können. Tatsächlich verzichtet das Unternehmen bis Ende März auf alle Provisionen und bietet den Händlern eine vorzeitige Auszahlung der Umsatzbeteiligungen an, um deren Liquidität zu unterstützen. „Wir wollen auch weiterhin ein Teil der Lösung sein“, sagt Zalandos Co-CEO David Schneider und kann auch dort auf schnelles Wachstum verweisen. Hatten sich im Dezember noch mehr als 2400 stationäre Geschäfte an dem Connected Retail Programm beteiligt, so waren es Ende Februar bereits mehr als 3400 Läden.

Im laufenden Jahr will Zalando das Wachstumstempo beibehalten. Die Umsätze sollen abermals um etwa ein Viertel steigen und zum Jahresende die Zehn-Millionen-Marke knacken. Dafür sollen neue Märkte erschlossen werden, Estland, Kroatien, Lettland, Litauen, Slowakei und Slowenien das derzeit auf 17 Länder beschränkte Geschäftsgebiet erweitern. Für 2022 ist dann der Zalando-Auftritt in Rumänien und Ungarn geplant. Aktuell beschäftigt der Modehändler gut 14.000 Mitarbeiter, etwa jeder zweite arbeitet in Berlin.