Neben den sozialen Medien als ewigen „Second Screen“-Ablenkungsmanövern haben sich Videokonferenzen im Pandemiejahr 2020 rasant zu einer der meistgenutzten Funktionen im Internet entwickelt. Wir nutzen sie viel, aber stehen mit den Konferenzen noch am Anfang – dementsprechend war ihnen zu Beginn der Pandemie unsere ungeteilte Aufmerksamkeit gewiss. Waren sie doch noch nicht Teil jenes Informationsrauschens, das unseren Alltag durch Radiosender, Fernsehen, Netflix oder Podcasts begleitet. Videokonferenzen begegneten uns vielmehr so neu und prominent, wie die Menschen in den 1930er- oder 40er-Jahren ihre Radiogeräte, in den 50ern und 60ern ihre Fernsehgeräte erlebten: im Wohnzimmer sitzend, gebannt von jener magischen Stimme, die aus diesem neuen Gerät den Raum besetzte.

Ende 2020 sind es schließlich Studenten, die als erste in Videokonferenzen massenweise in den Streik treten. Sie sind der neuen disziplinarischen Ordnung, die der Online-Unterricht vor der Webcam bedeutet, überdrüssig. In vielen Seminaren sitzen Dozenten schwarzen Bildschirmen gegenüber. In der Arbeitswelt ist diese Welle noch nicht angekommen. Stattdessen Videokonferenzen in Endlosschleife: Hier wirkt die neue Disziplin vorm Bildschirm in den meisten Fällen weiterhin.

Das kommt nicht von ungefähr. Die Videokonferenzen fordern uns. Aufmerksamkeit ist Trumpf. Abgelenkt sein funktioniert nicht. Abwesenheit wird notiert. Währenddessen wird unser Blick über die im Zoom-Call starren Motive auf dem Bildschirm immer müder. Abgesehen von gelegentlichen Unterbrechungen durch Powerpoint-Präsentationen passiert hier nicht viel. Unser Blick wie der des Panthers bei Rainer Maria Rilke: Er ist „vom Vorübergehn der Stäbe“, die unseren Laptop meinen, „so müd geworden, dass er nichts mehr hält. Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt.“

Während wir an jenen Konferenzen teilnehmen, hängt unser Kopf leicht zum Bildschirm geneigt, weg von unserem Körper hin zum Digitalen. In einem seiner Videos stellt der Youtuber MemeAnalysis heraus: „Der Kopf ist getrennt vom Körper, während er behauptet, unser Ich zu sein. Aber eigentlich ist er das nicht. Unser Sozialleben entwickelt sich gerade rasend schnell auf etwas zu, das nichts mehr mit unserer physischen Existenz zu tun hat.“

Im digitalen Raum ist unser Sein auf unseren Kopf beschränkt. Denken wir allein an Selfies oder die obligatorischen Profilfotos unserer zahlreichen Accounts im World Wide Web: Während der Videokonferenzen sitzen wir auf einem Stuhl vor der Kamera unseres Laptops. Wir sitzen genau so vor der Kamera, dass unser Kopf auf dem Bildschirm erscheint. Der Gedankenwelt von C.G. Jung folgend – der als Psychoanalytiker untersuchte, wie unsere Stimme zum entpersonalisierten Synonym unseres Seins, unserer Existenz werden kann – sagt MemeAnalysis in seinem Youtube-Video: „Unsere Gesichter werden zu Memes unserer selbst.“

Was Videokonferenz-Tools wie Teams oder Zoom für uns so anstrengend gestaltet, ist die in ihren Code einprogrammierte, unterschwellige Besessenheit vom Selbstbild, die sie erzeugen. Wir leiden unter permanentem Selfie-Stress. Wir können unsere Augen nicht davon abwenden, die Gesten unseres Kopfes, wie unser Gesicht beleuchtet ist, zu überwachen. Wir sind in der Notwendigkeit gefangen, auf Augenhöhe zu bleiben, und schaffen es doch nicht: „Ich weiß, dass es wichtig ist, Blickkontakt zu halten, aber ich bin todmüde und schaue weg ...“ Wir fragen uns: „Sehe ich gut aus? Was ist mit dem Schatten auf meinem Gesicht? Ist es im Raum zu dunkel, oder bin ich zu blass? Sollte ich Make-up auftragen? Ich habe vergessen, meine gute Hose anzuziehen. Ich sehe sicher müde aus von den vielen langen Nächten. Mann, wie ich den Weitwinkel hasse ...“

