Durchsichtig, verbindlich, haltbar: Die Rolle zum Glück – für etwas mehr heile Welt.
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BerlinSchnell mal eine geklebt: 98 Prozent der Deutschen kennen „Tesa“ – umgangssprachlich verwenden wir diesen Namen für fast jedes transparente Klebeband. Allerdings weiß kaum jemand, welch entscheidende Rolle eine Sekretärin und ein Thüringer sowie zwei Flops bis zum endgültigen Durchbruch der Marke gespielt haben, bis im April 1940 der Name schließlich beim Patentamt registriert werden konnte. Ein mühsames Geschäft.

Bei der Firmengründung im Jahre 1882 konnte der Apotheker Paul C. Beiersdorf nicht ahnen, dass unter seinem Namen einmal Produkte von Weltrang hergestellt würden: Nivea, Hansaplast, Labello oder Tesa. Sein kleines Unternehmen war denkbar weit entfernt von dem globalen Konsumgüterkonzern, der die Beiersdorf AG inzwischen geworden ist. Aber der Grundstein wurde gelegt: Schon 1896 entwickelte er in seinem Hamburger Unternehmen den sogenannten Beiersdorf-Kautschuk-Klebefilm, die Basis des späteren Erfolgs.

Anfangs war die Klebmasse als Wundpflaster gedacht, aber trotz exzellenter Haftung reizte sie die Haut. So wurde „Citoplast“ als erstes technisches Klebeband herausgebracht, es diente vor allem zum Flicken beschädigter Fahrradschläuche. Auch Tesa gab es schon 1908, es war jedoch kein Klebestreifen, sondern bezeichnete die patentierte Zahnpastatube „Pebeco“ aus dem Hause Beiersdorf.

Der Name „Tesa“ geht auf die Sekretärin Elsa Tesmer zurück, die von April 1903 bis Ende Oktober 1908 als Kontoristin und Leiterin der Schreibstube für Beiersdorf arbeitete. Aus den zwei Anfangsbuchstaben ihres Nachnamens und den zwei letzten Buchstaben ihres Vornamens setzt sich der Begriff zusammen. Warum gerade der Sekretärin so viel Ehre zuteil wurde, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Sie verstarb 1968 im Alter von 81 Jahren.

Jedenfalls ließ Beiersdorf den Namen schon 1908 für seine Zahnpastatube schützen. Doch die Zahncreme entpuppte sich als Flop. Ebenso wie ein zweiter Versuch aus dem Jahr 1926, als der Name für eine neuartige synthetische Wurstpelle eingeführt wurde.

Der Tischabroller: Gut eingefädelt spart man sich die Suche nach dem Anfang des Klebefilms.
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Die Wende kommt 1934, als der 25-jährige Hugo Kirchberg aus Eisenach als Bürokaufmann – mit einem Gehalt von 250 Reichsmark im Monat – bei Beiersdorf einsteigt. Er glaubt fest an den Erfolg des „Beiersdorf-Kautschuk-Klebefilms“ als unerlässliche Bürohilfe. Das Produkt aus transparenter Acetat-Folie braucht aber noch eine zündende Idee: Eine kombinierte Abroll- und Abtrennvorrichtung, um es schnell und sauber verarbeiten zu können. Daher meldet Kirchberg für Beiersdorf bereits 1935 einen Tischabroller zum Patent an.

Außerdem krempelt er veraltete Strukturen um, im eigenen Haus steht zur Massenproduktion zu wenig Zellstoffgewebe zur Verfügung. Die Münchener Wacker-Chemie liefert zwar kein Lassoband, aber Acetatfolie. Daraus wird nun ein durchsichtiges Band hergestellt, daneben entwirft Kirchberg ein völlig neues Produktions-, Vertriebs- und Preismodell. Den einprägsamen Namen „Tesa“ setzt er im Unternehmen gegen Widerstände des Vorstands durch. Denn die beiden Tesa-Misserfolge sind noch in allzu schlechter Erinnerung, die Firmenleitung rät zur Bezeichnung „Pilot“.

Aber Kirchberg bleibt hartnäckig und der Erfolg gibt ihm Recht, der Selbstklebefilm wird zum Verkaufsschlager. Der Werbeslogan „Zum Kleben, Flicken, Basteln“ trifft genau die Bedürfnisse in den von Wirtschaftsflaute und Vorkriegskrisen geprägten 1930er-Jahren. Mit einem leicht veränderten Design steht das Tesa-Abrollgerät bis heute auf fast jedem Schreibtisch.

Eine Frage, die sich wohl fast jeder Benutzer schon einmal gestellt hat: Wieso bleibt eigentlich der Klebstoff an einer Seite des Tesa-Films kleben und an der anderen nicht? Und: Wie bleibt der Kleber beim Abrollen am Film hängen? Antwort: Der durchsichtige und hochglatte Film ist von beiden Seiten unterschiedlich bearbeitet. Eine Seite ist mit einer Trennschicht versehen, die den Kleber abweist, die andere bindet den Kleber. Alles in allem besteht der Tesa-Film also aus drei Schichten: Film, Verbindungsschicht und Kleber.

Schon 1939 verkauft Beiersdorf vom „Tesa-Klebefilm“ – 1941 in „Tesa-Film“ umbenannt – mehr Klebebänder als die gesamte deutsche Konkurrenz zusammen. Der Umsatz steigt von 238000 Reichsmark auf weltweit knapp 1,38 Milliarden Euro im Jahr 2019. Dafür sorgen 4900 Mitarbeiter in mehr als 100 Ländern mit 63 Tochtergesellschaften, sie stellen 6500 verschiedene Produkte für Industriekunden in der Druck-, Papier-, Elektronik- und Automobilindustrie her, allein für private Endverbraucher sind es 300.

Und die Geschichte geht weiter: Zufällig entdeckten 1998 zwei Mannheimer Wissenschaftler, dass sich der Tesafilm als Medium zur Speicherung großer Datenmengen auf kleinstem Raum eignet. Mit verblüffender Dichte: Zehn Gigabyte passen auf eine handelsübliche Zehn-Meter-Rolle. Die Datenübertragung erfolgt per Laserstrahl, dort, wo er auftrifft, zieht sich der Kunststoff zusammen und zeigt Strukturen, die später ausgelesen werden können.

Doch letztendlich konnte die „Tesa-ROM“ in der sich schnell entwickelnden Speichertechnologie nicht mithalten. Heutige Speichermedien wie die SD-Card können auf noch kleinerem Raum mehr Gigabyte fassen als die Klebefilm-Rolle. Aber Tesa entwickelte daraus ein „Holospot-System“ (ein winziges Klebe-Hologramm) und bietet damit neue Möglichkeiten im Fälschungsschutz – etwa bei Raubkopien oder Produktplagiaten.

Hugo Kirchberg wurde 1973 pensioniert, vorher hatte er noch Tesaband, Tesakrepp, Tesafix und Tesamoll auf die Rolle gebracht, später kamen der Tesastick und die Powerstrips hinzu. Welchen Glauben Kirchberg in „sein“ Tesa hatte, zeigt eine von Mitarbeitern überlieferte Anekdote: An einem 1. April in der Nachkriegszeit berichtete ein Kollege von einem gesprengten U-Boot-Bunker im Hamburger Hafen. Dadurch seien im Elbtunnel Risse entstanden. Das Hafenamt wolle nun wissen, ob man diese mit Tesa abdichten könne.

Kirchberg schnappte sich sofort seinen Musterkoffer und wollte zum Unglücksort eilen. Der gute Mann hatte den Aprilscherz für bare Münze genommen.