Die Schallplatte hat schon etliche Nachrufe überlebt.
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BerlinSie heißen Oldschool, T-Recs oder Plattenbau. Kleine Geschäfte, in denen Leute vor hüfthohen Tischen stehen und sich durch gehwegplattengroße Papphüllen blättern. Es sind die Tante-Emma-Läden des Musikgeschäfts, die sich seit Jahren tapfer gegen Megastores und die Musik-Zalandos dieser Welt verteidigen. Und sie waren es, die der mit zahllosen Nachrufen bedachten Schallplatte jenes Schutzreservat boten, das sie zum Überleben brauchte. Ein analoges Ökosystem, das alljährlich mit dem Record Store Day auf sich aufmerksam macht und schwarzes Vinyl als Tonträger feiert. Ein Festival der Entschleunigung und des Widerstands gegen die allgegenwärtige To-go-Kultur, das in diesem Jahr sogar bis in den Oktober geht.

Nachdem 2007 in den USA der erste Record Store Day veranstaltet wurde, hat sich der Tag bei der Fangemeinde des analogen Hörgenusses fest etabliert. Mittlerweile nehmen weltweit 3000 unabhängige Plattenläden daran teil. Es ist ein ausgesuchter Kreis. Große Handelsketten und Onlineshops sind ausgeschlossen. Man bewirbt sich. Empfehlungen sind hilfreich. In Berlin sind in diesem Jahr 13 Läden dabei,­ ebenso viele wie in San Francisco, kaum weniger als in Los Angeles.

Dennoch ist in diesem Jahr vieles anders. Denn der eigentliche Termin – alljährlich der dritte Aprilsonnabend – fiel mitten in den Lockdown. Danach dachte man über eine Verlegung in den Juni nach. Da die Läden aber auf das sonst übliche Begleitprogramm wie Livekonzerte verzichten müssen und der Zugang zu den Geschäften ob der Hygieneregeln limitiert ist, hat man sich dann darauf festgelegt, den Record Store Day auf drei Termine zu strecken: den 29. August, den 26. September und den 24. Oktober. Die erste Runde sei gut gelaufen, sagt Jan Köpke, Chef des deutschen Organisationsbüros in Hamburg. „Sehr diszipliniert, sehr pandemiegerecht.“

Record Store Day besser als Weihnachtsgeschäft

Ganz selbstverständlich war das tatsächlich nicht. Denn an einem Record Store Day werden dem Liebhaber des gepressten Vinyls üblicherweise Raritäten geboten. Platten, die exklusiv für diesen Tag erdacht und produziert wurden. 500 verschiedene Singles, LPs und Doppelalben sind es in diesem Jahr. Diese sind nur bei den teilnehmenden Händlern zu bekommen, und es darf sogar nur eine Platte pro Kunde verkauft werden. Dennoch ist es für die Läden ein gutes Geschäft. Laut Köpke gehen am Record Store Day oft doppelt so viele Platten über die Ladentheken wie im Weihnachtsgeschäft. Vinyl als das neue schwarze Gold, das sich mit seinem furiosen Comeback nun beim Fachhandel für die erwiesene Treue bedanken darf und ihm Kundschaft in die Läden holt.

Bei Dodo Beach Records in der Danziger Straße in Prenzlauer Berg sieht sich Stephan Schulz gut für diesen Sonnabend präpariert. Etwa 120 verschiedene RSD-Editionen hat er geordert. Im Lauf der Woche wurden sie geliefert. Wie viele Platten es insgesamt sind, will er nicht verraten. „Betriebsgeheimnis“, sagt er und glaubt an die Zugkraft der Titel. Eine Ten-inch-picture-Pressung von den Rolling Stones nennt er als Beispiel oder eine Sonderauflage des „The Wall“-Doppelalbums von Roger Waters zum 30-jährigen Jubiläum des Pink-Floyd-Konzerts am Potsdamer Platz.

Schulz, der auch noch einen Laden in Schöneberg betreibt, hat einiges aufzuholen. Im Lockdown musste auch er die Läden fünf Wochen schließen. Zwar habe er einiges über den eigenen Online-Vertrieb auffangen können, aber Corona wirke noch immer. „Die Touristen fehlen und vielen Kunden fehlt das Geld“, sagt Schulz und meint vor allem Stammkunden aus der Veranstaltungsbranche. Viele hätten ihren Job oder sämtliche Einnahmequellen verloren, andere steckten in Kurzarbeit.

Mehr Umsätze mit Schallplatten als mit CDs

Nun hofft Schulz, dass wenigstens die Umsätze bald wieder auf Vor-Corona-Niveau zurückkehren. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht. Immerhin gingen im ersten Halbjahr die Vinyl-Umsätze in Deutschland um 4,6 Prozent nach oben, während die der CDs um 22,9 Prozent eingebrochen sind. Dass zugleich auch die Streaming-Umsätze um 21 Prozent zulegten, sorgt Schulz nicht sonderlich. Der Plattenladen-Betreiber hat sich längst mit Spotify, Deezer und Apple Music arrangiert. Wie er erzählt, kämen immer wieder Kunden zu ihm, um Platten mit Titeln zu bestellen, die ihnen von Streamingdiensten empfohlen wurden. „Besser gehts nicht“, sagt Schulz.

Made in Berlin: die Pressewerk-Gründer Max Gössler und Alexander Terboven.
Foto: Volkmar Otto

Dabei hat so manche Platte einen kurzen Weg. In Lankwitz gibt es das nach wie vor einzige Plattenpresswerk in Berlin. Max Gössler und Alexander Terboven haben es vor dreieinhalb Jahren gegründet. Bei einer Aachener Maschinenbaufirma haben sie zwei Pressen konstruieren und bauen lassen, die binnen weniger Sekunden einen seifenstückgroßen Vinylklumpen zu einer schwarze Scheibe formen.

Auch dort fiel die Produktion zunächst auf ein historisches Tief. „Im April und Mai haben wir fast gar nicht produziert“, sagt Alexander Terboven. Doch das hat sich geändert. Da Clubs geschlossen und Liveauftritte nicht möglich sind, hätten viele Musiker die Zeit genutzt, um Musik aufzunehmen und zu produzieren. Inzwischen sind die Auftragsbücher der Firma Intakt Presswerk prall gefüllt. Die Wartezeit liegt bei zehn Wochen. Trotz des zweimonatigen Produktionsausfalls wurden dort seit Jahresbeginn schon mehr Platten gepresst als vor einem Jahr. Aktuell sind es laut Terboven 30.000 im Monat. Vor Corona waren es 10.000 weniger. Vor diesem Hintergrund haben die beiden Gründer schon oft daran gedacht, die Fertigungskapazität auszubauen.

Tatsächlich kamen kürzlich aus den USA vielversprechende Nachrichten. Auf dem größten Musikmarkt der Welt wurden in der ersten Jahreshälfte erstmals seit 1986 mehr Umsätze mit Schallplatten erzielt als mit CDs. Für Dodo-Beach-Chef Schulz mit ebenfalls dreieinhalb Jahrzehnte langer Erfahrung im Plattengeschäft ist dies dennoch kein Grund zur Euphorie. „Vinyl hat nicht wahnsinnig zugelegt“, sagt er. „Die CD hat wahnsinnig verloren.“