Jan Otto, 39, verheiratet und Vater von zwei Töchtern.
Foto: IG Metall

BerlinIn früheren Zeiten wäre es ein Märchen gewesen: Ein gelernter Lokführer wird Gewerkschaftsführer. In Zeiten des Bedeutungsverlusts von Gewerkschaft ist es eher eine Routine-Meldung: Am Dienstag wurde Jan Otto zum neuen Chef der IG Metall in Berlin gewählt. Er folgt auf die Juristin Birgit Dietze, die im Oktober Gewerkschaftschefin der IG Metall in Berlin, Brandenburg und Sachsen werden soll.

Als wir Jan Otto für ein Gespräch am Telefon erwischen, wird klar, dass der Berliner noch über den klassischen Gewerkschaftsgeist verfügt. „Ich habe immer gern das gemacht, von dem alle anderen behaupteten, es ginge nicht“, sagt Otto. Der gebürtige Köpenicker wuchs in Marzahn auf und ging am Springpfuhl zur Schule. Es folgten eine Lokführerlehre, Eintritt in die Eisenbahnergewerkschaft und der erste Job bei einem private  Güterbahnunternehmen, von dem ihm Arbeitsbedingungen, „die man sich nicht vorstellen will“, in Erinnerung geblieben sind. Er wechselte zum Eisenbahnunternehmen Veolia, gründete dort mit Mitte 20 einen Betriebsrat und handelte den ersten Tarifvertrag aus. 

Tatsächlich hat der heute 39-Jährige nicht nur Lokomotiven bewegt. Für die IG Metall, der er seit 2011 angehört, war Otto in Hamburg und Leipzig. In den letzten fünf Jahren führte er die Region Ostsachsen. Dass Siemens 2018 das bereits beschlossene Aus für das Werk in Görlitz zurücknahm, wird maßgeblich ihm zugeschrieben. Er hatte den Widerstand mobilisiert. „Es hat mich immer angekotzt, dass die Leute nach der Wende aufgehört haben zu kämpfen“, hat er mal gesagt. Er schaffte es, die Zahl der betrieblichen Gewerkschaftsmitglieder in Ostsachsen während seiner Zeit fast zu verdoppeln.

„Da geht auch in Berlin noch was“, sagt Otto. Dass von den mehr als 210.000 Gewerkschaftsmitgliedern in dieser Stadt nur etwa jeder sechste in der IG Metall ist, ist ihm zu wenig. Otto weiß um bevorstehende Strukturumbrüche und will auch Akademiker industrienaher Dienstleister und Start-ups erreichen. „Wenn die IG Metall für Autohäuser verantwortlich ist, dann natürlich auch für das milliardenschwere Berliner Start-up Auto1“, sagt der neue Berliner IG-Metall-Chef.