Der Philosoph und Kulturwissenschaftler Byung-Chul Han beschreibt in seinen Essaybändern, wir lebten inzwischen nicht mehr in einer Disziplinargesellschaft, sondern in einer Gesellschaft, die durch Leistung, um nicht zu sagen Performance definiert ist. Im Zoom-Beispiel ist das deutlich angelegt. Die dort verlangte Performance stimmt uns unweigerlich diffus müde. Es ist gerade die stumme Performativität, die uns die Videokonferenz abverlangt, die so anstrengend ist. Vor Zoom haben sich Generationen mit aktiver Beteiligung, Interaktion und Glück als wesentlichem Kriterium des Seins beschäftigt. Dieser Anspruch versiegt nach 2019 im Regime hektischer Produktivität weniger gegenüber der verzweifelten Trägheit vieler (in den Bildschirm starrender Videokonferenz-Teilnehmer).

Wenn wir Zoombies doch nur so entspannt mit Videokonferenzen umgehen könnten, wie wir als Couch-Potato vor dem Fernseher abhängen. Wie wir Zoom erleben, muss sich indes noch von der Enge des Screens befreien. Wie bei jedem anderen neuen Medium sind wir im Anfangsstadium angehalten, Videokonferenzen ernst zu nehmen und ihnen unsere ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken. Aber kalkuliert denn niemand damit, dass Multitasking noch nie funktioniert hat? Wir sitzen vermeintlich still, wenn wir dem Treiben in Videokonferenzen zuschauen. Selbstredend ist die Idee, „Je stiller du wirst, desto mehr kannst du hören“ (frei nach Ram Dass), schön. Das Durcheinander unseres Alltags erfordert aber, dass wir uns gleichzeitig um viele Dinge kümmern. In der Pandemie gilt: Während wir zu Hause sind, müssen wir im Büro sein – und andersherum. Das Homeoffice wird zum Zuhause = Büro, Büro = Zuhause. Von unseren Mitarbeitern und Gesprächspartnern bis zu Freunden, Familien und Liebhabern – sie alle erwarten, dass wir in Echtzeit reagieren. Andernfalls füllen sie sich düpiert. Aber wir sind in diesem Meeting, einem Kurs und haben noch zwei Stunden vor uns.

Während die sozialen Medien sich anfühlen, als würden wir uns willkürliche, selbst auferlegte Ziele setzen, fühlt sich die Teilnahme an Videokonferenzen wie reine Folter an. Die implizite Disziplinierung fordert uns auf, brav zu sitzen, den Mund zu halten und zu gehorchen. Dumme Gesichter sind nicht erlaubt! Man darf nicht gelangweilt aussehen, nicht einmal für einen Moment. Was für eine furchtbare Domestizierung. Paralyse im Dialog – „by design“. Unsere Erstarrung ist in den Code von Zoom und Co. einprogrammiert. Das ist der Grund, warum die meisten stumm bleiben und schweigen. Nicht, weil sie etwas zu verbergen haben, sondern weil es keinen Ausdruck auf dem Screen gibt, der fassen würde, was wir als Menschen insgesamt sind: komplex.

Die gelegentliche Katze, das Kind oder der Partner, die durch das Bild laufen, sind zwar potenziell niedlich, aber nicht wirklich. Indem sie sich in den wachsenden Hype um die „Zoom Fatigue“ einkaufte, rief die Natursendung Vroege Vogels im holländischen Radio ihre Hörer dazu auf, zu berichten, welche Vögel sie während ihrer Videositzungen draußen sahen (#uitgezoomd) und rief zur kollektiven Ablenkung auf. Uns bleibt die Anstrengung, unsere Aufmerksamkeit in jenen Konferenzen vorzuspielen. Aber wie entkommen wir diesem virtuellen Käfig? Für die Pandemie hoffen wir zwar auf Licht am Ende des Tunnels, aber ein Reset für unseren Zoom-Zustand ist nicht in Sicht. Träumt ihr nur, ihr Offline-Romantiker – es bleibt absehbar: Wir werden nur noch tiefer in den virtuellen Abgrund gezogen.

Geert Lovink ist niederländischer Medientheoretiker, Internetkritiker und Autor von „Zero Comments“, „Das halbwegs Soziale“, „Im Bann der Plattformen“ und „Digitaler Nihilismus“ (alle bei Transkript Verlag Bielefeld erschienen). Seit 2004 leitet er das Institut für Netzkultur an der Fachhochschule Amsterdam (networkcultures.org).