In Moabit liegt nur eine Straßenbreite zwischen Epochen der individuellen Mobilität. Auf der einen Seite der Sickingenstraße das Meilenwerk, eine Art 5-Sterne-Hotel samt Beautyfarm für automobile Oldtimer von Benz bis Ferrari, und gegenüber Continental und Brose, wo der Individualverkehr zukunftstauglich unter Strom gesetzt wird.

Bei Conti wurden die Motoren für Renaults Elektroautoflotte ebenso entwickelt wie die Akkus für Hybridantriebe von Mercedes – und beim benachbarten Unternehmen Brose schickt man sich nun an, den Markt für elektrifizierte Fahrräder aufzumischen. „Wir wollen nicht nur Staub aufwirbeln, wir wollen Spuren hinterlassen“, heißt es dort.

Start-up und Traditionsfirma

Am Dienstag startete bei Brose die Fertigung von Antriebssystemen für Elektrofahrräder. 3,4 Millionen Euro hat sich der Automobilzulieferer den Neuzugang im Sortiment kosten lassen, wobei sich Brose mit Elektromotoren auskennt. Denn das 1908 in Berlin gegründete und heute im fränkischen Coburg ansässige Familienunternehmen hat sich auf elektrische Servolenkungen, Heckklappenschließsysteme und Fensterheber spezialisiert. Dort ist das Unternehmen Weltmarktführer und fertigt 100 Millionen Elektromotoren im Jahr.

Der Bereich, in dem die elektrischen Fahrradhilfsmotoren nun entstehen, wird wie ein Start-up innerhalb einer Traditionsfirma geführt. Etwa zwei Dutzend Brosianer arbeiten dort, haben viele Freiheiten und können zugleich die Infrastruktur sowie die Einkaufsmacht des Großunternehmens nutzen, das weltweit 22 000 Mitarbeiter beschäftigt und einen Jahresumsatz von fünf Milliarden Euro macht. Bereichsleiter Christoph Bantle nennt den E-Bike-Bereich eine „automatisierte Manufaktur“. Brose hatte das Werk in der Sickingenstraße 2008 von Siemens übernommen.

Dass es dem Start-up an Ehrgeiz nicht fehlt, macht Bantle deutlich. „Wir wollen der erste Ansprechpartner sein, wann immer jemand auf der Welt ein E-Bike entwickeln will“, sagt der Chef. Tatsächlich ist der Markt für E-Bikes vielversprechend. Es gibt Prognosen, nach denen gegen Ende des Jahrzehnts jedes zweite in Europa verkaufte Fahrrad einen elektrischen Hilfsmotor haben wird. Es ist also ein boomender Geschäftszweig, in dem deutsche Firmen international als Technologieführer gelten, aber auch erst am Anfang stehen. Denn während in Europa im vorigen Jahr etwas mehr als eine Million Elektrofahrräder verkauft wurden, waren es in China schon weit über 25 Millionen.

Allerdings ist Brose längst nicht der einzige Hersteller, der sich diesem Thema widmet. Ein gutes Dutzend Firmen haben mittlerweile entsprechende Systeme zur Unterstützung der Pedalisten im Angebot. Allen voran Bosch. Der Multisortimenter, der Antiblockiersysteme ebenso im Programm hat wie Kühlschränke und Akkuschrauber, hat bereits vor drei Jahren mit der Serienproduktion einbaufertiger Antriebspakete für E-Bikes begonnen. Damals hatte Bosch 13 Kunden, mittlerweile kaufen 50 Fahrradhersteller bei den Schwaben ein.

Geht die Rechnung von Brose auf, wird das Geschäft neu sortiert. Brose will bis 2018 einen Marktanteil von 20 Prozent erreichen. In diesem Fall werden in Europa eine Million Stromvelos ein Antriebssystem aus Berlin haben. Zunächst bestückt Brose Bikes von Bulls und Pegasus, die vor allem die junge Kundschaft überzeugen sollen. Bantle will das E-Bike aus der Senioren-Nische holen. „Wir sind der Porsche unter den E-Bike-Anbietern“, sagt er und verabschiedet sich damit keineswegs von Auto. „Wir wollen, dass die Kunden beides kaufen.“